{"id":5662,"date":"2012-06-02T01:24:47","date_gmt":"2012-06-01T23:24:47","guid":{"rendered":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=5662"},"modified":"2012-06-02T08:58:17","modified_gmt":"2012-06-02T06:58:17","slug":"joachim-gauck-cem-ozdemir-und-der-islam-in-deutschland","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=5662","title":{"rendered":"Joachim Gauck, Cem \u00d6zdemir und der Islam in Deutschland"},"content":{"rendered":"<p>Die fast immer gro\u00dfspurig auftretenden Vertreter der t\u00fcrkisch-muslimischen Verb\u00e4nde waren sofort zur Stelle. Es scheint, als warteten sie st\u00e4ndig auf einen Grund, sich zu emp\u00f6ren. Bescheidenheit, <em>common sense<\/em> ist nicht ihre St\u00e4rke.<\/p>\n<p>Dabei hat unser Bundespr\u00e4sident, als er sich auf den umstrittenen Satz seines Vorg\u00e4ngers bezog, da\u00df der Islam n\u00e4mlich zu Deutschland geh\u00f6re, eine ganz selbstverst\u00e4ndliche Korrektur angebracht:<\/p>\n<blockquote><p>Ich h\u00e4tte einfach gesagt, die Muslime, die hier leben, geh\u00f6ren zu Deutschland.<\/p><\/blockquote>\n<p>Genauso ist es. Man kann doch nicht aus der Tatsache, da\u00df heute viele Muslime unter uns leben, kurzerhand schlie\u00dfen, da\u00df auch unsere Geschichte und unsere Kultur vom Islam mitgepr\u00e4gt seien.<\/p>\n<p>Das sind sie n\u00e4mlich nicht.<\/p>\n<p>Jeder, der in unserem Land lebt, genie\u00dft &#8211; solange er sich an die Gesetze h\u00e4lt &#8211; die volle Religionsfreiheit. Sie ist ihm sogar durch das Grundgesetz garantiert. Aber jeder, der hier lebt, sollte sich auch im klaren dar\u00fcber sein, da\u00df es kaum ein islamischen Land gibt, das seinen B\u00fcrgern eine vergleichbare Freiheit einr\u00e4umt. Selbst in der T\u00fcrkei haben Christen einen schweren Stand &#8211; sie sind allenfalls eine <em>geduldete<\/em> Minderheit, und von einer wirklichen Religionsfreiheit ist man in der T\u00fcrkei noch weit, weit entfernt.<\/p>\n<p>Deshalb entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, da\u00df ausgerechnet die t\u00fcrkischen Verb\u00e4nde in Deutschland immer wieder etwas einfordern, was ihr Heimatland allen Nichtmuslimen immer noch versagt.<\/p>\n<p>Mich verwundert es, da\u00df selbst gebildete Muslime bei solchen Anl\u00e4ssen genauso stereotyp reagieren wie ihre ungebildeten Glaubensgenossen. Da ist sofort von Islamophobie die Rede, da wird gar dem Bundespr\u00e4sidenten, der solche Belehrung wei\u00df Gott nicht n\u00f6tig hat, ein &#8222;Blick in die Geschichtsb\u00fccher&#8220; empfohlen. Ein gewisser G\u00fcner Deniz nennt Gaucks Satz &#8222;Bl\u00f6dsinn&#8220;, und Lamya Kaddor spricht &#8211; ebenso dreist wie dumm &#8211; von &#8222;Meinungsmache&#8220; und &#8222;Stimmenfang&#8220;.<\/p>\n<p>Und auch Cem \u00d6zdemir von den Gr\u00fcnen kritisiert Gauck:<\/p>\n<blockquote><p>Wenn der Bundespr\u00e4sident erkl\u00e4rt, dass Muslime, die hier leben, zu Deutschland geh\u00f6ren, dann geh\u00f6rt nat\u00fcrlich auch ihr Islam zu Deutschland.<\/p><\/blockquote>\n<p>Da m\u00fc\u00dfte man jetzt wirklich semantisch untersuchen, was die Vokabel &#8222;geh\u00f6ren&#8220; bedeutet. Wenn es die blo\u00dfe Existenz des Islam in Deutschland meint, h\u00e4tte \u00d6zdemir nat\u00fcrlich recht. Das w\u00e4re aber doch eine eher platte Aussage: der Islam ist da, weil er da ist.