{"id":3349,"date":"2011-12-10T00:03:50","date_gmt":"2011-12-09T23:03:50","guid":{"rendered":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=3349"},"modified":"2011-12-10T09:07:02","modified_gmt":"2011-12-10T08:07:02","slug":"mumbai-kolkata-myanmar-uber-eine-sprachdummheit-der-besonderen-art","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=3349","title":{"rendered":"Mumbai? Kolkata? Myanmar? &#8211; \u00dcber eine Sprachdummheit der besonderen Art"},"content":{"rendered":"<p>Kennen Sie noch den alten Schlager &#8222;Kolkata liegt am Ganga&#8220;? Nein? K\u00f6nnen Sie auch nicht &#8211; denn damals hie\u00df es noch &#8222;Kalkutta&#8220; und &#8222;Ganges&#8220;. Der Refrain lautete so:<\/p>\n<blockquote><p>Kalkutta liegt am Ganges,<br \/>\nParis liegt an der Seine,<br \/>\nDoch da\u00df ich so verliebt bin,<br \/>\nDas liegt an Madeleine.<\/p><\/blockquote>\n<p>In Indien sind in den letzten Jahren die fanatischen, unduldsamen Hindu-Parteien immer st\u00e4rker geworden. Wo sie die Macht dazu haben, l\u00f6schen sie die aus der Kolonialzeit stammenden Namen aus: aus Bangalore wird so Bengaluru, aus Mysore Mysuru, aus Bombay Mumbai, aus Madras Chennai und aus Kalkutta eben Kolkata.<\/p>\n<p>Es sind fast immer fundamentalistische, radikale oder nationalistische Gruppen, die darangehen, \u00fcberkommene St\u00e4dtenamen auszul\u00f6schen &#8211; vorneweg nat\u00fcrlich die kommunistischen Parteien. So sorgte die SED daf\u00fcr, da\u00df aus Chemnitz 1953 Karl-Marx-Stadt wurde und aus Guben in der Niederlausitz Wilhelm-Pieck-Stadt Guben. Sowjetru\u00dfland hat aus St. Petersburg sofort Leningrad gemacht, aus K\u00f6nigsberg Kaliningrad, aus Zarizyn erst Stalingrad, dann Wolgograd, aus Bischkek Frunse. Aus Nischni Nowgorod wurde Gorki, aus Pokrowsk Engels.<\/p>\n<p>Auch religi\u00f6se Gr\u00fcnde gab es hin und wieder &#8211; wenn etwa aus dem christlichen Byzanz das muslimische Istanbul wurde. Aus Ceylon wurde Sri Lanka und aus Saigon das uns\u00e4gliche Ho-Chi-Min-Stadt.<\/p>\n<p>Viel radikaler noch ging es in Polen und der Tschechoslowakei zu. Dort entfernte man nach der Vertreibung der deutschen Bev\u00f6lkerung praktisch alle deutschen Ortsnamen. So wollte man einen Teil der Geschichte buchst\u00e4blich mit einem Federstrich ausl\u00f6schen. In vielen dieser D\u00f6rfer und St\u00e4dte haben seit Jahrhunderten fast nur Deutsche gewohnt. Die Umbenennung war also ein politisches Instrument, eine Machtdemonstration des Siegers \u00fcber den Besiegten.<\/p>\n<p>Aber Geschichte ist das, <em>was geschehen ist<\/em>, man kann sie nicht <em>a posteriori<\/em> durch einen symbolischen Akt ausl\u00f6schen. Am Ende ist so etwas nicht einmal klug, und von einem gesunden Selbstbewu\u00dftsein zeugt es schon gar nicht. Wer sich wirklich mit der Geschichte besch\u00e4ftigt hat, wei\u00df, wie behutsam man mit dem umgehen mu\u00df, was sie uns hinterlassen hat. Auf revolution\u00e4ren Aktionen hat noch nie ein Segen gelegen.