Oh Graus – ein Langsatz!

Im Jahr 1138 reitet ein junger Mann von Passau aus ins böhmische Gebirge hinein. Die Donau läßt er hinter sich:

Die Donau geht in der Richtung zwischen Morgen und Mittag fort, und hat an ihren Gestaden, vorzüglich an ihrem mitternächtigen, starke waldige Berge, welche bis an das Wasser reichende Ausgänge des böhmischen Waldes sind. Mitternachtwärts von der Gegend, die hier angeführt worden ist, steigt das Land staffelartig gegen jenen Wald empor, der der böhmisch-bayerische genannt wird. Es besteht aus vielen Berghalden, langgestreckten Rücken, manchen tiefen Rinnen und Kesseln, und obwohl es jetzt zum größten Teile mit Wiesen, Feldern und Wohnungen bedeckt ist, so gehört es doch dem Hauptwalde an, mit dem es vielleicht vor Jahren ununterbrochen überkleidet gewesen war. Es ist, je höher hinauf, immer mehr mit den Bäumen des Waldes geziert, es ist immer mehr von dem reinen Granitwasser durchrauscht, und von klareren und kühleren Lüften durchweht, bis es im Arber, im Lusen, im Hohensteine, im Berge der drei Sessel und im Blöckensteine die höchste Stelle und den dichtesten und an mehreren Orten undurchdringlichen Waldstand erreicht.

Das sind – bitte zählen Sie nach! – vier Sätze. Vier Sätze! Dan Brown würde auf demselben Platz ein ganzes Kapitel unterbringen. Für Adalbert Stifter, aus dessen Roman Witiko diese Sätze stammen, waren solche Sätze normal, sie waren es auch für seine Zeitgenossen und für die meisten Schriftsteller und Journalisten bis weit ins 20. Jahrhundert hinein – und auch für deren Leser. So ein kompliziertes Satzgefüge beim Lesen mit einem Blick zu durchschauen, das ist nämlich keine Kunst, es ist nur Übung.

Wir leben heute freilich (aber das weiß man nur, wenn man schon ein bißchen älter ist und den Vergleich hat) im Zeitalter des Kurzsatzes. Subjekt, Prädikat, Objekt – das muß reichen. Eine kompliziertere Syntax ist viel zu anstrengend.

Weil sie das weiß, bietet eine Fachfrau im Internet „Business Schreibkurse“ an, in denen ihre Kunden lernen sollen, wie man Schachtelsätze vermeidet:

Sie kommen oft vor: Schachtelsätze. Sätze, die nie zu enden scheinen, die kurz vor dem ersehnten Schluss noch einmal eine Wendung machen, bevor sie, vier Einschübe später, zum eigentlichen Punkt kommen.

Wenn Sie möchten, dass Ihre Texte verständlich sind und gerne gelesen werden, sollten Sie darauf achten, Schachtelsätze zu vermeiden. Denn zu verschachtelte  und zu lange Sätze ermüden den Leser und führen zu Missverständnissen.

Und wenn Sie jetzt glauben, daß diese Tendenz nur im „Business“ grassiert, haben Sie sich – leider! – getäuscht. Die Schulen (auch die Gymnasien, die ja schon lange nicht mehr für die Bildungselite stehen!) haben längst vor dem Zwang zu geistiger Schlichtheit kapituliert. Alles muß bunt und graphisch aufgepeppt sein, denn für den Menschen von heute ist eine Seite ohne Bildchen (Bleiwüste!) eine Zumutung.

Klaus Ruß hat dazu einen ernüchternden Artikel in der F.A.Z. geschrieben (dankenwerterweise hier immer noch kostenlos zu lesen). Ein Lesebuch von 1971 („Lesen Darstellen Begreifen“) wird als Vergleichsobjekt vorgeführt:

Anspruchsvolle, sprachlich elaborierte Kurzgeschichten von Böll (damals Zeitgenosse), Bergengruen, Ebner-Eschenbach u.a. führen Erzählweisen vor und werden sprachlich-ästhetisch analysiert als das, was sie sein sollen: Als Artefakte, deren sprachliche Ausformung die Inhalte prägt. Die Aufmachung ist nüchtern. Der Satzspiegel geht über die ganze Seite, mehrfaches Umblättern zeigt nichts außer Text ohne jegliche grafische Ablenkung. „Bleiwüste“ nennen Kritiker dieses Angebot.

Und heute?

Zeitgenössische Lesebücher muten solches den 13 Jahre alten Jugendlichen nicht mehr zu. Die Texte sind viel kürzer, werden durchschossen von allerlei Bildern, sind farbig unterlegt, eingerahmt und mit grafischen Gimmicks aufgebrezelt. Viele Seiten sehen aus wie eine Pizza, auf die der Bäcker appetitliche Verzierungen gestreut hat.

Ich jedenfalls danke dem lieben Gott, daß ich die ersten drei, vier Jahrzehnte meines Lebens noch im analogen Zeitalter zugebracht habe.

Es sind doch gerade die Bleiwüsten eines Romans, die das Tor in eine abenteuerliche Welt der Phantasie aufstoßen. Aber alles steht und fällt mit der Sprache. Wer einen Roman des 19. Jahrhunderts liest, erschließt sich eine neue Welt. Gibt es etwas Aufregenderes?

Oder – um den heimischen Dialekt zu gebrauchen: wer nur noch die simple, primitive Sprache von Coaching-Firmen und Facebook-Usern versteht, bleibt ein „Simpel“ sein Leben lang.

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