{"id":22474,"date":"2022-07-16T12:44:47","date_gmt":"2022-07-16T10:44:47","guid":{"rendered":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=22474"},"modified":"2022-07-16T12:44:47","modified_gmt":"2022-07-16T10:44:47","slug":"ancillariolus-von-maegdetroestern-und-schuerzenjaegern","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=22474","title":{"rendered":"&#8222;Ancillariolus&#8220; &#8211; Von M\u00e4gdetr\u00f6stern und Sch\u00fcrzenj\u00e4gern"},"content":{"rendered":"\n<p>Beim St\u00f6bern in einem alten lateinisch-deutschen W\u00f6rterbuch (Scheller 1804) bin ich zuf\u00e4llig auf ein mir unbekanntes lateinisches Wort gesto\u00dfen: ANCILLARIOLUS. <\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/antibarbarus.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/20220713_1653272.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/antibarbarus.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/20220713_1653272-1024x339.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-22476\" width=\"528\" height=\"174\" srcset=\"http:\/\/antibarbarus.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/20220713_1653272-1024x339.jpg 1024w, http:\/\/antibarbarus.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/20220713_1653272-300x99.jpg 300w, http:\/\/antibarbarus.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/20220713_1653272-768x254.jpg 768w, http:\/\/antibarbarus.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/20220713_1653272-1536x508.jpg 1536w, http:\/\/antibarbarus.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/20220713_1653272-2048x678.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 528px) 100vw, 528px\" \/><\/a><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Das Grundwort &#8211; &#8222;ancilla&#8220; &#8211; kennt man vielleicht noch vom Lateinunterricht her; es bedeutet &#8222;Magd&#8220;. Manch ein Bildungsb\u00fcrger kennt auch den mittelalterlichen Satz, da\u00df die Philosophie nur eine <em>ancilla theologiae <\/em>zu sein habe, also eine Magd der Theologie (wobei ich mich f\u00fcr die Erw\u00e4hnung des Wortes &#8222;Bildungsb\u00fcrger&#8220; eigentlich entschuldigen mu\u00df, denn der <em>Bildungsb\u00fcrger <\/em>steht heutzutage bei unserem so herrlich fortschrittlichen Milieu in der Wertsch\u00e4tzung noch unter dem <em>Gangsta-Rapper<\/em>). <\/p>\n\n\n\n<p>Aber zur\u00fcck zur Magd aus Fleisch und Blut! Sehen wir uns an, wie &#8222;ancillariolus&#8220; in anderen W\u00f6rterb\u00fcchern \u00fcbersetzt wird. <\/p>\n\n\n\n<p>Bei Johann Philipp von Carrach (1777) ist es einer, &#8222;der um eine Dienstmagd buhlet&#8220;. &#8222;H\u00e4h?&#8220; wird es da einem heutigen Abiturienten entfahren. &#8222;Buhlet? Was ist das denn?&#8220;  Nun, die Antwort steht in der Bibel, und zwar in den &#8222;Spr\u00fcchen Salomos&#8220; (7,18). Da geht ein &#8222;t\u00f6richter J\u00fcngling&#8220; des Weges, und pl\u00f6tzlich begegnet ihm &#8222;ein Weib im Hurenschmuck, listig, <sup>\u00a0<\/sup>wild und unb\u00e4ndig&#8220;. Und das Weib spricht zu ihm:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Komm, la\u00df uns buhlen bis an den Morgen und la\u00df uns der Liebe pflegen. Denn der Mann ist nicht daheim; er ist einen fernen Weg gezogen.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Ich denke, da\u00df jetzt jeder, auch wenn er aus bildungsfernen Schichten kommt, versteht, was mit &#8222;buhlen bis an den Morgen&#8220; gemeint ist. Noch bildungsb\u00fcrgerlicher w\u00e4re das Wissen, da\u00df auch im &#8222;Jedermann&#8220; bei den Salzburger Festspielen die &#8222;Buhlschaft&#8220; keine geringe Rolle spielt.