{"id":23204,"date":"2024-09-01T11:00:46","date_gmt":"2024-09-01T09:00:46","guid":{"rendered":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=23204"},"modified":"2024-09-01T12:55:11","modified_gmt":"2024-09-01T10:55:11","slug":"schriftstellende-schriftstellerinnen-und-buecherschreibende-personen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=23204","title":{"rendered":"Schriftstellende, Schriftsteller*innen und b\u00fccherschreibende Personen"},"content":{"rendered":"\n<p>Ich habe mich mein ganzes Leben lang &#8211; zumindest die letzten 50 Jahre &#8211; intensiv und immer liebevoll mit Sprache und Literatur befa\u00dft, man k\u00f6nnte fast sagen, da\u00df die Sprache mein Leben war. Und jetzt, auf meine alten Tage, mu\u00df ich im Internet lesen, da\u00df es heutzutage Schriftstellende und Lesende gibt. <em>Schriftstellende! <\/em>Bei diesem Wort \u00fcberkommt mich ein bisher nicht gekanntes Gef\u00fchl der Wut und der Ohnmacht. Was sind das f\u00fcr Menschen, die einen Autor als <em>Schriftstellenden <\/em>verunglimpfen?<\/p>\n\n\n\n<p>Die erste Vermutung, da\u00df es sich hier um Lernbehinderte handeln k\u00f6nnte, die aus bildungsfernen Schichten kommen, best\u00e4tigt sich leider nicht. <\/p>\n\n\n\n<p>Eine Lektorin, die sich selbst als &#8222;Sprachexpertin&#8220; bezeichnet, bietet ihre Dienste nicht nur Unternehmen, sondern auch Studierenden &#8211; und <em>Schriftstellenden <\/em>an. Ein &#8222;Schreibwerk&#8220; f\u00fcr Autoren meint bescheiden: &#8222;Als etablierte <em>Schriftstellende <\/em>sind wir Meister:innen auf unserem Gebiet.&#8220; Eine Schweizer Seite verspricht marktschreierisch &#8222;alles \u00fcber die besten <em>Schriftstellenden <\/em>aus der Schweiz und ihre bekanntesten Werke&#8220;. Ein mittelfr\u00e4nkischer Landkreis vergibt seinen Literaturpreis nur an &#8222;<em>Schriftstellende<\/em>, die im Landkreis wohnen oder deren Leben und Werk eng mit dem Landkreis Roth&#8220; verbunden ist. Auf der &#8222;Leseb\u00fchne&#8220; der Stadt Pfaffenhofen werden demn\u00e4chst &#8222;<em>Schriftstellende <\/em>ihre B\u00fccher pr\u00e4sentieren&#8220;. Ein Lektorat gibt stolz bekannt, da\u00df &#8222;Selbstverlegende, <em>Schriftstellende <\/em>&amp; \u00dcbersetzende&#8220; zu seinen Kunden geh\u00f6ren. Die Stadt Heidelberg meldet, da\u00df der von ihr vergebene Hilde-Domin-Preis &#8222;alle drei Jahre an <em>Schriftstellende <\/em>vergeben&#8220; werde, die &#8222;im Exil in Deutschland leben&#8220;. Eine andere Seite nennt uns &#8222;10 <em>Schriftstellende<\/em>, die ein Pseudonym verwenden&#8220;. Museenkoeln.de verk\u00fcndet, der Verlag Ergo Pers bringe &#8222;<em>Schriftstellende <\/em>und Kunstschaffende zusammen, um verbale und visuelle Beziehungen zu erforschen&#8220;. Die Museen Tempelhof-Sch\u00f6neberg veranstalten eine F\u00fchrung durch die &#8222;idyllische Landgemeinde&#8220; Friedenau, wo &#8222;sozialistische <em>Schriftstellende<\/em>&#8220; und &#8222;moderne K\u00fcnstler_innen&#8220; gelebt haben. Eine Werkst\u00e4tten-GmbH l\u00e4\u00dft &#8222;<em>Schriftstellende <\/em>und kreative K\u00f6pfe&#8220; zu Wort kommen. Das Magazin <em>Sumikai <\/em>berichtet, da\u00df der &#8222;Akutagawa-Preis f\u00fcr aufstrebende <em>Schriftstellende<\/em>&#8220; an zwei Frauen vergeben wurde. An der Frankfurter Buchmesse 2022 haben, wie das <em>Journal Frankfurt<\/em> berichtet, &#8222;<em>Schriftstellende <\/em>aus \u00fcber 80 L\u00e4ndern&#8220; teilgenommen. Auf der Fr\u00fchjahrstagung der Deutschen Akademie f\u00fcr Sprache und Dichtung hat schon im Jahr 2009 (!) laut taz nicht nur ein &#8222;mehrheitlich graumeliertes Publikum&#8220; gesessen, es fanden sich auf dem Podium auch &#8222;ein Moderator und drei als jung vorgestellte <em>Schriftstellende&#8220;<\/em>. Im M\u00e4rz dieses Jahres, berichten die Nieder\u00f6sterreichischen Nachrichten, lasen (der aufmerksame Leser wird es schon ahnen) &#8222;drei <em>Schriftstellende<\/em>&#8220; Texte \u00fcber Kafka. Die Kulturstaatsministerin Claudia Roth freut sich mit Salman Rushdie \u00fcber dessen Auszeichnung mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, erw\u00e4hnt aber auch die Gefahr, der &#8222;mutige und leidenschaftliche <em>Schriftstellende <\/em>weltweit&#8220; ausgesetzt seien. Der Licher Literaturpreis, der, wie das <em>B\u00f6rsenblatt <\/em>berichtet, 2022 zum ersten Mal vergeben wurde,<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>zeichnet deutschsprachige Schriftstellende aus, die oder der mit einem Werk oder einer Werkphase einen besonderen Beitrag zur zeitgen\u00f6ssischen deutschsprachigen Literatur geleistet hat.   <\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Man betrachte die kreative, ja k\u00fchne Syntax des <em>B\u00f6rsenblatts<\/em>: obgleich sich der Relativsatz auf den an sich schon kreativen Plural &#8222;Schriftstellende&#8220; bezieht und folglich mit &#8222;die&#8220; beginnen m\u00fc\u00dfte, spaltet das Blatt ihn mit der Formel &#8222;die oder der&#8220; einfach in zwei Singulare auf und macht damit die jahrhundertelang unsichtbare Frau endlich auch grammatisch sichtbar. Das ist hohe Sprachkunst!<\/p>\n\n\n\n<p>Gefreut haben wir uns auch \u00fcber die Meldung der Zentralbibliothek Z\u00fcrich, da\u00df an der Lesung &#8222;Liebe, Lesen, Sex und Glitter&#8220; im Juni neben Liliia Zhernova und Zora del Buono auch &#8222;Donat Blum, eine schriftstellende Person&#8220; teilgenommen hat. Weit in die Zukunft f\u00fchrt uns &#8222;radio klassik Stephansdom&#8220; mit folgender Frage:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Vor dem Hintergrund der Klima- und Biodiversit\u00e4tskrise und des rasanten Tempos technologischer Entwicklungen wurden \u00f6sterreichische Schriftstellende gemeinsam mit Schriftstellenden aus der ganzen Welt eingeladen, sich in Dialog-Projekten mit der Frage auseinanderzusetzen, in welcher Welt wir 2040 leben wollen. <\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Vielleicht in einer Welt, in der es keine Schriftstellenden mehr gibt, sondern nur noch Schriftsteller, Autoren, Dichter? <\/p>\n\n\n\n<p>Aber auch wenn mancher Leser jetzt verdrie\u00dflich dreinschaut, wollen wir unsere Auflistung des grausamen Neudeutsch noch ein wenig fortsetzen. Da haben wir zum Beispiel das Museum f\u00fcr angewandte Kunst in Wien, das zu einem geheimnisvollen<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Open H\u00e4keln \/ Poetry by (young) MAK und mit Die Gro\u00dfe [sic!]