{"id":23051,"date":"2024-04-29T02:16:31","date_gmt":"2024-04-29T00:16:31","guid":{"rendered":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=23051"},"modified":"2024-04-29T19:34:57","modified_gmt":"2024-04-29T17:34:57","slug":"kleine-geschichte-des-wortes-neger-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=23051","title":{"rendered":"Kleine Geschichte des Wortes &#8222;Neger&#8220; (2)"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Teil 1 dieser kleinen Wortgeschichte finden Sie <a href=\"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=23036\">hier<\/a>.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Einzelne Belege f\u00fcr das Wort Neger findet man vereinzelt schon im 17. Jahrhundert, etwa bei dem schlesischen Dichter Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts werden die Belege h\u00e4ufiger, nicht nur in der Dichtung, sondern auch in Sach- und Reiseb\u00fcchern. So hei\u00dft es etwa in der deutschen \u00dcbersetzung von Pomets <em>Histoire g\u00e9n\u00e9rale des drogues<\/em>, die 1717 erschienen ist:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><span title=\"u=Die, w=Die, v=Die, l=d, p=ART\">Die<\/span> <span title=\"u=Tamarindenba\u0364ume, w=Tamarindenb\u00e4ume, v=Tamarindenb\u00e4ume, l=Tamarindenbaum, p=NN\">Tamarindenb\u00e4ume<\/span> <span title=\"u=wach\u017fen, w=wachsen, v=wachsen, l=wachsen, p=VVINF\">wachsen<\/span> <span title=\"u=zu, w=zu, v=zu, l=zu, p=PTKZU\">zu<\/span> <span title=\"u=Senega, w=Senega, v=Senge, l=Senge, p=NN\">Senega<\/span> <span title=\"u=\u017fehr, w=sehr, v=sehr, l=sehr, p=ADV\">sehr<\/span> <span title=\"u=ha\u0364uffig, w=h\u00e4uffig, v=h\u00e4ufig, l=h\u00e4ufig, p=ADJD\">h\u00e4uffig:<\/span> <span title=\"u=derer\u017felben, w=dererselben, v=derselben, l=dieselbe, p=PDAT\">dererselben<\/span> <span title=\"u=Fru\u0364chte, w=Fr\u00fcchte, v=Fr\u00fcchte, l=Frucht, p=NN\">Fr\u00fcchte<\/span> <span title=\"u=machen, w=machen, v=machen, l=machen, p=VVFIN\">machen<\/span> <span title=\"u=die, w=die, v=die, l=d, p=ART\">die<\/span> <span title=\"u=Neger, w=Neger, v=Neger, l=Neger, p=NN\"><span class=\"ddc-hl\">Neger<\/span><\/span> <span title=\"u=zu, w=zu, v=zu, l=zu, p=APPR\">zu<\/span> <span title=\"u=Kuchen, w=Kuchen, v=Kuchen, l=Kuchen, p=NE\">Kuchen,<\/span> <span title=\"u=wenn, w=wenn, v=wenn, l=wenn, p=KOUS\">wenn<\/span> <span title=\"u=\u017fie, w=sie, v=sie, l=sie, p=PPER\">sie<\/span> <span title=\"u=zuvor, w=zuvor, v=zuvor, l=zuvor, p=ADV\">zuvor<\/span> <span title=\"u=die, w=die, v=die, l=d, p=ART\">die<\/span> <span title=\"u=Kerne, w=Kerne, v=Kerne, l=Kern, p=NN\">Kerne<\/span> <span title=\"u=und, w=und, v=und, l=und, p=KON\">und<\/span> <span title=\"u=das, w=das, v=das, l=d, p=ART\">das<\/span> <span title=\"u=fa\u017fichte, w=fasichte, v=fasichte, l=fasichte, p=ADJA\">fasichte<\/span> <span title=\"u=We\u017fen, w=Wesen, v=Wesen, l=Wesen, p=NN\">Wesen<\/span> <span title=\"u=heraus, w=heraus, v=heraus, l=heraus, p=APZR\">heraus<\/span> <span title=\"u=gethan, w=gethan, v=getan, l=tun, p=VVPP\">gethan,<\/span> <span title=\"u=und, w=und, v=und, l=und, p=KON\">und<\/span> <span title=\"u=bedienen, w=bedienen, v=bedienen, l=bedienen, p=VVFIN\">bedienen<\/span> <span title=\"u=\u017fich, w=sich, v=sich, l=sich, p=PRF\">sich<\/span> <span title=\"u=ihrer, w=ihrer, v=ihrer, l=ihr, p=PPOSAT\">ihrer<\/span> <span title=\"u=gemeiniglich, w=gemeiniglich, v=gemeiniglich, l=gemeiniglich, p=ADV\">gemeiniglich<\/span> <span title=\"u=zu, w=zu, v=zu, l=zu, p=APPR\">zu<\/span> <span title=\"u=Lo\u0364\u017fchung, w=L\u00f6schung, v=L\u00f6schung, l=L\u00f6schung, p=NN\">L\u00f6schung<\/span> <span title=\"u=des, w=des, v=des, l=d, p=ART\">des<\/span> <span title=\"u=Dur\u017ftes, w=Durstes, v=Durstes, l=Durst, p=NN\">Durstes.