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei Scheller (1783) ist ein <em>ancillariolus <\/em>einer, &#8222;der mit Aufw\u00e4rterinnen und M\u00e4gden unkeuschen Umgang hat, M\u00e4gdetr\u00f6ster*. Da haben wir ihn also, den <em>M\u00e4gdetr\u00f6ster<\/em>! Ein Wort, das mir ausnehmend gut gef\u00e4llt, auch wenn so manche Aktivistin mir darum den Kopf abrei\u00dfen m\u00f6chte. Eine Magd m\u00f6chte doch nicht getr\u00f6stet werden! w\u00fcrde sie mir zurufen, sie will befreit werden aus der Knechtschaft des Patriarchats! Aber, w\u00fcrde ich ihr dann ganz leise zufl\u00fcstern: es ist doch auch etwas Sch\u00f6nes, getr\u00f6stet zu werden!<\/p>\n\n\n\n<p>Machen wir es kurz. L\u00fcnemann (1826) \u00fcbersetzt das Wort so: &#8222;der den M\u00e4gden nachgeht, mit ihnen unkeuschen Umgang hat, M\u00e4gdetr\u00f6ster&#8220;. <em>Buhlen <\/em>ist da schon als Wort nicht mehr ganz modern, jetzt hat man &#8222;unkeuschen Umgang&#8220;. Es kommt fleischlich auf dasselbe hinaus. <\/p>\n\n\n\n<p>Wilhelm Freund (1834) schreibt: &#8222;der den M\u00e4gden nachgeht, ein M\u00e4gdebuhler, Sch\u00fcrzenj\u00e4ger&#8220;. Da ist also der Sch\u00fcrzenj\u00e4ger! Seltsam, im sonst so beredten Deutschen W\u00f6rterbuch der Br\u00fcder Grimm gibt es das Wort nicht, aber im &#8222;Wander&#8220; (Deutsches Sprichw\u00f6rter-Lexicon, 1867) steht es schon, zusammen mit den (heute gottlob aus der Mode gekommenen) Synonymen &#8222;Hurenj\u00e4ger, Jungfernknecht, Steig&#8216; auf d&#8216; Leut&#8220;. <\/p>\n\n\n\n<p>Und wie sieht es im 20. Jahrhundert aus? Im Langenscheidt von 1963 ist der &#8222;ancillariolus&#8220; nur noch ein Sch\u00fcrzenj\u00e4ger, und der Stowasser von 1994 bietet neben &#8222;Sch\u00fcrzenj\u00e4ger&#8220; noch die \u00dcbersetzung &#8222;Weiberheld&#8220; an, beides W\u00f6rter, die vom Hauch der alten Zeit umweht sind. Heute w\u00fcrde man vielleicht von einem <em>womanizer <\/em>reden, aber der hat ja nicht mehr M\u00e4gde mit Sch\u00fcrzen im Sinn. F\u00fcr das Wort &#8222;Sch\u00fcrzenj\u00e4ger&#8220; freilich bietet uns die Seite &#8222;Bayerns Dialekte Online&#8220; folgende Erkl\u00e4rungen an, die ein ziemlich heterogenes Spektrum m\u00e4nnlichen Verhaltens abdecken (&#8222;pejor&#8220; steht f\u00fcr pejorativ, herabsetzend). <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Mann (pejor): alter Mann, der sich f\u00fcr junge M\u00e4dchen interessiert<br>Mann (pejor): hochm\u00fctiger Frauenheld, Sch\u00f6nling<br>Mann (pejor): untreu<br>Ehebrecher<br>Frauenheld<br>Mann (pejor): jemand, der Frauen nachstellt<br>triebhafter Mann.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Damit soll es erst einmal sein Bewenden haben, denn bei so einem Thema ger\u00e4t man leicht in die Schu\u00dflinie kampfeslustiger Aktivistinnen. Ein sprachwissenschaftliches Minenfeld! <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beim St\u00f6bern in einem alten lateinisch-deutschen W\u00f6rterbuch (Scheller 1804) bin ich zuf\u00e4llig auf ein mir unbekanntes lateinisches Wort gesto\u00dfen: ANCILLARIOLUS. Das Grundwort &#8211; &#8222;ancilla&#8220; &#8211; kennt man vielleicht noch vom Lateinunterricht her; es bedeutet &#8222;Magd&#8220;. 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