{"id":506,"date":"2011-04-27T12:53:11","date_gmt":"2011-04-27T10:53:11","guid":{"rendered":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=506"},"modified":"2011-04-27T13:00:16","modified_gmt":"2011-04-27T11:00:16","slug":"marketing-bis-in-den-tod","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=506","title":{"rendered":"Marketing bis in den Tod"},"content":{"rendered":"<p>Manchmal greift man sich an den Kopf, wenn man Nachrichten aus der <em>Sponsoring<\/em>&#8211; und Marketing-Welt h\u00f6rt. Da geht es zu wie im Kindergarten. Aber einem mit ganz b\u00f6sen (und ganz dummen) Kindern.<\/p>\n<p>Nehmen wir das Frankfurter Waldstadion, in dem seit unvordenklichen Zeiten die Eintracht Frankfurt (leider nicht immer sehr erfolgreich) ihre Bundesligaspiele austr\u00e4gt.\u00a0<em><\/em><\/p>\n<p><em>Waldstadion <\/em>&#8211; was f\u00fcr ein sch\u00f6ner und passender Name, denn es liegt wirklich mitten im Wald! Aber das Stadion war in die Jahre gekommen, es mu\u00dfte abgerissen und durch ein moderneres ersetzt werden. Der Sponsor, die Commerzbank, zahlte laut Wikipedia an den st\u00e4dtischen Betreiber des Stadions an die 30 Mill. Euro &#8211; daf\u00fcr lautet nun der offizielle Name f\u00fcr einen Zeitraum von zehn Jahren &#8222;Commerzbank-Arena&#8220;.<\/p>\n<p>Um es ganz deutlich zu sagen: gegen wohlt\u00e4tige Spenden f\u00fcr das gemeine Wohl ist nichts einzuwenden, sie hat es schon immer gegeben. Nur haben sich fr\u00fcher die (damals wirklich edlen!) Spender im Hintergrund gehalten. Sie wollten einfach nur etwas Gutes tun.<\/p>\n<p>Die Manager in dieser unserer Zeit sind von anderem Kaliber. Wenn sie schon Geld hergeben, dann kann es nicht laut genug hinausposaunt werden. Eine einfache Tafel am Eingang des Waldstadions mit einem Dank an den Spender &#8211; das w\u00e4re angemessen gewesen. Aber nein: der Schriftzug &#8222;Commerzbank-Arena&#8220; auf dem Stadion ist jetzt &#8222;eine der gr\u00f6\u00dften Leuchtreklamen der Welt&#8220; (Wikipedia). Er erreicht in seiner Gr\u00f6\u00dfe fast das ber\u00fchmte &#8222;Hollywood&#8220;-Monument in Los Angeles.<\/p>\n<p>Leider ist das kein Einzelfall. Man braucht sich nur umzusehen &#8211; \u00fcberall wollen unsere Manager gro\u00dfe Spuren hinterlassen (davon ist \u00fcbrigens das Wort &#8222;gro\u00dfspurig&#8220; abgeleitet). Man denke nur an die <em>Allianz Arena<\/em> in M\u00fcnchen (nat\u00fcrlich ohne den im guten Deutsch verbindlichen Bindestrich!), an den <em>Signal Iduna Park<\/em> in Dortmund, die <em>Veltins-Arena<\/em> in Gelsenkirchen, die <em>Mercedes-Benz Arena<\/em> in Stuttgart, das <em>RheinEnergieStadion<\/em> in K\u00f6ln usw.<\/p>\n<p>Tue Gutes und rede dar\u00fcber, hat man fr\u00fcher ironisch gesagt. Aber das gen\u00fcgt heute nicht mehr. Tue Gutes und zwinge deinen Vertragspartner rechtsverbindlich, dar\u00fcber in einem fort zu reden &#8211; so ist es heute.<\/p>\n<p>Da stellt sich aber schon die Frage, warum zum Beispiel unsere Sportreporter, die doch von Hause aus Journalisten und nicht Marketingleute sind (und ihr Geld nicht von der Commerzbank bekommen, sondern von uns), warum auch sie also brav diese durch viel Geld erkauften, dummen Namen st\u00e4ndig nachplappern! Wer kann einen unabh\u00e4ngigen Journalisten zwingen, nicht mehr vom &#8222;Waldstadion&#8220; zu reden, sondern von der &#8222;Commerzbank-Arena&#8220;?<\/p>\n<p>Und noch ein kleiner Nachtrag, das <em>Marketing durch Todesanzeigen<\/em> betreffend. Wenn ein Firmengr\u00fcnder, ein Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer stirbt, dann k\u00f6nnen die zum Beispiel im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung geschalteten Todesanzeigen gar nicht gro\u00df genug sein. Manchmal f\u00fcllen sie ein, zwei Seiten. Das ist eine \u00fcber das Ende des Lebens hinausgehende Gro\u00dfmannssucht, eine Protzerei, die inzwischen jedes Ma\u00df \u00fcberschreitet. Der Gr\u00fcnder eines mittelst\u00e4ndischen Unternehmens, der Chef einer bedeutenden Anwaltskanzlei erlebt nach seinem Tod etwas, das an die Verg\u00f6ttlichung der Kaiser im alten Rom erinnert.\u00a0 <em>Est modus in rebus<\/em>, hei\u00dft es aber doch &#8211; es soll ein menschliches Ma\u00df sein in den Dingen. Da sollte es sich verbieten, auch noch die Todesanzeige (sozusagen als Kollateral-Nutzen) zu einer Werbefl\u00e4che zu machen.<\/p>\n<p>Vor vielen Jahren habe ich v\u00f6llig \u00fcberraschend in der F.A.Z. die Todesanzeige eines meiner Professoren gelesen. Clemens Heselhaus war gestorben, sicher einer der besten Droste-Kenner Deutschlands, wenn nicht \u00fcberhaupt. Die Anzeige war klein und bescheiden. An ihr war nichts Prahlerisches, \u00dcbertriebenes. Sie war ehrlich und hatte Stil.<\/p>\n<p>Aber Stil und Ma\u00df &#8211; das sind Dinge, die man sich f\u00fcr Geld nicht kaufen kann.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Manchmal greift man sich an den Kopf, wenn man Nachrichten aus der Sponsoring&#8211; und Marketing-Welt h\u00f6rt. Da geht es zu wie im Kindergarten. Aber einem mit ganz b\u00f6sen (und ganz dummen) Kindern. 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