{"id":9043,"date":"2013-08-04T00:11:21","date_gmt":"2013-08-03T22:11:21","guid":{"rendered":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=9043"},"modified":"2013-08-04T07:45:33","modified_gmt":"2013-08-04T05:45:33","slug":"pobelndes-publikum-im-theater-eine-antwort-auf-eine-ganz-ganz-dumme-kolumne-von-sibylle-berg-im-spiegel","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=9043","title":{"rendered":"P\u00f6belndes Publikum im Theater? Eine Antwort auf eine ganz, ganz dumme Kolumne von Sibylle Berg im &#8222;Spiegel&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Wenig ist widerw\u00e4rtiger als Buhrufe&#8220;, schreibt &#8211; in schlechtem Deutsch &#8211; Sibylle Berg im <em>Spiegel<\/em> (<a title=\"hier\" href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/kultur\/gesellschaft\/sibylle-berg-ueber-buhendes-publikum-a-913911.html#ref=rss\">hier<\/a> nachzulesen). Am Ende einer Auff\u00fchrung, die alle Teilnehmer mit viel Herzblut geschaffen h\u00e4tten, stehe &#8222;die Verh\u00f6hnung durch das Publikum&#8220;. Man wei\u00df nicht so recht, worauf sie sich genau bezieht, davon redet sie nicht, also ist es wohl allgemein und pauschal gemeint.<\/p>\n<p>Frau Berg, die selbst Dramatikerin ist, malt eine Art Genrebild, das unser Herz anr\u00fchren will:<\/p>\n<blockquote><p>War es eine kleine Produktion, haben 20 Menschen zwei Monate an dieser Inszenierung gearbeitet, oft sind es 50. Die meisten sieht man nicht, sie sind in der Technik, im B\u00fchnenbau, in der Tonabteilung, in der Schneiderei. Die Requisite fieberte an diesem Abend genauso mit wie die Maskenabteilung. Zwei Monate Angst, Spa\u00df, Verwirrung und harte Arbeit.<\/p><\/blockquote>\n<p>Ja, und was will uns Frau Berg damit sagen? Da\u00df wir schon deshalb, weil harte Arbeit vorhergegangen ist, zum Applaus verpflichtet sind?\u00a0Sollen wir auch bei schlechten Inszenierungen applaudieren (und das sind dank des staatlich subventionierten Regietheaters die meisten)? Sollen wir uns freuen, wenn uns pubert\u00e4re Regisseure, die mit 50 oder 60 Jahren noch immer pubertieren,mit Kot, Blut und Sperma &#8222;provozieren&#8220; wollen &#8211; und das immer wieder, und von Jahr zu Jahr mehr? Sollen wir applaudieren, wenn auf der B\u00fchne immer und immer wieder die alten Griechen in den St\u00fccken von Sophokles, Euripides und Aischylos auf der B\u00fchne in T-Shirts oder Nadelstreifen herumlaufen?<\/p>\n<p>Mein Gott, wie <em>provozierend<\/em>! Und wie <em>originell<\/em>!<\/p>\n<p>Nein, ein lebendiges Theater hat zu allen Zeiten, und gerade dann, wenn es am lebendigsten und vitalsten war, von den heftigen (und nat\u00fcrlich nicht immer gerechten!) Reaktionen des Publikums gelebt. Lachen und Toben, Bravo- und Buhrufe &#8211; das alles geh\u00f6rt zum echten, authentischen Theater. Erst da, wo es zum reinen Bildungstheater erstarrt ist, steht am Ende der obligatorische und h\u00f6fliche Applaus. Ist der denn so erstrebenswert f\u00fcr die Schauspieler? Wirklich nicht. Wer mit Herzblut Theater spielt, will doch nicht diesen in Deutschland \u00fcblichen Pflichtapplaus, der am Ende blo\u00df der Form halber und ohne innere Beteiligung gespendet wird. Man will Emotionen beim Publikum sehen, und da ist ein Buhen, das aus dem Herzen kommt, allemal erfreulicher als der f\u00f6rmliche Applaus der Zuschauer, bevor sie ins Parkhaus eilen. Frau Berg freilich dramatisiert dieses von alters her \u00fcbliche