{"id":9072,"date":"2013-08-05T16:54:36","date_gmt":"2013-08-05T14:54:36","guid":{"rendered":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=9072"},"modified":"2013-08-05T16:54:36","modified_gmt":"2013-08-05T14:54:36","slug":"fleischlos-gluecklich-oder-die-zwangsbeglueckung-im-zeitalter-der-organisierten-moralitaet","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=9072","title":{"rendered":"Fleischlos gl\u00fccklich &#8211; oder: Die Zwangsbegl\u00fcckung im Zeitalter der organisierten Moralit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<p>Ja, Sie haben richtig gelesen: es gibt nicht nur eine organisierte Kriminalit\u00e4t, es gibt auch eine organisierte Moralit\u00e4t, und man sollte sich einmal fragen, welche von beiden mehr Schaden anrichtet (und mehr Lebensfreude zerst\u00f6rt). Die politischen Zwangsbegl\u00fccker, die unser gesamtes Leben normieren und auch den kleinsten Schaden von uns fernhalten wollen, sitzen n\u00e4mlich keineswegs nur in Br\u00fcssel. Sie haben zum Beispiel auch in der DDR gesessen, und das ist kein Zufall, denn diese hilflosen Versuche, unser Leben (und es ist <em>unser<\/em> Leben!) zu regulieren, es in vorgeschriebene Bahnen zu lenken und alles bis in den privaten Alltag (und sogar bis in die Sprache!) hinein zu reglementieren, geh\u00f6ren im Kern zur linken Tradition. Deshalb kommen die Forderungen nach dem verordneten Gl\u00fcck, nach der Ethisierung allen Lebens besonders lautstark und besonders heftig von den Gr\u00fcnen, der SPD und der Linken &#8211; bei ihnen sind sie l\u00e4ngst Teil ihrer Ideologie geworden. Da\u00df der <em>Hang zum Zwang<\/em> auch in der Merkelschen CDU um sich greift, mu\u00df diese gesichts- und prinzipienlos gewordene Partei mit sich selbst ausmachen. Die Diskussion dar\u00fcber wird kommen, aber vermutlich erst nach Merkel.<\/p>\n<p>Die Gr\u00fcnen l\u00e4uten jetzt eine neue Runde ein: der &#8222;Veggie Day&#8220; soll gesetzlich eingef\u00fchrt werden. An einem Tag in der Woche <em>d\u00fcrfen<\/em> dann Kantinen und Mensen <em>nichts Tierisches<\/em> anbieten &#8211; oder, wie meine besonderen Freunde, die Veganer, zu sagen pflegen, keine &#8222;Leichenteile&#8220;. H\u00f6ren wir, was Renate K\u00fcnast zur Begr\u00fcndung sagt (<a title=\"hier\" href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/wirtschaftspolitik\/veggie-day-gruene-wollen-fleischlosen-tag-in-kantinen-12397473.html\">hier<\/a> nachzulesen):<\/p>\n<blockquote><p>Ein Veggie Day ist ein wunderbarer Tag zum Ausprobieren, wie wir uns mal ohne Fleisch und Wurst ern\u00e4hren.<\/p><\/blockquote>\n<p>Dieses &#8222;wunderbare Ausprobieren&#8220; gibt es freilich schon seit vielen, vielen Jahren, und nicht nur an einem Tag in der Woche, sondern t\u00e4glich. Fast alle Kantinen und Mensen bieten vegetarische Gerichte an, und das ganz ohne staatlichen Zwang. Sie tun es, weil ihre Kunden es verlangt haben. Das ist der richtige Weg.