{"id":2228,"date":"2011-09-26T02:08:39","date_gmt":"2011-09-26T00:08:39","guid":{"rendered":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=2228"},"modified":"2011-09-26T09:00:00","modified_gmt":"2011-09-26T07:00:00","slug":"ein-merkwurdiger-papst-artikel-in-der-zeit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=2228","title":{"rendered":"Ein merkw\u00fcrdiger Papst-Artikel in der &#8222;Zeit&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Evelyn Finger, die in der <em>Zeit<\/em> das Ressort &#8222;Glauben und Zweifeln&#8220; leitet, hat in ihrem Blatt einen merkw\u00fcrdigen Artikel geschrieben (<a title=\"hier\" href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2011\/39\/Papst-Krise\">hier<\/a> nachzulesen). Da\u00df hier mehr gezweifelt als geglaubt wird, ist nicht das Problem, jeder kann bei uns gottlob glauben und zweifeln, wie er will. Das Merkw\u00fcrdige liegt eher darin, da\u00df sie offenbar <em>nicht<\/em> zweifelt, jedenfalls nicht an ihrer geradezu b\u00f6swilligen Deutung dieses Papstes und seines Pontifikats.<\/p>\n<blockquote><p>Was ist eigentlich so unertr\u00e4glich an diesem deutschen Papst?<\/p><\/blockquote>\n<p>So fragt Frau Finger, und damit gibt sie nat\u00fcrlich schon die Antwort. Ich habe schon viele kritische Stimmen (auch manche zutreffende) zu Benedikt XVI. gelesen (sie kommen \u00fcbrigens fast ausschlie\u00dflich aus seiner deutschen Heimat!), aber da\u00df er &#8222;unertr\u00e4glich&#8220; sei, hat vor ihr noch niemand gesagt. Er ist ein kluger, belesener Theologe, und ein eher sanftm\u00fctiger Papst. Mag sein, da\u00df er &#8211; wie bei seinem Treffen mit den Protestanten in Erfurt &#8211; nicht immer die richtigen Worte findet und auch ein bi\u00dfchen bayerische Sturheit hat, mag auch sein, da\u00df er nicht den Mut hat, das in Deutschland dr\u00e4ngende Problem der gemischten Ehen und der Wiederverheiratung von Geschiedenen endlich anzugehen.<\/p>\n<p>Aber &#8211; unertr\u00e4glich?<\/p>\n<p>Evelyn Finger begr\u00fcndet ihr Verdikt mit einer kaum nachvollziehbaren Interpretation von Benedikts Kampf gegen die moderne Beliebigkeit. Er ist so unertr\u00e4glich, sagt sie, &#8222;weil er selber die Welt nicht ertr\u00e4gt&#8220;. Und warum ertr\u00e4gt er die Welt nicht? Weil sie demokratisch ist. Der Papst vertrete eine &#8222;despotische Theologie&#8220;. Und weiter geht es, Schlag auf Schlag:<\/p>\n<blockquote><p>Benedikt nennt die freie Gesellschaft eine \u00bbDiktatur des Relativismus\u00ab und eine \u00bbKultur des Todes\u00ab. Er stilisiert die Religion zur Gralsh\u00fcterin der Moral und verprellt damit nicht nur Atheisten, sondern alle, die unsere aufgekl\u00e4rte Ethik, unsere von G\u00f6ttern unabh\u00e4ngigen Gesetze f\u00fcr einen Fortschritt halten.<\/p><\/blockquote>\n<p>Hier schl\u00e4gt die gewagte Interpretation in tats\u00e4chliche Verf\u00e4lschung, in ein b\u00f6swilliges Mi\u00dfverstehen um. Es ist keineswegs die &#8222;freie Gesellschaft&#8220; selbst, die Benedikt in Frage stellt, es ist sozusagen ihre dunkle Kehrseite, die alles, aber auch wirklich alles dem Individuum \u00fcberl\u00e4\u00dft (man k\u00f6nnte auch sagen: aufb\u00fcrdet). &#8222;Benedikt f\u00fcrchtet die Demokratie&#8220;, sagt Frau Finger, aber sie liefert daf\u00fcr nicht den kleinsten Beweis, denn das Ratzinger-Zitat, das sie anf\u00fchrt, st\u00fctzt ihre Thesen ganz und gar nicht. Sehen wir uns das Zitat einmal n\u00e4her an:<\/p>\n<blockquote><p>Wir wissen ja, dass die Demokratie selbst ein gewagter Versuch ist, dass das Entscheiden nach dem Mehrheitsprinzip nur einen bestimmten Rahmen menschlicher Dinge regulieren kann. Es wird zum Unding, wenn es auf Fragen der Wahrheit, des Guten selbst ausgedehnt w\u00fcrde.