Wechselspiel von Schauspielern und Zuschauern auf eine unerh\u00f6rte Weise:<\/p>\n<blockquote><p>Mir stellt sich die Frage, ob Menschen, die sich bei Premieren so ent\u00e4u\u00dfern, wissen, was sie da tun. Gibt ihnen der Erwerb einer Eintrittskarte wirklich das Recht, K\u00fcnstler zu traumatisieren? Ich habe von S\u00e4ngern geh\u00f6rt, die ihre Laufbahn wegen Buhrufern beenden mussten. Regisseure, die zu trinken begannen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Ach, liebe Frau Berg, ich habe von Schauspielern geh\u00f6rt, die nicht vom Publikum, sondern von ihren Regisseuren traumatisiert worden sind. Die nicht etwa zu trinken beginnen, weil am Ende ein paar Buhrufe kommen, sondern weil sie es nicht mehr ertragen, ihre schauspielerischen F\u00e4higkeiten in plumpen, oberfl\u00e4chlichen, den Verstand besch\u00e4menden Inszenierungen zu vergeuden. Sehen Sie sich doch einmal die <em>Lumpazivagabundus<\/em>-Auff\u00fchrung bei den Salzburger Festspielen an. Gerhard Stadelmaier hat sie gestern in der F.A.Z. in seiner unnachahmlichen Art beschrieben (<a title=\"hier\" href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/buehne-und-konzert\/festspiele\/nestroy-bei-den-salzburger-festspielen-einen-jux-will-er-sich-schmieren-12317248.html\">hier<\/a> nachzulesen). Nat\u00fcrlich ist der b\u00f6se Geist Lumpazivagabundus nackt (ohne Nacktheit l\u00e4uft nun einmal <em>gar nichts<\/em> \u00a0im heutigen Theater!), und nat\u00fcrlich ist er &#8222;mit Sperma und Blut besudelt&#8220;. Aber Moment! &#8211; ich merke eben, da\u00df der Urin fehlt! Hat ihn der Herr Regisseur vergessen? Oder hat Stadelmaier ihn nicht bemerkt? Jedenfalls wird ein Theaterst\u00fcck erst k\u00fcnstlerisch bedeutend, wenn alle drei K\u00f6rpers\u00e4fte, also Blut, Urin und Sperma, vorhanden sind. Damit kann der Herr Regisseur n\u00e4mlich zeigen, wie <em>vital<\/em> seine Inszenierung ist &#8211; und wie <em>provozierend!\u00a0<\/em><a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/buehne-und-konzert\/festspiele\/nestroy-bei-den-salzburger-festspielen-einen-jux-will-er-sich-schmieren-12317248.html\"><br \/>\n<\/a><\/p>\n<p>In einem aber, Frau Berg, gebe ich Ihnen recht: wir sollten nicht brav im Saal sitzenbleiben und erst nach zwei oder drei Stunden buhen.<\/p>\n<p>Nein, wir sollten bei diesen staatlich subventionierten K\u00f6rpersaftorgien einfach aufstehen und gehen. Oder &#8211; noch besser &#8211; solche Theater meiden wie die Pest, denn irgendwann (ich wei\u00df nicht, ob ich es noch erleben werde) wird man an solche Inszenierungen zur\u00fcckdenken wie an einen peinlichen Traum.<\/p>\n<p>Das Publikum verh\u00f6hnt die Schauspieler nicht, Frau Berg, das ist eine b\u00f6swillige Unterstellung, und schon gar nicht verh\u00f6hnt es die vielen flei\u00dfigen Helfer hinter den Kulissen. Nein,\u00a0es ist umgekehrt: das Publikum selbst wird von den Regisseuren mit ihren uns\u00e4glichen Inszenierungen verh\u00f6hnt.<\/p>\n<p>Es ist h\u00f6chste Zeit, da\u00df es sich dagegen wehrt!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Wenig ist widerw\u00e4rtiger als Buhrufe&#8220;, schreibt &#8211; in schlechtem Deutsch &#8211; Sibylle Berg im Spiegel (hier nachzulesen). Am Ende einer Auff\u00fchrung, die alle Teilnehmer mit viel Herzblut geschaffen h\u00e4tten, stehe &#8222;die Verh\u00f6hnung durch das Publikum&#8220;. 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