{"id":21935,"date":"2021-11-17T01:03:45","date_gmt":"2021-11-17T00:03:45","guid":{"rendered":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=21935"},"modified":"2021-11-19T15:57:45","modified_gmt":"2021-11-19T14:57:45","slug":"polizeipraxen-wesenhafte-bedeutungsbeziehungen-und-die-hauptstadt-von-usbekistan","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=21935","title":{"rendered":"Polizeipraxen, wesenhafte Bedeutungsbeziehungen und die Hauptstadt von Usbekistan"},"content":{"rendered":"\n<p>Um das geographische Wissen steht es nicht gut in unserem Land, das kann man in jeder beliebigen Quizsendung beobachten: die Rubrik &#8222;Geographie&#8220; wird von den Kandidaten gemieden wie das Weihwasser vom Teufel. K\u00f6nnte da nicht Hilfe von jenen Instituten kommen, wo unsere Geographen und Erdkundelehrer ausgebildet wetden?<\/p>\n\n\n\n<p>An der Goethe-Universit\u00e4t Frankfurt stehen den \u00fcber tausend Studenten des Fachbereichs 11 (Geowissenschaften\/Geographie) 37 Professoren zur Seite. Sie geh\u00f6ren mehreren Instituten an, eines davon ist das <em>Institut f\u00fcr Humangeographie<\/em>. Im Lokalteil der gestrigen F.A.Z. konnte man nachlesen, wie eifrig hier geographische Kenntnisse vermittelt werden. <\/p>\n\n\n\n<p>Es geht um das gerade im transcript-Verlag erschienene Buch &#8222;<em>Frankfurt am Main &#8211; Eine Stadt f\u00fcr alle<\/em>?&#8220; Die Herausgeber &#8211; Johanna Betz, Svenja Keitzel, J\u00fcrgen Schardt, Sebastian Schipper, Sara Schmitt Pac\u00edfico und Felix Wiegand &#8211; sind alle, wie es in dem Artikel hei\u00dft, auf verschiedene Art mit dem Institut f\u00fcr Humangeographie verbunden und gesellschaftspolitisch engagiert. \u00dcber Svenja Keitzel zum Beispiel, die an dem Institut &#8222;seit Juni 2017&#8220; promoviert, kann man in ihrem <a href=\"https:\/\/www.uni-frankfurt.de\/72296237\/Kurzportrait\">Kurzportr\u00e4t<\/a> nachlesen, da\u00df sie an dem Heildelberger Forschungsprojekt \u201ePolizei, Politik, Polis &#8211; Zum Umgang mit Gefl\u00fcchteten in der Stadt&#8220; beteiligt ist. Ihre Forschungsinteressen:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Intersektionale feministische und postkoloniale Ans\u00e4tze, Kritische Kriminologie und r\u00e4umliche Perspektiven auf soziale Ungleichheiten.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>\u00dcber ihr <em>work in progress<\/em>, die Doktorarbeit, hei\u00dft es dem Portr\u00e4t: <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>In ihrem Promotionsprojekt besch\u00e4ftigt sie sich mit allt\u00e4glichen Polizeipraxen in Frankfurt am Main. Hierf\u00fcr wird insbesondere raumfokussiertes Polizeihandeln in den Blick genommen, welches aus unterschiedlichen Perspektiven und Positionen untersucht wird. Es wird danach gefragt, in welchem Zusammenhang allt\u00e4gliche Polizeipraxen und die (Re)Produktion sozialer Ungleichheiten sowie Machtverh\u00e4ltnisse stehen und wie sich diese beeinflussen.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Wenn man in meinem Alter so etwas liest, erschrickt man. Um Himmels willen, denkt man: <em>Sind sie wieder da?<\/em> <em>Sind das die Wiederg\u00e4nger der 68er? <\/em>Derselbe linke Kauderwelsch wie vor einem halben Jahrhundert, die &#8222;Reproduktion der sozialen Ungleichheiten&#8220;, die Machtverh\u00e4ltnisse, und nat\u00fcrlich ist wie damals alles &#8222;kritisch&#8220;, so wie es einst die &#8222;Kritische Theorie&#8220; von Adorno, Horkheimer und Marcuse war, nur halt ein bi\u00dfchen schlichter: es geht jetzt um &#8222;Kritische Kriminologie&#8220; und um &#8222;Kritische Geographie&#8220;, und in dem Buch sollen (so w\u00f6rtlich!) <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Wissenschaftler*innen und Aktivist*innen, aktivistische Forscher*innen und forschende Aktivist*innen, Nicht-Akademiker*innen und Akademiker*innen <\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>zu Wort