<\/p>\n<p>Und (fast) immer sind es die Radikalen, die Umst\u00fcrzler, die Fanatiker, die Nationalisten, die zu solchen Mitteln greifen. Es war eine blutige Milit\u00e4rdiktatur, die der ganzen Welt vorschreiben wollte, da\u00df ihr Land nun nicht mehr Burma, sondern Myanmar hie\u00df. Es waren die franz\u00f6sischen Revolution\u00e4re, die tats\u00e4chlich glaubten, sie k\u00f6nnten einen neuen Kalender einf\u00fchren, der mit der Erst\u00fcrmung der Bastille beginnt. Der Kalender hatte keinen Bestand &#8211; wie sollte er auch? Die meisten Namens\u00e4nderungen, die ich oben aufgez\u00e4hlt habe, sind schon lange wieder Geschichte.<\/p>\n<p>K\u00f6nnen wir daraus etwas lernen? Ich meine ja.<\/p>\n<p>Vor allem sollten wir nicht so eilfertig sein und jede Namens\u00e4nderung \u00fcbernehmen. In gewisser Weise arbeiten wir durch diesen vorauseilenden Gehorsam nur fundamentalischen und fanatischen Gruppen in die H\u00e4nde, mit denen wir doch sonst nichts zu tun haben wollen. Haben wir denn kein Selbstbewu\u00dftsein? Haben wir kein Gef\u00fchl f\u00fcr die Geschichte und die Traditionen unserer eigenen Sprache? Die Hauptstadt von China hei\u00dft auf gut Deutsch Peking &#8211; warum sollten wir das \u00e4ndern, nur weil Beijing der chinesischen Aussprache der Stadt ein bi\u00dfchen n\u00e4herkommt? Warum sollen wir Kanton auf einmal Guangzhou nennen? Warum sollen wir uns \u00fcberhaupt von China eine abenteuerliche Transkription aufzwingen lassen, die im \u00fcbrigen dazu gef\u00fchrt hat, da\u00df au\u00dferhalb der Sinologie fast niemand mehr genau wei\u00df, wie er einen geschriebenen chinesischen St\u00e4dtenamen aussprechen soll? Und sollen wir etwa statt Warschau jetzt Warszawa sagen oder Bucuresti statt Bukarest?<\/p>\n<p>Nein &#8211; \u00fcberall dort, wo es einen eingeb\u00fcrgerten deutschen Namen f\u00fcr eine Stadt gibt, sollten wir ihn in aller Regel beibehalten. Denn diese Namen geh\u00f6ren inzwischen zu <em>unserer<\/em> Sprache und zu <em>unserer<\/em> Kultur. Das gilt f\u00fcr Peking genauso wie f\u00fcr Bombay und Kalkutta.<\/p>\n<p>PS: Unsere beiden christlichen Konfessionen streiten ja mit gro\u00dfer Leidenschaft gerade um Dinge, die nicht gerade zum Kernbestand des Glaubens geh\u00f6ren. Aber in einem sind sie sich erstaunlich schnell einig geworden: in der Abschaffung vieler der \u00fcberkommenen biblischen Eigennamen. So wurde nach dem &#8222;\u00d6kumenischen Verzeichnis der biblischen Eigennamen nach den Loccumer Richtlinien&#8220; von 1971 aus Gethsemane Getsemani, aus Noah Noach, aus Hiob Ijob, aus Kapernaum Kafarnaum, aus Golgatha Golgota und aus Genezareth Gennesaret. Warum? Das wei\u00df (hoffentlich) der Himmel. Denn da\u00df die Namen jetzt der hebr\u00e4ischen oder griechischen Aussprache ein bi\u00dfchen \u00e4hnlicher sind, ist ja nun wirklich kein Grund, auf Schreibungen zu verzichten, die zu einem guten Teil schon seit Jahrhunderten zur deutschen Sprache geh\u00f6ren. Auch hier fehlt jedes Gesp\u00fcr f\u00fcr den Wert der eigenen sprachlichen Tradition.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kennen Sie noch den alten Schlager &#8222;Kolkata liegt am Ganga&#8220;? Nein? K\u00f6nnen Sie auch nicht &#8211; denn damals hie\u00df es noch &#8222;Kalkutta&#8220; und &#8222;Ganges&#8220;. 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