{"id":22522,"date":"2022-09-07T16:02:23","date_gmt":"2022-09-07T14:02:23","guid":{"rendered":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=22522"},"modified":"2022-09-07T16:02:23","modified_gmt":"2022-09-07T14:02:23","slug":"ein-zeitgemaesses-gedicht-von-gottfried-keller","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=22522","title":{"rendered":"Ein zeitgem\u00e4\u00dfes Gedicht von Gottfried Keller"},"content":{"rendered":"\n<p>Karl Kraus hat das 1878 von dem Schweizer Schriftsteller Gottfried Keller verfa\u00dfte Gedicht &#8222;Die \u00f6ffentlichen Verleumder&#8220; 1926 in seiner <em>Fackel<\/em> in die kleine Rubrik &#8222;Zeitgem\u00e4\u00dfes von Gottfried Keller&#8220; aufgenommen. Erschreckend zeitgem\u00e4\u00df war es 1926, weil es pr\u00e4zise und bildgewaltig den Aufstieg eines &#8222;Sch\u00e4chers&#8220; beschreibt, dem die Menschen in ihrer &#8222;Bl\u00f6digkeit&#8220; hinterherlaufen:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Ein Ungeziefer ruht<br>In Staub und trocknem Schlamme<br>Verborgen, wie die Flamme<br>In leichter Asche tut.<br>Ein Regen, Windeshauch<br>Erweckt das schlimme Leben,<br>Und aus dem Nichts erheben<br>Sich Seuchen, Glut und Rauch.<br><br>Aus dunkler H\u00f6hle f\u00e4hrt<br>Ein Sch\u00e4cher, um zu schweifen;<br>Nach Beuteln m\u00f6cht er greifen<br>Und findet bessern Wert:<br>Er findet einen Streit<br>Um Nichts, ein irres Wissen,<br>Ein Banner, das zerrissen,<br>Ein Volk in Bl\u00f6digkeit.<br><br>Er findet, wo er geht,<br>Die Leere d\u00fcrft\u2019ger Zeiten,<br>Da kann er schamlos schreiten,<br>Nun wird er ein Prophet!<br>Auf einen Kehricht stellt<br>Er seine Schelmenf\u00fc\u00dfe<br>Und zischelt seine Gr\u00fc\u00dfe<br>In die verbl\u00fcffte Welt.<br><br>Geh\u00fcllt in Niedertracht,<br>Gleichwie in einer Wolke,<br>Ein L\u00fcgner vor dem Volke,<br>Ragt bald er gro\u00df an Macht<br>Mit seiner Helfer Zahl,<br>Die hoch und niedrig stehend,<br>Gelegenheit ersp\u00e4hend,<br>Sich bieten seiner Wahl.<br><br>Sie teilen aus sein Wort,<br>Wie einst die Gottesboten<br>Getan mit den f\u00fcnf Broten,<br>Das klecket fort und fort!<br>Erst log allein der Hund,<br>Nun l\u00fcgen ihrer Tausend;<br>Und wie ein Sturm erbrausend,<br>So wuchert jetzt sein Pfund.<br><br>Hoch schie\u00dft empor die Saat,<br>Verwandelt sind die Lande,<br>Die Menge lebt in Schande<br>Und lacht der Schofeltat!<br>Jetzt hat sich auch erwahrt,<br>Was erstlich war erfunden:<br>Die Guten sind verschwunden,<br>Die Schlechten stehn geschart!<br><br>Wenn einstmals diese Not<br>Lang wie ein Eis gebrochen,<br>Dann wird davon gesprochen<br>Wie von dem schwarzen Tod;<br>Und einen Strohmann bau&#8217;n<br>Die Kinder auf der Haide,<br>Zu brennen Lust aus Leide<br>Und Licht aus altem Grau&#8217;n.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Da\u00df dieses Gedicht aus dem 19. Jahrhundert &#8222;auf Hitler-Deutschland gem\u00fcnzt scheint&#8220; (Thomas Mann), ist erstaunlich genug. F\u00fcr die heutige Zeit ist aber die Parallele zu den Zust\u00e4nden in den &#8222;sozialen Netzwerken&#8220; mindestens ebenso frappierend. Den einen gro\u00dfen Verf\u00fchrer gibt es dort (noch) nicht, aber sonst ist alles da, was so einer br\u00e4uchte: da wird geha\u00dft, gebr\u00fcllt, verleumdet und gelogen, da\u00df sich die Balken biegen, und auf viele Foren trifft zu, was Keller schreibt: &#8222;Die Guten sind verschwunden, die Schlechten stehn geschart!&#8220; <\/p>\n\n\n\n<p>Da\u00df uns, wie Keller in einem Brief bemerkt, nur eine &#8222;d\u00fcnne Kulturdecke von den w\u00fchlenden und heulenden Tieren des Abgrunds zu trennen scheint&#8220;, wei\u00df eigentlich jeder Mensch, der mit offenen Augen durchs Leben geht. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Karl Kraus hat das 1878 von dem Schweizer Schriftsteller Gottfried Keller verfa\u00dfte Gedicht &#8222;Die \u00f6ffentlichen Verleumder&#8220; 1926 in seiner Fackel in die kleine Rubrik &#8222;Zeitgem\u00e4\u00dfes von Gottfried Keller&#8220; aufgenommen. 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