<\/p><\/blockquote>\n<p>Darauf also gr\u00fcndet die &#8222;despotische Theologie&#8220;? Das ist fast schon abenteuerlich. Da\u00df die Demokratie ein &#8222;gewagter Versuch&#8220; ist, der immer auch scheitern und schmerzhaft in die Irre f\u00fchren kann, wei\u00df jeder. Da\u00df sie nur auf einen Teil der menschlichen Dinge anwendbar ist, n\u00e4mlich auf die politische Gestaltung im Staat, kann doch niemand ernsthaft bezweifeln. Oder sollen wir jetzt \u00fcber die Relativit\u00e4tstheorie abstimmen? Sollen wir bei Wahlen dar\u00fcber entscheiden, ob eine Aussage wahr oder falsch ist? Auch \u00fcber Gut und B\u00f6se, da hat Ratzinger v\u00f6llig recht, kann man keine demokratische Entscheidung herbeif\u00fchren.\u00a0 Was Ratzinger hier bemerkt, sind philosophische Binsenweisheiten. Zu den Grenzen der Demokratie m\u00f6chte ich \u00fcbrigens darauf hinweisen, da\u00df sogar unsere Verfassungsv\u00e4ter &#8211; in weiser Voraussicht und wohlbegr\u00fcndet! &#8211; fast alle Grundrechte ausdr\u00fccklich der Entscheidungsbefugnis des Wahlvolks entzogen haben. Sie gelten also unab\u00e4nderlich &#8211; und das ist gut so.<\/p>\n<p>Weil Benedikt despotisch und ein &#8222;Hirte alter Schule&#8220; sei, so Evelyn Finger, k\u00f6nne er &#8222;die Vertuschung des Kindesmissbrauchs nicht aufkl\u00e4ren, weil er sich sonst \u00fcber die eigene Macht aufkl\u00e4ren m\u00fcsste&#8220;. Wieder so eine kleine infame Spitze, die vielleicht auf Teile der Kirche (und der Kurie) zutreffen mag, aber bestimmt nicht auf Benedikt, der energisch wie keiner vor ihm auf die Mi\u00dfbrauchsf\u00e4lle reagiert hat.<\/p>\n<p>Auch die Gew\u00e4hrsleute, die Evelyn Finger f\u00fcr ihre Angriffe heranzieht, sind wenig \u00fcberzeugend. Wieder ist es der &#8222;Shooting-Star&#8220; David Berger, der schon den <em>Stern<\/em>-Redakteuren assistiert hat, dann der Jesuitenpater Klaus Mertes, schlie\u00dflich die Theologin Johanna Rahner. Das meiste, was zumindest die beiden letzten sagen, w\u00fcrde auch Benedikt ohne zu z\u00f6gern unterschreiben.<\/p>\n<p>Hier soll ganz offensichtlich der Popanz eines angeblich autorit\u00e4ren, despotischen Papstes aufgebaut werden, damit man umso einfacher auf ihn einschlagen kann. Wer Benedikt aber aufmerksam und ohne b\u00f6sen Willen zuh\u00f6rt, wird entdecken, da\u00df er viel skrupul\u00f6ser, nachdenklicher und auch gelehrter ist als die meisten seiner Kritiker. Aber allen kann man es nie recht machen.<\/p>\n<p>Das Bild von Benedikt jedenfalls, das Evelyn Finger in ihrem Artikel malt, h\u00e4lt der Wirklichkeit nicht stand.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Evelyn Finger, die in der Zeit das Ressort &#8222;Glauben und Zweifeln&#8220; leitet, hat in ihrem Blatt einen merkw\u00fcrdigen Artikel geschrieben (hier nachzulesen). 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