kommen. (Den Autoren des Buchs bin ich schon deshalb gram, weil ich diesen Quark zum Zwecke des Zitierens Wort f\u00fcr Wort und Stern f\u00fcr Stern habe abschreiben m\u00fcssen!) <\/p>\n\n\n\n<p>Ob die akademisch gebildeten Geographinnen und Geographen wissen, wie die Hauptstadt von Tadschikistan hei\u00dft oder wo die Grenze zwischen Europa und Asien verl\u00e4uft (bitte genau beschreiben!), das frage ich lieber nicht. Mit solchen Petitessen m\u00f6gen sich die &#8222;Bildungsb\u00fcrger&#8220; befassen, die unf\u00e4hig sind, sich in die postkolonialen, feministischen und intersektionalen H\u00f6hen der kritischen Geographie emporzuschwingen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nur noch eine kleine sprachliche Handreichung f\u00fcr unsere Autoren. In ihrem Buch und auch anderswo im linken Milieu (bitte googeln!) wird heutzutage immer h\u00e4ufiger von &#8222;Polizeipraxen&#8220; gesprochen. Damit sind aber nicht R\u00e4umlichkeiten gemeint, in denen Polizisten \u00e4rztlich behandelt werden. Hier hilft es, wenn man sich an den 1961 verstorbenen Sprachwissenschaftler Walter Porzig erinnert, der in meiner Studienzeit noch zur germanistischen Pflichtlekt\u00fcre geh\u00f6rte. Porzig pr\u00e4gte den Begriff der &#8222;wesenhaften Bedeutungsbeziehungen&#8220;, die er 1934 so definierte:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Es handelt sich dabei offenbar nicht um eine blo\u00dfe consociation [&#8230;], also darum, da\u00df einem bei dem einen wort das andere leicht einfiele, sondern um eine beziehung, die im wesen der gemeinten bedeutungen selbst gr\u00fcndet. Ich nenne sie deshalb wesenhafte bedeutungsbeziehungen.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Wenn man, um ein einfaches Beispiel anzuf\u00fchren, jemanden fragt, welches Substantiv er mit dem Verb &#8222;stapfen&#8220; verbindet, wird jeder sagen: &#8222;Schnee&#8220;. Man stapft nicht durch Pf\u00fctzen oder auf Asphalt, man stapft nur durch den Schnee. Stapfen und Schnee bilden also eine wesenhafte Bedeutungsbeziehung. <\/p>\n\n\n\n<p>Und was hat das jetzt mit den &#8222;Polizeipraxen&#8220; zu tun? Zun\u00e4chst einmal: ich habe selten ein so dummes und \u00fcberfl\u00fcssiges Wort erlebt. Da wird zu dem (korrekten) Singular &#8222;Polizeipraxis&#8220; einfach der k\u00fcnstliche Plural &#8222;Polizeipraxen&#8220; gebildet. &#8222;Praxen&#8220; als Plural ist aber nur erlaubt, wenn es um die R\u00e4umlichkeiten geht, in denen ein Arzt praktiziert. Die Praxis als &#8222;bestimmte Art und Weise, etwas zu tun, zu handhaben&#8220; (Duden), wie sie etwa in dem Ausdruck &#8222;g\u00e4ngige Praxis&#8220; vorkommt, kann nicht in den Plural gesetzt werden. Daf\u00fcr ist das (Un-) Wort &#8222;Polizeipraxen&#8220; (anstelle des passenden Worts &#8222;Polizeipraktiken&#8220;) inzwischen ein gutes Beispiel f\u00fcr die von Porz postulierten &#8222;wesenhaften Bedeutungsbeziehungen&#8220; &#8211; es kommt n\u00e4mlich, jedenfalls in einem bestimmten linken Milieu, fast nur zusammen mit dem Attribut &#8222;rassistisch&#8220; vor. Deshalb m\u00fc\u00dfte man hier, in Erweiterung der Porzschen Begrifflichkeit, eher von <em>milieubedingten <\/em>Bedeutungsbeziehungen sprechen. <\/p>\n\n\n\n<p>Wenn Sie also, liebe Leser, irgendwann einmal dem Ausdruck &#8222;rassistische Polizeipraxen&#8220; begegnen, dann wissen Sie jetzt, da\u00df Sie sich im seltsamen Reich der Aktivist*innen befinden &#8211; am Ende wom\u00f6glich im Land der aktivistischen Forscher*innen oder der forschenden Aktivist*innen des Instituts f\u00fcr Humangeographie in Frankfurt am Main. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Um das geographische Wissen steht es nicht gut in unserem Land, das kann man in jeder beliebigen Quizsendung beobachten: die Rubrik &#8222;Geographie&#8220; wird von den Kandidaten gemieden wie das Weihwasser vom Teufel. 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