<\/p>\n<p>Ich brauche keine Reglementierung, ich will \u00fcberzeugt werden. Und vor allem traue ich &#8211; mit gutem Grund! &#8211; den amtlichen und politischen Begr\u00fcndungen dieser guten Taten nicht. Die Energiewende zum Beispiel ist ein einziger Schwindel und eine gro\u00dfe Dummheit dazu: sie zerst\u00f6rt unsere Landschaft, und jedes Windrad braucht ein paar hundert Kilo &#8222;Seltene Erden&#8220;, die in China unter uns\u00e4glichen Bedingungen und mit schlimmen \u00f6kologischen Folgen gef\u00f6rdert werden. Die Energiesparlampen, zu deren Gebrauch ich zwangsverpflichtet worden bin, enthalten Gift und m\u00fcssen als Sonderm\u00fcll entsorgt werden. Die M\u00fclltrennung durch den Verbraucher hat nie richtig funktioniert und ist \u00fcberdies teurer und aufwendiger als eine Trennung und Sortierung durch Fachbetriebe.<\/p>\n<p>Die Liste lie\u00dfe sich beliebig verl\u00e4ngern. Wenn man die triumphierend vorgetragenen moralischen Imperative kritisch untersucht, bleibt vom versprochenen \u00f6kologischen Segen selten etwas \u00fcbrig.<\/p>\n<p>Aber die Tiere! Der Veggie Day und die vegetarische Ern\u00e4hrung \u00fcberhaupt tr\u00fcgen &#8222;zu artgerechter Tierhaltung bei&#8220;. Sagt Frau K\u00fcnast, die unter Schr\u00f6der vier Jahre lang Landwirtschaftsministerin war. Was hat sie denn getan, um die Massentierhaltung in ihre Grenzen zu weisen? Ein paar kosmetische Ver\u00e4nderungen, einige Quadratzentimeter mehr, ein neuer Name (&#8222;Kleingruppenhaltung&#8220;) &#8211; das war&#8217;s schon. An die gro\u00dfen Massentierhalter haben sich die Gr\u00fcnen, die lange genug im Bund, in den L\u00e4ndern und in St\u00e4dten und Gemeinden an der Macht waren, nie wirklich herangewagt.<\/p>\n<p>Ich habe nun wirklich nichts gegen eine vegetarische Ern\u00e4hrung, es gibt gute Gr\u00fcnde daf\u00fcr. Wir essen seit Jahrzehnten drei bis viermal in der Woche fleischlos, und auch an den \u00fcbrigen Tagen ist Fleisch nur in kleinen Mengen auf dem Teller. Das halte ich \u00fcbrigens, ohne jetzt in eine dieser fruchtlosen Grundsatzdiskussionen einzutreten, f\u00fcr die bessere L\u00f6sung. Wenn immer mehr Menschen <em>wenig<\/em> Fleisch essen, dann ist das effektiver, als wenn eine kleine Minderheit (eine ansehnlich gewordene, aber doch kleine Minderheit) <em>gar kein<\/em> Fleisch i\u00dft. Das ist eben der Unterschied, ob man in dieser Frage sein Leben nach der <em>reinen<\/em> oder nach der <em>praktischen<\/em> Vernunft ausrichtet.<\/p>\n<p>Aber wie auch immer: Druck und Zwang, wie milde sie auch sein m\u00f6gen, werden nur Widerstand erzeugen, denn die Menschen wollen nicht begl\u00fcckt, sie wollen &#8211; wie m\u00fcndige B\u00fcrger &#8211; \u00fcberzeugt werden. Der Veggie Day (mu\u00df man eigentlich alles immer englisch ausdr\u00fccken?) ist, wenn er denn kommen sollte, kein gro\u00dfes Malheur, aber er ist eben eingebettet in eine ganze Serie von Versuchen, uns auf gesetzlichem oder zumindest administrativem Wege zu bemuttern und wie die Schafe zu h\u00fcten. Aber wir sind keine Schafe, und das Leben, liebe Moralisten, ist viel, viel mehr als das einfache moralische Korsett, in das ihr uns einschn\u00fcren m\u00f6chtet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ja, Sie haben richtig gelesen: es gibt nicht nur eine organisierte Kriminalit\u00e4t, es gibt auch eine organisierte Moralit\u00e4t, und man sollte sich einmal fragen, welche von beiden mehr Schaden anrichtet (und mehr Lebensfreude zerst\u00f6rt). 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