<\/span> <\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Im <em>Vollst\u00e4ndigen Kaufmanns-Lexicon<\/em> von Carl G\u00fcnther Ludovici (1756) geht es um die Insel St. Thomas (heute S\u00e3o Tom\u00e9) im Golf von Guinea: <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Und ungeachtet also die Portugiesen die ersten gewesen sind, die solche bewohnet und angebauet haben: so befinden sich doch itziger Zeit die Negers in gr\u00f6sserer Anzahl daselbst, als die Portugiesen.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Der Plural &#8222;Negers&#8220; (oder &#8222;Negern&#8220;) war damals \u00fcbrigens weit verbreitet. In der zweiten H\u00e4lfte des 18. Jahrhunderts ist das Wort &#8222;Neger&#8220; dann so oft belegt, da\u00df man einzelne Stellen nicht mehr zitieren mu\u00df. Wer danach sucht, dem sei das \u00fcberaus verdienstvolle <a href=\"https:\/\/www.dwds.de\/\">Digitale W\u00f6rterbuch der deutschen Sprache<\/a> empfohlen, dessen bis ins Jahr 1600 zur\u00fcckgehende Textkorpora mit 67 Milliarden Belegen eine wahre Fundgrube sind.   <\/p>\n\n\n\n<p>Von Johann Gottfried Herder (1744-1803) wollen wir dieses (menschenfreundliche!) Zitat aus seinen <em>Briefen zur Bef\u00f6rderung der Humanit\u00e4t<\/em> (Zehnte Sammlung, 1797) hinzuf\u00fcgen:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Was endlich ist von der Kultur zu sagen, die von Spaniern, Portugiesen, Engl\u00e4ndern und Holl\u00e4ndern nach Ost- und Westindien, unter die Neger nach Afrika, in die friedlichen Inseln der S\u00fcdwelt gebracht ist? Schreien nicht alle diese L\u00e4nder, mehr oder weniger, um Rache? Um so mehr um Rache, da sie auf eine un\u00fcbersehliche Zeit in ein fortgehend wachsendes Verderben gest\u00fcrzt sind. Alle diese Geschichten liegen in Reisebeschreibungen zutage; sie sind bei Gelegenheit des Negerhandels zum Teil auch laut zur Sprache gekommen. Von den spanischen Grausamkeiten, vom Geiz der Engl\u00e4nder, von der kalten Frechheit der Holl\u00e4nder, von denen man im Taumel des Eroberungswahnes Heldengedichte schrieb, sind in unsrer Zeit B\u00fccher geschrieben, die ihnen so wenig Ehre bringen, da\u00df vielmehr, wenn ein europ\u00e4ischer Gesamtgeist anderswo als in B\u00fcchern lebte, wir uns des Verbrechens beleidigter Menschheit fast vor allen V\u00f6lkern der Erde sch\u00e4men m\u00fc\u00dften. Nenne man das Land, wohin Europ\u00e4er kamen und sich nicht durch Beeintr\u00e4chtigungen, durch ungerechte Kriege, Geiz, Betrug, Unterdr\u00fcckung, durch Krankheiten und sch\u00e4dliche Gaben an der unbewehrten, zutrauenden Menschheit, vielleicht auf alle \u00c4onen hinab, vers\u00fcndigt haben! Nicht der weise, sondern der anma\u00dfende, zudringliche, \u00fcbervorteilende Teil der Erde mu\u00df unser Weltteil hei\u00dfen; er hat nicht kultiviert, sondern die Keime eigner Kultur der V\u00f6lker, wo und wie er nur konnte, zerst\u00f6ret.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Bei Goethe und Schiller finden sich erstaunlicherweise nur ganz wenige Belege f\u00fcr das Wort. \u00dcber ein Singspiel, an dem er gerade arbeitete, schreibt Goethe am 26. Januar 1786 in einem Brief an Frau von Stein:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Meine arme angefangne Operette dauert mich, wie man ein Kind bedauern kann, das von einem Negersweib in der Sclaverey gebohren werden soll.