{"id":625,"date":"2011-05-18T11:20:17","date_gmt":"2011-05-18T09:20:17","guid":{"rendered":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=625"},"modified":"2011-05-18T23:44:10","modified_gmt":"2011-05-18T21:44:10","slug":"gewahrsam","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=625","title":{"rendered":"Gewahrsam"},"content":{"rendered":"<p>Was haben Ai Weiwei und Dominique Strauss-Kahn gemeinsam? Sie sind in Gewahrsam. Aber was hei\u00dft das &#8211; Gewahrsam?<\/p>\n<p>Der Duden kl\u00e4rt uns kurz und b\u00fcndig auf: Gewahrsam sei<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: center;\">veraltet f\u00fcr Gef\u00e4ngnis.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Aber das ist doch ein bi\u00dfchen sehr kurz und ein bi\u00dfchen sehr b\u00fcndig.<\/p>\n<p>Das Wort ist alt, das sieht man ihm an. Und es war zuallererst blo\u00df ein (heute nicht mehr gebrauchtes) Adjektiv: wer gewahrsam war, der war aufmerksam, wachsam, auf lateinisch <em>cautus<\/em>. Von einem Hund hei\u00dft es im 18. Jahrhundert, er sei &#8222;ein fleisziger und getreuer, gewahrsamer h\u00fcter&#8220;. Das Landrecht von 1616 empfiehlt deshalb auch, mit dem Feuer &#8222;gewarsam&#8220; umzugehen. Ein gewahrsamer Ort war ein sicherer Ort. &#8222;Wir wollen&#8220;, schreibt Simon Schaidenreisser im 16. Jahrhundert, &#8222;ietz dein hab und gut an ain gewarsames ort bringen, damit dir nichts entragen werde.&#8220;<\/p>\n<p>Ist also Ai Weiwei, der sich nach den Agenturberichten im &#8222;Gewahrsam&#8220; der chinesischen Beh\u00f6rden befindet, an einem sicheren Ort? Das mu\u00df bezweifelt werden.<\/p>\n<p>Irgendwann hat man von dem Adjektiv ein Substantiv abgeleitet. Es war erst ein Femininum, sp\u00e4ter wurde es zum Neutrum oder Maskulinum. Also: der, die oder das Gewahrsam. Die Bedeutungsentwicklung wird nun allm\u00e4hlich, wie es im Grimmschen W\u00f6rterbuch hei\u00dft, &#8222;un\u00fcbersichtlich&#8220;. Jedenfalls dr\u00e4ngt sich aber immer mehr die Bedeutung &#8222;sicherer Ort&#8220; in den Vordergrund. Goethe schreibt noch in einem Brief von 1821, da\u00df &#8222;das schon lange in meinem gewahrsam sich befindende manuscript gestern mit dem postwagen abgegangen&#8220; sei.<\/p>\n<p>Immer \u00f6fter wird aber jetzt als lateinische Entsprechung <em>custodia<\/em> genannt, was zwar zun\u00e4chst nur &#8222;achtsame F\u00fcrsorge&#8220; bedeutet, dann aber auch die f\u00fcrsorgliche Bewachung in einem Gef\u00e4ngnis. Aus dem &#8222;sicheren Ort&#8220; ist nun also ein &#8222;verschlossener Raum&#8220;, ein Gef\u00e4ngnis geworden. Eine Frauensperson, so steht es in einem Heidelberger Polizeibericht von 1899, &#8222;wurde wegen trunkenheit in polizeilichen gewahrsam genommen&#8220;.<\/p>\n<p>Wer jetzt &#8222;verwahrt&#8220; wird, hat also seine Freiheit verloren. Wie sicher der Ort des Gewahrsams ist, h\u00e4ngt dann nat\u00fcrlich von den rechtlichen Zust\u00e4nden im Lande ab. Auf jeden Fall sollte man das Wort vermeiden, wenn man von der blo\u00dfen Unterbringung in einem Gef\u00e4ngnis spricht.<\/p>\n<p>Ob jemand (wie Strauss-Kahn) mit allen M\u00f6glickeiten zu rechtsstaatlicher Verteidigung in den USA inhaftiert ist oder (wie Weiwei) als Opfer einer kommunistischen Willk\u00fcrjustiz verschleppt und an einem unbekannten Ort gefangengehalten wird, macht einen gro\u00dfen Unterschied aus.<\/p>\n<p>Dieser Unterschied sollte nicht mit dem Wort &#8222;Gewahrsam&#8220; eingeebnet werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was haben Ai Weiwei und Dominique Strauss-Kahn gemeinsam? Sie sind in Gewahrsam. Aber was hei\u00dft das &#8211; Gewahrsam? Der Duden kl\u00e4rt uns kurz und b\u00fcndig auf: Gewahrsam sei veraltet f\u00fcr Gef\u00e4ngnis. 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