<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>einl\u00e4dt. Wer da h\u00e4kelt, erfahren wir nicht, nur da\u00df &#8222;junge <em>Schriftstellende<\/em>&#8220; ihre Texte vortragen d\u00fcrfen. Das Hotel de Russie in Rom wirbt mit seiner Lage an der Piazza del Popolo und f\u00fcgt nicht ohne Stolz hinzu:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Kein Wunder also, dass Kunstschaffende, Schriftstellende, Stars und Menschen aus der Politik bereits seit 1917 hier gern ein und aus gehen.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Wobei man getrost davon ausgehen kann, da\u00df im gesamten 20. Jahrhundert nicht ein einziger Schriftstellender in diesem Hotel gen\u00e4chtigt hat &#8211; allenfalls ein Schriftsteller. <\/p>\n\n\n\n<p>In dem Landkreis, in dem ich aufgewachsen bin, hat sich der Landrat in den 70er Jahren an jedem Haus, jeder Br\u00fccke, jeder Schule in Stein verewigen lassen. So waren Landr\u00e4te damals. Der Landrat des Landkreises Augsburg ist da bescheidener, er l\u00e4\u00dft sich inmitten der Bilder einer Ausstellung fotografieren und schreibt:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Kultur ist f\u00fcr eine Region unverzichtbar. Ob professionelle Kunstschaffende, Musikschulen, Theatergruppen oder Schriftstellende; sie alle leisten einen gro\u00dfen Beitrag zur Lebensqualit\u00e4t in unserem Landkreis.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Ach, ich sehe schon, lieber Leser: es reicht Dir so langsam! Ehrlich gesagt: mir auch. Setzen wir dem ewigen Einerlei des Dummdeutschen also ein Ende, wenigstens in diesem Beitrag. Nur eines w\u00fcrde mich noch interessieren: wei\u00df jemand, wer das Wort <em>Schriftstellender<\/em> als erster verwendet hat? Wer war der (Sprach-) Patient Zero? Die fr\u00fcheste Erw\u00e4hnung, die ich gefunden habe, ist der Artikel der taz vom <a href=\"https:\/\/taz.de\/Die-akademische-Sinnfrage\/!652033\/\">26. Mai 2009<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p>PS:  Auch ich habe den Niedergang der deutschen Sprache, des Geistigen \u00fcberhaupt in unserem Land, viel zu sp\u00e4t erkannt. Von der Germanistik mit ihrer Abgehobenheit und ihren Diskussionen im Elfenbeinturm rede ich gar nicht, da ist alles vetrocknet und unfruchtbar. Aber wo sind die Deutschlehrer, die noch in der Lage sind, ihren Sch\u00fclern (wenigstens auf dem Gymnasium!) beizubringen, wie armselig es ist, mit einem Rumpfvokabular wie &#8222;mega&#8220; oder &#8222;super&#8220; auszukommen? Haben die Lehrer selbst schon aufgegeben? Oder stammen viele von ihnen bereits aus einer Generation, die mit der Sch\u00f6nheit von Sprache und Literatur nichts am Hut hat, so da\u00df sich die kulturelle Abw\u00e4rtsspirale immer weiter beschleunigt? Ich wei\u00df es nicht. Aber vielleicht ist die Zeit gekommen, dar\u00fcber nachzudenken, ob man sich nach Kastalien zur\u00fcckziehen sollte &#8211; damit die Flamme wenigstens weiterglimmt. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich habe mich mein ganzes Leben lang &#8211; zumindest die letzten 50 Jahre &#8211; intensiv und immer liebevoll mit Sprache und Literatur befa\u00dft, man k\u00f6nnte fast sagen, da\u00df die Sprache mein Leben war. 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