{"id":4184,"date":"2012-02-12T00:20:34","date_gmt":"2012-02-11T23:20:34","guid":{"rendered":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=4184"},"modified":"2012-02-12T00:20:34","modified_gmt":"2012-02-11T23:20:34","slug":"urheberrecht-und-internet","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=4184","title":{"rendered":"Urheberrecht und Internet"},"content":{"rendered":"<p>Es ist ein fast unl\u00f6sbares Problem &#8211; ein Dilemma im echten Sinne des Wortes.<\/p>\n<p><em>Auf der einen Seite<\/em> stehen alle jene, die geistig oder k\u00fcnstlerisch arbeiten. Wer oft jahrelang an einen Roman schreibt (und ich wei\u00df, wovon ich rede), hat ein Interesse daran, da\u00df der Leser ihn auch bezahlt. Genau wie Musiker, Maler, Journalisten mu\u00df er ja davon leben (meist ohnehin mehr schlecht als recht!), und es ist aus seiner Sicht schon eine Art von Diebstahl, wenn das Werk sozusagen zum Nulltarif und ohne seine Erlaubnis kopiert und verbreitet wird.<\/p>\n<p><em>Auf der anderen Seite<\/em> bieten Computer und Internet zum ersten Mal in der Geschichte die M\u00f6glichkeit, da\u00df wirklich jeder &#8211; sofern er einen Computer hat &#8211; &#8222;mit einem Mausklick&#8220; auf die gesamte Weltkultur zugreifen kann &#8211; oder besser: k\u00f6nnte. Denn das Urheberrecht macht ihm da einen Strich durch die Rechnung. Es ist freilich (etwa bei Literatur) auf die ersten 70 Jahre nach dem Tod des Autors beschr\u00e4nkt &#8211; B\u00fccher von Autoren also, die vor 1942 gestorben sind, k\u00f6nnen frei verbreitet werden, sie sind <em>gemeinfrei<\/em>. Alles aber, was j\u00fcnger ist, darf nach dem gegenw\u00e4rtigen Rechtsstand nur gegen entsprechende Bezahlung benutzt werden. Darunter fallen nat\u00fcrlich fast alle Kinofilme und die gesamte Musik der Gegenwart. Wenn man die Sache also aus der Perspektive des Lesers (oder H\u00f6rers oder Betrachters) sieht, erscheint das Urheberrecht als Hemmschuh, es behindert den (heute zum ersten Mal \u00fcberhaupt m\u00f6glichen) freien Zugang zur Weltkultur, wie er im Zeitalter der &#8222;technischen Reproduzierbarkeit&#8220; (Walter Benjamin) m\u00f6glich w\u00e4re.<\/p>\n<p>Das Recht der Autoren auf angemessene Entlohnung ihrer Arbeit und das Recht des Publikums auf freien Zugang zur Kultur klaffen soweit auseinander, da\u00df eine Vers\u00f6hnung der so verschiedenen Interessen zur Zeit fast unm\u00f6glich erscheint. Denn Psychologisches kommt noch dazu, Emotionales, Ideologisches, das die Sache nur noch schwieriger macht.<\/p>\n<p>Die sog. <em>Rechteinhaber<\/em> &#8211; und vor allem ihre Vertreter, also Verlage, Musik- und Filmindustrie usw. &#8211; pochen darauf, das alles so bleibt, wie es immer war. Flexibilit\u00e4t ist nicht gerade ihre starke Seite, sie gehen oft mit r\u00fccksichtloser H\u00e4rte gegen jeden vor, der etwa in einer Tauschb\u00f6rse ein Lied oder einen Film herunterl\u00e4dt. Solange sie das Recht auf ihrer Seite haben, so glauben sie, m\u00fcssen sie um kein Jota von ihrer Rechtsposition abr\u00fccken. Das macht sie nicht nur in den Augen ihrer potentiellen Kunden unsympathsich, es f\u00fchrt auch dazu, da\u00df sie sich dem dringend notwendigen Diskussionsproze\u00df um das Urheberrecht verweigern. Aber die Diskussion mu\u00df &#8211; und sie wird gef\u00fchrt werden. Statt immer neue und immer kostspieligere Kopierschutzmechanismen zu entwickeln, sollten sie besser dar\u00fcber nachdenken, wie man auf diesem Gebiet zu einem vern\u00fcnftigen gesellschaftlichen Ausgleich kommen k\u00f6nnte. Das Katz- und Maus-Spiel zwischen Rechteinhabern und &#8222;Kopierern&#8220; k\u00f6nnen sie n\u00e4mlich genausowenig gewinnen wie die Gegenseite.<\/p>\n<p>Und diese Gegenseite, wie sie etwa auf dem politischem Feld durch die Piratenpartei verk\u00f6rpert wird, ist nicht weniger engstirnig. Sie fordert die absolute Freiheit im Internet, aber ob ein Autor daran wirtschaftlich zugrundegeht, interessiert sie wenig.<\/p>\n<p>Das ist das Dilemma, das zur Zeit unl\u00f6sbar erscheint. Beide Seiten sind so stur, wie es nur geht, weil sie &#8211; beide! &#8211; nur auf einer technischen Ebene k\u00e4mpfen: die einen mit immer mehr Kopierschutz und mit immer mehr Rechtsanw\u00e4lten, die anderen mit immer raffinierteren Mechanismen, den Kopierschutz auszuhebeln und die rechtliche Verfolgung unm\u00f6glich zu machen.<\/p>\n<p>Auf diese Art, ich sage es noch einmal, wird keine Seite den Sieg davontragen. Vor allem aber kommt es so nicht zu der dringend notwendigen gesellschaftlichen Diskussion \u00fcber das &#8222;Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit&#8220; und \u00fcber das Urheberrecht, das die einen mit Z\u00e4hnen und Klauen verteidigen und die anderen mit Stiel und Stumpf ausrotten wollen.<\/p>\n<p>N\u00f6tig w\u00e4re so etwas wie ein Runder Tisch, um einmal in Ruhe alle Aspekte des Urheberrechts und seine gesellschaftlichen und rechtlichen Implikationen zu er\u00f6rtern. Aber solange beide Seiten nur Gift verspr\u00fchen und immer noch an den totalen Sieg der eigenen Position glauben, besteht wenig Hoffnung auf eine Einigung.<\/p>\n<p>Und der Staat? Er hat sich ohne Wenn und Aber auf die Seite des Urheberrechts,<em> so wie es ist<\/em>, geschlagen. Mit dieser strikten Parteinahme kann er kaum noch glaubhaft zwischen den Positionen vermitteln. Nat\u00fcrlich darf und mu\u00df er daf\u00fcr sorgen, da\u00df geltendes Recht eingehalten wird. Aber er hat auch die Pflicht, nach einem Ausweg zu suchen, der den heutigen M\u00f6glichkeiten zum freien Zugang zur Weltkultur auf der einen und den Interessen der Autoren auf der anderen Seite gerecht wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist ein fast unl\u00f6sbares Problem &#8211; ein Dilemma im echten Sinne des Wortes. Auf der einen Seite stehen alle jene, die geistig oder k\u00fcnstlerisch arbeiten. 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