{"id":22168,"date":"2022-01-18T15:29:29","date_gmt":"2022-01-18T14:29:29","guid":{"rendered":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=22168"},"modified":"2022-01-18T15:29:29","modified_gmt":"2022-01-18T14:29:29","slug":"johann-gottlieb-fichte-und-das-heitere-wehen-des-alterthums","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=22168","title":{"rendered":"Johann Gottlieb Fichte und das &#8222;heitere Wehen des Alterthums&#8220;"},"content":{"rendered":"\n<p>In seinen <em>Aphorismen \u00fcber Erziehung aus dem Jahre 1804<\/em> schreibt der deutsche Philosoph Johann Gottlieb Fichte (1762-1814):<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Einen Menschen erziehen heisst: ihm Gelegenheit geben, sich zum vollkommenen Meister und Selbstherrscher seiner <em>gesammten<\/em> Kraft zu machen. Der <em>gesammten<\/em> Kraft, sage ich; denn die Kraft des Menschen ist Eine und ist ein zusammenh\u00e4ngendes Ganze. Sogleich in der Erziehung einen abgesonderten Gebrauch dieser Kraft als Ziel ins Auge fassen, \u2014 den Z\u00f6gling f\u00fcr seinen Stand erziehen, wie man dies wohl genannt hat, w\u00fcrde nur \u00fcberfl\u00fcssig seyn, wenn es nicht verderblich w\u00e4re. Es verengt die Kraft und macht sie zum Sklaven des angebildeten Standes, da sie doch sein Herrscher seyn sollte. Der v\u00f6llig und harmonisch ausgebildeten Kraft kann man es \u00fcberlassen, von welcher Seite her sie sich der Welt und der Praxis in ihr n\u00e4hern werde [&#8230;] Wer \u00fcberhaupt nur wirklich <em>ist<\/em>, ein vern\u00fcnftiges und in jedem Augenblicke selbstth\u00e4tiges Wesen, wird immer mit Leichtigkeit sich zu dem <em>machen<\/em>, was er in seiner Lage seyn soll. Wer aber durch irgend eine \u00e4usserliche Ein\u00fcbung (Dressur) den leider ermangelnden Thierinstinct  ersetzt hat, der bleibt eben in dieser Schranke befangen, die ihn wie eine zweite, ihm undurchdringliche Natur umgiebt, und die Erziehung, der Unterricht hat ihn gerade beschr\u00e4nkt, get\u00f6dtet, statt ihn zu befreien und zum lebendigen Fortwachsen aus sich selbst f\u00e4hig zu machen.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Umfassende Bildung und nicht Dressur und Einengung auf ein vorgegebenes Ziel &#8211; das w\u00e4re eine moderne, der Aufkl\u00e4rung verpflichtete Erziehung, d\u00fcrfte aber heute, so wie es an unseren Schulen zugeht, nicht einmal im Ansatz zu erreichen sein. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann f\u00e4hrt Fichte fort:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>F\u00fcr Entwickelung der <em>Geistes<\/em>kraft in diesem allgemeinsten Sinne haben wir Neueren nichts Zweckm\u00e4ssigeres, als die Erlernung der alten klassischen Sprachen. Ob man f\u00fcrs Leben jemals dieser Sprachen bed\u00fcrfen werde, davon sey nicht die Frage: ja sogar davon werde abgesehen, ob es dem aufkeimenden Geiste r\u00e4thlicher sey, in der gepressten Luft der modernen Denkart, oder in dem heiteren Wehen der Schriftsteller des Alterthums zu athmen.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Das ist nat\u00fcrlich &#8222;tiefstes 19. Jahrhundert&#8220;, schon wenige Jahrzehnte sp\u00e4ter, als Wissenschaft und Technik immer mehr das Leben bestimmten, ging man daran, die alten Sprachen im Stundenplan zu dezimieren. Mittlerweile erleben wir einen Kahlschlag ohnegleichen: immer mehr Studienf\u00e4cher verzichten darauf, wenigstens das Latinum noch als Voraussetzung f\u00fcr das Studium beizubehalten. Juristen und Mediziner (!) brauchen in Deutschland kein Latinum mehr, und in NRW verzichtet man darauf sogar bei Lehramtsstudenten der romanischen Sprachen. Selbst ein Bachelorstudium in Philosophie und Geschichte &#8211; man h\u00f6re und staune! &#8211; ist an einigen Universit\u00e4ten ohne lateinische Grundkenntnisse m\u00f6glich. \u00d6sterreich und die Schweiz sind \u00fcbrigens beim Raubbau an den Grundlagen der eigenen Kultur wesentlich zur\u00fcckhaltender. <\/p>\n\n\n\n<p>Heute redet man wieder gern vom &#8222;christlichen Abendland&#8220;, von den Werten und Grundlagen der europ\u00e4ischen Kultur, vom griechisch-r\u00f6mischen und christlichen Fundament Europas, das man entschlossen verteidigen will, aber zugleich macht man es den Sch\u00fclern immer leichter, sich ohne jede Kenntnis dieser Grundlagen (und mit viel &#8222;Internet-Recherche&#8220;) durch die Schulzeit zu mogeln. Man will ihnen m\u00f6glichst alles ersparen, was f\u00fcr eine gelungene Bildung notwendig ist: Ausdauer beim Lernen, Hartn\u00e4ckigkeit und die eigene Anstrengung beim L\u00f6sen von Aufgaben. Und schon h\u00f6rt man auch wieder aus &#8222;fortschrittlichen&#8220; Kreisen das dumme Wort von den &#8222;Arbeiterkindern&#8220;, denen man auf dem Weg zum Studium keine zu gro\u00dfen Steine in den Weg legen d\u00fcrfe. <\/p>\n\n\n\n<p>Wer Kindern keine Steine in den Weg legt, verhindert, da\u00df sie wachsen und ihre geistigen Kr\u00e4fte entwickeln k\u00f6nnen. <\/p>\n\n\n\n<p>So bleiben viele, um noch einmal Fichte zu zitieren, in jener &#8222;Nebelwelt halbverstandener, nie bis auf ihren Kern untersuchter Vorstellungen, in der das gew\u00f6hnliche Bewusstseyn, auch der sogenannten Gebildeten, lebt&#8220;. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In seinen Aphorismen \u00fcber Erziehung aus dem Jahre 1804 schreibt der deutsche Philosoph Johann Gottlieb Fichte (1762-1814): Einen Menschen erziehen heisst: ihm Gelegenheit geben, sich zum vollkommenen Meister und Selbstherrscher seiner gesammten Kraft zu machen. Der gesammten Kraft, sage ich; &hellip; <a href=\"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=22168\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3,16,12],"tags":[],"class_list":["post-22168","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-christentum","category-philosophie","category-politik"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/antibarbarus.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/22168","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/antibarbarus.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/antibarbarus.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/antibarbarus.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/antibarbarus.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=22168"}],"version-history":[{"count":7,"href":"http:\/\/antibarbarus.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/22168\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":22175,"href":"http:\/\/antibarbarus.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/22168\/revisions\/22175"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/antibarbarus.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=22168"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/antibarbarus.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=22168"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/antibarbarus.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=22168"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}