<\/p>\n<p>Aber darum geht es hier doch nicht. Es geht hier allein um Geschichte und Kultur, und zwar genau <em>die<\/em> Geschichte und <em>die<\/em> Kultur, die uns in Europa bis in den Alltag hinein seit Jahrhunderten pr\u00e4gen. Und da hat der Islam nun wirklich nicht die geringste Rolle gespielt. Im Gegenteil: der Islam mit seiner Unduldsamkeit war immer so etwas wie ein kultureller Gegenentwurf, er war &#8211; wie es sich einst in dem Ruf &#8222;Die T\u00fcrken vor Wien!&#8220; ausgedr\u00fcckt hat &#8211; geradezu ein Schreckgespenst, und das wahrhaftig nicht ohne Grund.<\/p>\n<p>Viele Generationen von uns Europ\u00e4ern haben &#8211; oft unter gro\u00dfen Opfern! &#8211; k\u00e4mpfen und leiden m\u00fcssen, bis wir endlich diesen freiheitlichen, liberalen, demokratischen Rechtsstaat hatten. In ihm f\u00fchlen wir uns wohl. Er ist eine <em>Errungenschaft<\/em>, das hei\u00dft: er mu\u00dfte buchst\u00e4blich <em>errungen<\/em> werden.<\/p>\n<p>Wer hier mit uns leben will und sich mit uns \u00fcber all das freut, was ihm als Ergebnis einer langen Geschichte zuteil wird, ist immer willkommen, denn er ist dann ja wie wir Erbe einer Vergangenheit, deren Fr\u00fcchte wir alle genie\u00dfen. Wer uns aber bei jeder Gelegenheit belehren und uns einen v\u00f6llig anderen, eher archaischen Gesellschaftsentwurf aufzwingen will, der sollte sich wirklich ein anderes Land suchen. Er wird hier nicht gl\u00fccklich werden, denn wir werden, das sollte jedem klar sein, unsere Kultur, unsere Geschichte, unsere Freiheit verteidigen. Gerade Joachim Gauck sagt das immer auf beeindruckende Weise, und deshalb war auch die Bemerkung von Cem \u00d6zdemir ein \u00fcberfl\u00fcssiger Fauxpas. Er ist doch ein intelligenter Politiker (<em>obwohl<\/em> er bei den Gr\u00fcnen ist, h\u00e4tte ich jetzt fast gesagt), da hat er eigentlich diese Verteidigungsreflexe, wie man sie von den aus Ankara gesteuerten Islamverb\u00e4nden kennt, nicht n\u00f6tig.<\/p>\n<p>Ich vermute, da\u00df ein anderer Satz des Bundespr\u00e4sidenten der eigentliche Stein des Ansto\u00dfes war, denn er erinnert ein bi\u00dfchen an die Rede, die Papst Benedikt XVI. in Regensburg gehalten hat:<\/p>\n<blockquote><p>Wo hat denn der Islam dieses Europa gepr\u00e4gt, hat er die Aufkl\u00e4rung erlebt, gar eine Reformation? Ich bin hoch gespannt auf den theologischen Diskurs innerhalb eines europ\u00e4ischen Islams.<\/p><\/blockquote>\n<p>Aber diesen Diskurs, f\u00fcrchte ich, werde ich nicht mehr erleben. Reformation, Aufkl\u00e4rung, selbst das <em>aggiornamento<\/em> des Zweiten Vatikanischen Konzils &#8211; solche Entwicklungen sehe ich auch im europ\u00e4ischen Islam nicht, solange geistig (und geistlich!) unbewegliche Verbandsb\u00fcrokraten hier im Lande lautstark den islamischen Ton angeben.<\/p>\n<p>Aber sch\u00f6n w\u00e4r&#8217;s, ja.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die fast immer gro\u00dfspurig auftretenden Vertreter der t\u00fcrkisch-muslimischen Verb\u00e4nde waren sofort zur Stelle. Es scheint, als warteten sie st\u00e4ndig auf einen Grund, sich zu emp\u00f6ren. Bescheidenheit, common sense ist nicht ihre St\u00e4rke. 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