{"id":21729,"date":"2021-09-14T02:38:18","date_gmt":"2021-09-14T00:38:18","guid":{"rendered":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=21729"},"modified":"2021-09-14T02:38:18","modified_gmt":"2021-09-14T00:38:18","slug":"wie-tickten-die-nazis","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=21729","title":{"rendered":"&#8222;Wie tickten die Nazis?&#8220;"},"content":{"rendered":"\n<p>In der Reihe ZDF-History lief vor einigen Tagen die Folge &#8222;Hitlers Helfer auf der Couch &#8211; Der Psychologe von N\u00fcrnberg&#8220;. Darin will der Sender folgende Frage kl\u00e4ren:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Wie tickten die Nazis?<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Eine solche Formulierung w\u00e4re bis vor ein, zwei Jahrzehnten undenkbar gewesen &#8211; nicht nur, weil die flapsige Formulierung dem Thema ganz und gar nicht angemessen ist, sondern vor allem, weil man damals noch zwischen der Alltags- und der Hochsprache unterschieden hat. Diesen Unterschied zu kennen und auch praktisch einzuhalten, ist ein Teil unserer Kultur. Man redet daheim, unter Freunden oder auf dem Schulhof anders als bei einem formelles Anla\u00df, und erst recht verbietet sich die Umgangssprache, wo man einen gedruckten Text verfa\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie kommt es also zu einem solchen Satz im quasi offiziellen Text des ZDF zur eigenen Sendung? <\/p>\n\n\n\n<p>Die Bedeutung der Sprache, genauer gesagt: der Wert, den man ihr als einer der S\u00e4ulen der Kultur beimi\u00dft, ist in Deutschland seit den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts kontinuierlich zur\u00fcckgegangen. Damals hat man damit begonnen, in den Schulen nicht mehr Literatur, sondern &#8222;Texte&#8220; zu interpretieren. Das sieht auf den ersten Blick wie eine erw\u00fcnschte Weitung des Horizonts aus, war aber in Wirklichkeit eine Relativierung der <em>echten <\/em>Literatur im Verh\u00e4ltnis zu Alltagstexten wie Zeitungsartikeln oder Flugbl\u00e4ttern. Hesses <em>Glasperlenspiel <\/em>wurde auf eine Stufe mit einem Kommentar in der Bildzeitung gestellt, es gab keine Unterscheidung der Qualit\u00e4t mehr, keinen Rang, keine Abstufung. Es gab nur noch Texte, und der echten Literatur begegnete man mit Mi\u00dftrauen. Eine der absurdesten Bl\u00fcten dieser &#8222;Demokratisierung&#8220; der Kultur war der <em>Bitterfelder Weg<\/em> in der DDR, wo man mittels einer &#8222;Bewegung schreibender Arbeiter&#8220; aus dem Proletariat Dichter heranz\u00fcchten wollte. <\/p>\n\n\n\n<p>Darf ich an dieser Stelle eine kleine Episode aus meiner Jugend erz\u00e4hlen? Ich habe mein Studium im politisch bewegten Jahr 1968 begonnen. Egal, wo man damals war, irgendjemand dr\u00fcckte einem immer ein Flugblatt in die Hand. Als mich ein Vertreter eines maoistischen Gr\u00fcppchens in der Mensa fragte, was ich von seinem Flugblatt hielte und ich, nachdem ich es \u00fcberflogen hatte, in meiner Naivit\u00e4t als angehender Germanistikstudent sagte, das sei aber &#8222;schlechtes Deutsch&#8220;, da hat nicht viel gefehlt, und er w\u00e4re handgreiflich geworden. <\/p>\n\n\n\n<p>Schlechtes Deutsch! Ich war als Bildungsb\u00fcrger entlarvt. <\/p>\n\n\n\n<p>Es sind dann andere Generation gekommen, aber Sprache und Literatur, so scheint es mir jedenfalls, haben sich von dieser Denunzierung des Bildungsb\u00fcrgers, die auch heute noch in manchen linken Kreisen gang und g\u00e4be ist, nicht wieder erholt. Dabei kann es doch gar nicht genug Bildungsb\u00fcrger geben! Sie sind das R\u00fcckgrat einer Kulturnation &#8211; und es w\u00e4re sch\u00f6n gewesen, wenn man das auch im Wahlkampf von der einen oder anderen Partei einmal geh\u00f6rt h\u00e4tte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Reihe ZDF-History lief vor einigen Tagen die Folge &#8222;Hitlers Helfer auf der Couch &#8211; Der Psychologe von N\u00fcrnberg&#8220;. Darin will der Sender folgende Frage kl\u00e4ren: Wie tickten die Nazis? 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