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Ein anderes Zitat \u00fcber die Engl\u00e4nder und den Sklavenhandel findet sich in seinen Gespr\u00e4chen mit Eckermann (1. September 1829):<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>W\u00e4hrend aber die Deutschen sich mit Aufl\u00f6sung philosophischer Probleme qu\u00e4len, lachen uns die Engl\u00e4nder mit ihrem gro\u00dfen praktischen Verstande aus und gewinnen die Welt. Jedermann kennt ihre Declamationen gegen den Sclavenhandel, und w\u00e4hrend sie uns weismachen wollen, was f\u00fcr humane Maximen solchem Verfahren zu Grunde liegen, entdeckt sich jetzt, da\u00df das wahre Motiv ein reales Object sei, ohne welches es die Engl\u00e4nder bekanntlich nie thun, und welches man h\u00e4tte wissen sollen. An der westlichen K\u00fcste von Afrika gebrauchen sie die Neger selbst in ihren gro\u00dfen Besitzungen, und es ist gegen ihr Interesse, da\u00df man sie dort ausf\u00fchre. In Amerika haben sie selbst gro\u00dfe Negerkolonien angelegt, die sehr productiv sind und j\u00e4hrlich einen gro\u00dfen Ertrag an Schwarzen liefern. Mit diesen versehen sie die nordamikanischen Bed\u00fcrfnisse, und indem sie auf solche Weise einen h\u00f6chst eintr\u00e4glichen Handel treiben, w\u00e4re die Einfuhr von au\u00dfen ihrem mercantilischen Interesse sehr im Wege, und sie predigen daher nicht ohne Object gegen den inhumanen Handel.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Werfen wir nun noch einen letzten Blick auf die Goethezeit. Heinrich von Kleist (1777-1811) hat eine Novelle geschrieben, die so beginnt: <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Zu Port au Prince, auf dem franz\u00f6sischen Anteil der Insel St. Domingo, lebte, zu Anfang dieses Jahrhunderts, als die Schwarzen die Wei\u00dfen ermordeten, auf der Pflanzung des Herrn Guillaume von Villeneuve, ein f\u00fcrchterlicher alter Neger, namens Congo Hoango. Dieser von der Goldk\u00fcste von Afrika herstammende Mensch, der in seiner Jugend von treuer und rechtschaffener Gem\u00fctsart schien, war von seinem Herrn, weil er ihm einst auf einer \u00dcberfahrt nach Cuba das Leben gerettet hatte, mit unendlichen Wohltaten \u00fcberh\u00e4uft worden. Nicht nur, da\u00df Herr Guillaume ihm auf der Stelle seine Freiheit schenkte, und ihm, bei seiner R\u00fcckkehr nach St. Domingo, Haus und Hof anwies; er machte ihn sogar, einige Jahre darauf, gegen die Gewohnheit des Landes, zum Aufseher seiner betr\u00e4chtlichen Besitzung, und legte ihm, weil er nicht wieder heiraten wollte, an Weibes Statt eine alte Mulattin, namens Babekan, aus seiner Pflanzung bei, mit welcher er durch seine erste verstorbene Frau weitl\u00e4uftig verwandt war. Ja, als der Neger sein sechzigstes Jahr erreicht hatte, setzte er ihn mit einem ansehnlichen Gehalt in den Ruhestand und kr\u00f6nte seine Wohltaten noch damit, da\u00df er ihm in seinem Verm\u00e4chtnis sogar ein Legat auswarf; und doch konnten alle diese Beweise von Dankbarkeit Herrn Villeneuve vor der Wut dieses grimmigen Menschen nicht sch\u00fctzen. Congo Hoango war, bei dem allgemeinen Taumel der Rache, der auf die unbesonnenen Schritte des National-Konvents in diesen Pflanzungen aufloderte, einer der ersten, der die B\u00fcchse ergriff, und, eingedenk der Tyrannei, die ihn seinem Vaterlande entrissen hatte, seinem Herrn die Kugel durch den Kopf jagte.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Und, kennen Sie diese Novelle? Sie hei\u00dft &#8222;Die Verlobung in St. Domingo&#8220; und ist spannender als mancher &#8222;Thriller&#8220; unserer Zeit.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Fortsetzung folgt!  <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Teil 1 dieser kleinen Wortgeschichte finden Sie hier. Einzelne Belege f\u00fcr das Wort Neger findet man vereinzelt schon im 17. Jahrhundert, etwa bei dem schlesischen Dichter Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau. Zu Beginn des 18. 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