{"id":22154,"date":"2022-01-16T23:43:07","date_gmt":"2022-01-16T22:43:07","guid":{"rendered":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=22154"},"modified":"2022-01-16T23:43:07","modified_gmt":"2022-01-16T22:43:07","slug":"die-wowser-sind-wieder-gross-im-kommen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=22154","title":{"rendered":"Die Wowser sind wieder gro\u00df im Kommen!"},"content":{"rendered":"\n<p>Kennen Sie H.L. Mencken? Nein? Da geht es Ihnen wie den den meisten Menschen au\u00dferhalb der USA. <\/p>\n\n\n\n<p>Mencken (1880-1956) war ein unerschrockener Journalist, der keiner Konfrontation aus dem Wege ging. Er war oft bitterb\u00f6se, auch ungerecht, aber er hatte Mut, viel Mut. Ein Beispiel. Da gab es in Boston eine Niederlassung der <em>New England Watch and Ward Society<\/em>, die sich die Ausrottung des Lasters auf die Fahnen geschrieben hatte &#8211; ihr Gr\u00fcndungsname war deshalb auch <em>Society for the Suppression of Vice<\/em> (&#8222;Gesellschaft zur Unterdr\u00fcckung des Lasters&#8220;). Ihr Ziel war es, in Theaterst\u00fccken, B\u00fcchern und vor allem in Zeitungen nach &#8222;anst\u00f6\u00dfigen&#8220; W\u00f6rtern zu fahnden. Der New Yorker Ableger hatte auf seinem Siegel links eine Festnahme, rechts die Abbildung einer B\u00fccherverbrennung &#8211; es ging hier also keineswegs um ein harmloses Kuriosum. Anthony Comstock, ihr Gr\u00fcnder, behauptete, offenbar nicht ohne Stolz, er habe &#8222;4000 Verhaftungen und 15 Selbstmorde verursacht&#8220;. Ein lupenreiner Christenmensch! <\/p>\n\n\n\n<p>Der Sekret\u00e4r der Bostoner Abteilung der Gesellschaft war ein frommer Reverend namens Frank Chase. Er sorgte als selbsternannter und bestens vernetzter Zensor daf\u00fcr, da\u00df Zeitungen mit unz\u00fcchtigen W\u00f6rtern gar nicht erst verkauft wurden. Auch Menckens Monatszeitschrift <em>The American Mercury<\/em> fiel 1926 in Boston der Zensur durch den Reverend zum Opfer, weil in einem v\u00f6llig harmlosen Artikel \u00fcber eine Prostituierte das Word &#8222;damned&#8220; vorkam. Mencken hatte eine tiefe Verachtung f\u00fcr die bigotten Kleingeister, die ihre Mitmenschen schon bei der Polizei denunzierten, wenn die am Sonntagmorgen an ihrem Auto hantierten. Besonders \u00e4rgerte es ihn, da\u00df durch diese fanatischen Puritaner und ihre zum Teil ungesetzlichen und heimlich durchgef\u00fchrten Aktionen ein Klima der Drohung und Einsch\u00fcchterung (<em>threat and intimidation<\/em>) entstanden war. Mencken ging zum Angriff \u00fcber. Unterst\u00fctzt von einem Anwalt der American Civil Liberties Union fuhr er nach Boston und verkaufte seinem Erzgegner Chase inmitten einer riesigen Menschenmenge, die zum Teil auf B\u00e4ume und Balkone geklettert war, ein Exemplar seines <em>Mercury<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>Der folgende Dialog ist \u00fcberliefert:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201cAre you Chase?\u201d fragte Mencken.<br>\u201cI am\u201d.<br>\u201cAnd do you want to buy a copy of the <em>Mercury<\/em>?\u201d<br>\u201cI do\u201d. <\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Chase bezahlte, nahm die Zeitung in Empfang und befahl dann einem Polizisten, der ihn begleitete: &#8222;Officer, arrest that man!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Mencken wurde durch die Menschenmenge zur Wache gef\u00fchrt und gegen eine Kaution von 500 $ auf freien Fu\u00df gesetzt. Am n\u00e4chsten Morgen stand er wegen &#8222;Verbreitung von Obsz\u00f6nit\u00e4ten&#8220; vor Gericht &#8211; eine riskante Sache, denn im Fall eines Schuldspruchs drohten ihm zwei Jahre Gef\u00e4ngnis, und alle waren sich einig, da\u00df es dazu kommen w\u00fcrde. Aber der Richter, James P. Parmenter, \u00fcberraschte alle: Mencken wurde freigesprochen. Es handle sich bei Menckens Artikel, so sagte er in seiner Urteilsbegr\u00fcndung, um eine &#8222;zwar freiz\u00fcgige, aber zugleich intellektuelle Beschreibung der Prostitution&#8220;, und er k\u00f6nne darin nichts entdecken, was &#8222;zu sexuellen Anwandlungen oder lasziven Gedanken&#8220; anregen w\u00fcrde. <\/p>\n\n\n\n<p>Mencken hatte einen unerwarteten Sieg \u00fcber die Wowser errungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Wowser? Das ist ein Wort, das man in jenen Jahren h\u00e4ufig bei Mencken findet. Es stammt aus dem australischen Slang und bezeichnet im englischen Sprachraum im engeren Sinne einen fanatischen Puritaner, im weiteren einen scheinheiligen und b\u00f6sartigen Moralisten, der anderen seine Meinung aufzwingen will. Der australische Schriftsteller C.J. Dennis (1876-1938) hat <em>Wowser <\/em>einmal so definiert: <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>An ineffably pious person who mistakes this world for a penitentiary and himself as a warder.<\/p><p>Ein unsagbar frommer Mensch, der diese Welt f\u00fcr ein Zuchthaus h\u00e4lt und sich selbst f\u00fcr einen der W\u00e4rter. <\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Mir scheint, da\u00df es an solchen Wowsern auch heute nicht fehlt, ja da\u00df sie viel h\u00e4ufiger als noch vor ein paar Jahrzehnten auch in Deutschland ihr Unwesen treiben. Sie sind \u00fcberall: sie wollen, da\u00df ich mich vegan ern\u00e4hre, da\u00df ich meiner Impflicht nachkomme, da\u00df ich keine Plastikt\u00fcten benutze, da\u00df ich auf meinen CO2-Fu\u00dfabdruck achte, da\u00df ich Frauen nicht mit altmodischen Komplimenten bel\u00e4stige &#8211; nur eines wollen sie nicht: da\u00df ich mich des Daseins freue und das Leben genie\u00dfe. Denn &#8211; um noch einmal Mencken zu zitieren: diese Moralisten treibt &#8222;die qu\u00e4lende Angst, da\u00df irgendwo irgendjemand gl\u00fccklich sein k\u00f6nnte&#8220; (<em>the haunting fear that someone, somewhere, may be happy<\/em>). <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kennen Sie H.L. Mencken? Nein? Da geht es Ihnen wie den den meisten Menschen au\u00dferhalb der USA. Mencken (1880-1956) war ein unerschrockener Journalist, der keiner Konfrontation aus dem Wege ging. 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