{"id":4665,"date":"2012-03-18T00:02:07","date_gmt":"2012-03-17T23:02:07","guid":{"rendered":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=4665"},"modified":"2012-03-18T09:08:06","modified_gmt":"2012-03-18T08:08:06","slug":"sivas-1993-ein-live-pogrom-im-turkischen-fernsehen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=4665","title":{"rendered":"Sivas 1993 &#8211; ein Live-Pogrom im t\u00fcrkischen Fernsehen"},"content":{"rendered":"<p>Es gibt ja nicht nur den V\u00f6lkermord an den Armeniern.<\/p>\n<p>Am 2. Juli 1993 fand in der anatolischen Stadt Sivas ein alevitisches Kulturfestival zu Ehren des Dichters Pir Sultan Abdal statt. Die Stimmung war schon vorher aufgeheizt, denn der t\u00fcrkische Schriftsteller Aziz Nesin, der an der Veranstaltung teilnahm, hatte es gewagt, Salman Rushdies <em>Satanische Verse<\/em> ins T\u00fcrkische zu \u00fcbersetzen.<\/p>\n<p>Nesin und viele andere Teilnehmer der Veranstaltung wohnten in Sivas im Madimak-Hotel. Und dann passierte es. Die zornigen Muslime kamen nach dem sog. Freitagsgebet, das leider in vielen F\u00e4llen alles andere als ein &#8222;Gebet&#8220; ist, sondern ein Aufputschen von Ha\u00dfgef\u00fchlen, noch zorniger aus der Moschee heraus und versammelten sich vor dem Hotel. Es sollen um die 20.000 Menschen gewesen sein.<\/p>\n<p>Die ersten Brands\u00e4tze flogen in das aus Holz gebaute Hotel, das bald lichterloh brannte. Die frommen Muslime lie\u00dfen es nicht zu, da\u00df irgendjemand aus dem brennenden Hotel fl\u00fcchten konnte.<\/p>\n<p>Nun k\u00f6nnte man sagen: das war halt eines jener gew\u00f6hnlichen Pogrome, wie es sie gegen unbeliebte Minderheiten schon immer gegeben hat. Aber dieses Pogrom war anders. Es fand nicht im finsteren Mittelalter statt, sondern in der T\u00fcrkei des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Die Staatsmacht, in Gestalt von Polizei und Feuerwehr, lie\u00df die mordl\u00fcsterne Menge gew\u00e4hren, ja es gibt sogar deutliche Indizien daf\u00fcr, da\u00df die Polizei dem Mob behilflich war.<\/p>\n<p>Acht Stunden lang (!) johlten und br\u00fcllten die frommen Menschen, ehe die Feuerwehr endlich eingriff &#8211; nat\u00fcrlich viel zu sp\u00e4t. Da waren schon 35 Menschen, unter ihnen viele K\u00fcnstler, bei lebendigem Leibe verbrannt. Der verha\u00dfte Schriftsteller Nesin \u00fcberlebte verletzt, die meisten anderen hatten weniger Gl\u00fcck. Unter den Toten waren (ich habe ihre Namen der <em>Wikipedia<\/em> entnommen) unter anderem:<\/p>\n<blockquote>\n<ul>\n<li>Muhlis Akarsu (* 1948 in Sivas), Volkss\u00e4nger und Saz-Spieler<\/li>\n<li>Metin Altiok (* 1941 in Izmir), Dichter<\/li>\n<li>Behcet Aysan (* 1949 in Ankara), Dichter, Arzt<\/li>\n<li>Asim Bezirci (* 1927 in Erzincan), Dichter, Schriftsteller<\/li>\n<li>Nesimi Cimen (* 1931 in Adana), Volkss\u00e4nger und Cura-Spieler<\/li>\n<li>Asaf Kocak (* 1958 in Yozgat), Karikaturist<\/li>\n<li>Hasret G\u00fcltekin (* 1971 in Sivas), Volkss\u00e4nger und Saz-Spieler<\/li>\n<li>Edibe Sulari (* 1953 in Erzincan), Volkss\u00e4ngerin.<\/li>\n<\/ul>\n<\/blockquote>\n<p>Besonders widerlich: das Massaker wurde stundenlang live im t\u00fcrkischen Fernsehen \u00fcbertragen, damit sich auch Menschen, denen die Teilnahme an der Menschenverbrennung versagt war, wenigstens daheim in der Stube daran erg\u00f6tzen konnten.<\/p>\n<p>Bis heute spricht man in der T\u00fcrkei nicht von einem Pogrom, sondern von einem &#8222;Ereignis&#8220; oder einem &#8222;traurigen Vorfall&#8220;. Da\u00df man in dem fr\u00fcheren Hotel bald darauf ein Fleischrestaurant eingerichtet und den G\u00e4sten dort <em>gegrilltes Fleisch<\/em> serviert hat, geh\u00f6rt zu den besonderen Sch\u00e4ndlichkeiten des t\u00fcrkischen Umgangs mit diesem Pogrom. Erst 2011 wurde in dem Haus &#8211; wahrscheinlich im Zuge der Bem\u00fchung um die EU-Mitgliedschaft &#8211; ein Kulturzentrum mit einer Gedenkst\u00e4tte eingerichtet.<\/p>\n<p>Nicht wenige der T\u00e4ter sollen sich noch immer auf freiem Fu\u00df befinden &#8211; einige leben, wie man lesen kann, unbehelligt in Deutschland. Einer von ihnen soll, wie die Journalistin Mely Kiyak in der <em>Frankfurter Rundschau <\/em>schreibt (<a title=\"hier\" href=\"http:\/\/www.fr-online.de\/meinung\/kolumne-lieber-tayyip--erdogan-,1472602,11915050.html\">hier<\/a> nachzulesen), in Berlin-Neuk\u00f6lln Wettb\u00fcros betreiben. Angeblich ist er Asylbewerber.<\/p>\n<p>Zu bef\u00fcrchten hat er nichts mehr, denn die Verj\u00e4hrungsfrist ist am Dienstag abgelaufen.<\/p>\n<p>Warum berichte ich \u00fcber dieses &#8222;Ereignis&#8220;, \u00fcber diesen &#8222;traurigen Vorfall&#8220;?<\/p>\n<p>Weil der seit 2003 amtierende Ministerpr\u00e4sident der T\u00fcrkei, Recep Tayyip Erdogan, gestern &#8211; &#8222;stellvertretend f\u00fcr das t\u00fcrkische Volk&#8220; &#8211; den <em>Steiger Award f\u00fcr 50 Jahre deutsch-t\u00fcrkische Freundschaft<\/em> in Empfang nehmen sollte (er war wegen eines Hubschrauberabsturzes verhindert). Mit diesem etwas dubiosen Preis sollen \u00fcbrigens Menschen geehrt werden, die sich (so hei\u00dft es w\u00f6rtlich)<\/p>\n<blockquote><p>durch Geradlinigkeit, Offenheit, Menschlichkeit und Toleranz auszeichnen.<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt ja nicht nur den V\u00f6lkermord an den Armeniern. Am 2. 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