{"id":5905,"date":"2012-06-30T01:39:46","date_gmt":"2012-06-29T23:39:46","guid":{"rendered":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=5905"},"modified":"2012-06-30T10:13:08","modified_gmt":"2012-06-30T08:13:08","slug":"meine-gottesbeweise","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=5905","title":{"rendered":"Meine Gottesbeweise"},"content":{"rendered":"<p>Die christliche Geschichte, vor allem die des Mittelalters, ist voller Gottesbeweise. Viele von ihnen kennt heute niemand mehr, aber einige (etwa der des Anselm von Canterbury) sind zumindest unter Gebildeten noch bekannt. Sie haben freilich alle etwas Sophistisches, es wird nur aus Begriffen deduziert, und am Ende ist auch Gott nur ein Begriff.<\/p>\n<p>Mit einem Wort: es ist wenig Fleisch an den Knochen.<\/p>\n<p>\u00dcberhaupt ist ja schon das Wort &#8222;Gottesbeweis&#8220; selbst leicht unverfroren. Wenn es n\u00e4mlich einen Gott gibt, der alles erschaffen oder doch zumindest &#8211; als <em>primum movens<\/em> &#8211; den Grund f\u00fcr alles gelegt hat, wie kann dann ein kleines Menschlein auf die Idee kommen, es k\u00f6nne allein durch seinen Verstand die Existenz (oder Nicht-Existenz) Gottes &#8222;beweisen&#8220;?<\/p>\n<p>Es gibt schon Hinweise, Hindeutungen, aber die sind immer eher subjektiv und h\u00e4ngen mehr mit der Lebenserfahrung als mit logischen Konstruktionen zusammen.<\/p>\n<p><strong>Mein erster Gottesbeweis:<\/strong><\/p>\n<p><strong><\/strong>Es sind nur vier Zeilen. Geschrieben wurden sie im Dezember 1944 in einem Gestapo-Gef\u00e4ngnis &#8211; von Dietrich Bonhoeffer. Es war ein Weihnachtsgru\u00df im Angesicht des Todes an seine Verlobte und an die Familie:<\/p>\n<blockquote><p>Von guten M\u00e4chten wunderbar geborgen,<br \/>\nerwarten wir getrost, was kommen mag.<br \/>\nGott ist mit uns am Abend und am Morgen,<br \/>\nund ganz gewi\u00df an jedem neuen Tag.<\/p><\/blockquote>\n<p>Das Gedicht ist viel l\u00e4nger, aber es sind diese vier Zeilen, die man nicht mehr aus dem Sinn bekommt. Wenn einem Menschen solche Zeilen &#8211; den Tod vor Augen &#8211; m\u00f6glich sind, dann kann man eigentlich nicht mehr zweifeln.<\/p>\n<p><strong>Mein zweiter Gottesbeweis:<\/strong><\/p>\n<p>Die Musik! Nein, nicht nur die Kirchenmusik &#8211; aber die nat\u00fcrlich auch. Das ist nun ein Feld, auf dem die katholische Kirche klar und deutlich im Hintertreffen ist. Sie hat nichts, was sich mit den protestantischen Kirchenliedern messen kann. Leider ist es so, da\u00df man im evangelischen Gottesdienst (au\u00dfer an hohen Feiertagen) fast nur noch die faden und melodisch d\u00fcnnen modernen Lieder singt &#8211; oder gleich amerikanische Gospels. Die Anbiederung an den Zeitgeist ist leider seit einem halben Jahrhundert ein durch und durch protestantisches Ph\u00e4nomen. Aber das ist nicht unser Thema.<\/p>\n<p>Die Musik &#8211; schon f\u00fcr Schopenhauer war sie eine M\u00f6glichkeit, die sonst un\u00fcbersteigbare Mauer zwischen der sinnlichen und der transzendenten Welt wenigstens f\u00fcr einen Moment zu \u00fcbersteigen. Sie bringt keinen Vorteil im <em>survival of the fittest<\/em>, auch die hartn\u00e4ckigsten Darwinisten bei\u00dfen sich an ihr die Z\u00e4hne aus. Und es ist ja nicht nur die Musik. Es ist auch Goethes <em>\u00dcber allen Gipfeln ist Ruh<\/em>, es sind die Chagall-Fenster von St. Stephan in Mainz, es sind die romanischen und gotischen Kathedralen &#8211; jedes vollkommene Kunstwerk ist ein Gottesbeweis!<\/p>\n<p><strong>Mein dritter Gottesbeweis:<\/strong><\/p>\n<p>Der ist am schwersten zu erkl\u00e4ren, vielleicht gar nicht. Es ist einfach die pers\u00f6nliche Gewi\u00dfheit, <em>da\u00df er da ist<\/em>. Diese Gewi\u00dfheit ist eine merkw\u00fcrdige Mischung aus Gef\u00fchl und Verstand, und oft ist es so, da\u00df man gar nicht gl\u00fccklich \u00fcber sie ist. Man w\u00e4chst ja in einer durch und durch s\u00e4kularen Welt auf, in der die Wissenschaft die eigentliche Gottheit ist. Erst wenn man \u00e4lter wird, merkt man, wie unbefriedigend die Erkl\u00e4rungen der Wissenschaft sind. Dann kommt man zur Philosophie &#8211; und zur Religion. Aber nicht zu einer naiven Feld-, Wald- und Wiesenreligion, nicht zu einem sch\u00f6nen Himmel, den man sich erfindet, um die Angst vor dem Tod zu verlieren. Das w\u00e4re mir zu billig, gegen solche Illusionen bin ich einigerma\u00dfen gefeit.<\/p>\n<p>Dann kann es vorkommen, da\u00df man sich, fast wider Willen, zu diesem christlichen Glauben hingezogen f\u00fchlt, auch weil er &#8211; anders als die alten Gesetzes- und Buchreligionen &#8211; eine fast unglaubliche moralische Sch\u00f6nheit und Radikalit\u00e4t hat. Jesus mag Jude gewesen sein, aber die im Neuen Testament \u00fcberlieferten Jesusworte kommen zu uns wie aus einer anderen Welt.<\/p>\n<p>Letztlich gibt es aber keinen anderen Gottesbeweis als den Glauben selbst. Der Theologe Heinz Zahrnt hat das zu einem Satz verdichtet, \u00fcber den man eigentlich nicht mehr hinausgehen kann:<\/p>\n<blockquote><p>Ich glaube Jesus seinen Gott.<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die christliche Geschichte, vor allem die des Mittelalters, ist voller Gottesbeweise. Viele von ihnen kennt heute niemand mehr, aber einige (etwa der des Anselm von Canterbury) sind zumindest unter Gebildeten noch bekannt. 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