{"id":9813,"date":"2013-11-28T17:18:05","date_gmt":"2013-11-28T16:18:05","guid":{"rendered":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=9813"},"modified":"2013-11-28T17:19:32","modified_gmt":"2013-11-28T16:19:32","slug":"das-kleine-woertchen-vollends","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=9813","title":{"rendered":"Das kleine W\u00f6rtchen &#8222;vollends&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>So beginnt eine Filmkritik von Philipp Holstein in der Online-Ausgabe der <a title=\"Rheinischen Post\" href=\"http:\/\/www.rp-online.de\/kultur\/film\/kinokritiken\/trotz-penelope-cruz-und-cameron-diaz-the-counselor-enttaeuscht-aid-1.3849045\">Rheinischen Post<\/a>:<\/p>\n<blockquote><p>Ridley Scotts mit Spannung erwarteter Krimi &#8222;The Counselor&#8220; ist gespickt mit gro\u00dfen Namen. Und dennoch: Der Film ist vollends missgl\u00fcckt.<\/p><\/blockquote>\n<p>Holstein hat, ehe er Feuilletonredakteur der <em>Rheinischen Post<\/em> wurde, unter anderem Germanistik studiert. Dann h\u00e4tte ihm eigentlich der Fehler mit dem W\u00f6rtchen &#8222;vollends&#8220; nicht unterlaufen d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Was er mit seinem Satz meinte, ist klar: der Film ist seiner Ansicht nach\u00a0<em>v\u00f6llig<\/em>\u00a0bzw. <em>vollst\u00e4ndig<\/em> mi\u00dfgl\u00fcckt. Aber das schreibt er nicht. Wohl in der Absicht, sich besonders gew\u00e4hlt auszudr\u00fccken, verwendet er das seltener gebraucht Wort &#8222;vollends&#8220; &#8211; und setzt es v\u00f6llig (nicht vollends!) falsch ein.<\/p>\n<p>Sehen wir uns einmal an, wie das unscheinbare Wort im\u00a0<em>Universalw\u00f6rterbuch<\/em> des Duden (2006) definiert wird:<\/p>\n<blockquote><p>(im Hinblick auf einen Rest, etw. noch Verbliebenes) v\u00f6llig; ganz u. gar.<\/p><\/blockquote>\n<p>Wichtig ist dabei, was einschr\u00e4nkend in der Klammer steht: das Wort entspricht zwar unserem &#8222;v\u00f6llig&#8220;, aber eben <strong>nur <\/strong>&#8222;im Hinblick &#8222;auf einen Rest&#8220;!<\/p>\n<p>Im <em>Duden <\/em>findet man gen\u00fcgend Beispiele, die das anschaulich illustrieren. Etwas &#8222;vollends zerst\u00f6ren&#8220; bedeutet: es ist schon fast ganz zerst\u00f6rt und wird jetzt &#8222;vollends&#8220; zerst\u00f6rt, also bis zum letzten Rest, bis zum Ende. Der Saal hatte sich &#8222;vollends geleert&#8220; bedeutet: der Saal ist schon fast leer, jetzt leert er sich bis auf den letzten Platz. Vollends zufrieden sein, hei\u00dft: man ist ohnehin schon sehr zufrieden, erst jetzt aber ist man vollends, also vollst\u00e4ndig zufrieden.<\/p>\n<p>Jetzt mag mancher sagen: das sind doch Haarspaltereien. Keineswegs! Es sind Feinheiten, die noch vor ein paar Jahrzehnten jedem Abiturienten gel\u00e4ufig waren, es sind die subtilen Dinge, die eine Sprache erst zu einem sensiblen Instrument machen.<\/p>\n<p>Warum ist diese Kenntnis &#8211; wie man sieht: sogar bei ausgebildeten Germanisten! &#8211; verlorengegangen? Es liegt, da bin ich sicher: am Lesen. Heute liest man zu wenig, und vor allem: die falschen Texte. Man war fr\u00fcher schon als Abiturient und erst recht als akademisch gebildeter Mensch viel erfahrener in seiner Lekt\u00fcre. Literatur von Walther von der Vogelweide bis Hermann Hesse war da noch Pflicht. Wer nat\u00fcrlich nur noch (mehr schlecht als recht ins Deutsche \u00fcbersetzte!) Thriller \u00e0 la Dan Brown oder gar Fantasy-Romane liest, darf sich nicht wundern, da\u00df sprachliches Feingef\u00fchl gar nicht erst aufkommt.<\/p>\n<p>Das Sprachgef\u00fchl wird so immer geringer, und dann verschwindet es &#8211; vollends.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So beginnt eine Filmkritik von Philipp Holstein in der Online-Ausgabe der Rheinischen Post: Ridley Scotts mit Spannung erwarteter Krimi &#8222;The Counselor&#8220; ist gespickt mit gro\u00dfen Namen. Und dennoch: Der Film ist vollends missgl\u00fcckt. 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