{"id":21698,"date":"2021-08-25T02:55:13","date_gmt":"2021-08-25T00:55:13","guid":{"rendered":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=21698"},"modified":"2021-08-25T02:59:21","modified_gmt":"2021-08-25T00:59:21","slug":"thomas-mann-und-das-gendern","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=21698","title":{"rendered":"Thomas Mann und das Gendern"},"content":{"rendered":"\n<p>Nein, Thomas Mann hat nicht gegendert &#8211; schon der Gedanke daran ist absurd. Aber sehen wir uns doch erst einmal zwei Beispiele seiner (beispiellosen!) Sprachkunst an. So beschreibt er in der Erz\u00e4hlung <em>Mario und der Zauberer<\/em> Cipolla, den Protagonisten seines kleinen Prosawerks: <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>An der Rampe stehend und sich mit l\u00e4ssigem Zupfen seiner Handschuhe entledigend, wobei er lange und gelbliche H\u00e4nde entbl\u00f6\u00dfte, deren eine ein Siegelring mit hochragendem Lasurstein schm\u00fcckte, lie\u00df er seine kleinen strengen Augen, mit schlaffen S\u00e4cken darunter, musternd durch den Saal schweifen, nicht rasch, sondern indem er hie und da auf einem Gesicht in \u00fcberlegener Pr\u00fcfung verweilte \u2013 verkniffenen Mundes, ohne ein Wort zu sprechen. <\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Und \u00fcber die F\u00fcrstin bemerkt er in der gleichen Erz\u00e4hlung, da\u00df ihre &#8222;Lippen korallenrot aufgeh\u00f6ht&#8220; waren. Thomas Mann war ein Meister des Adjektivs, vielleicht unser gr\u00f6\u00dfter. <\/p>\n\n\n\n<p>Wenn ich heute mit wachsendem Entsetzen beobachten mu\u00df, wie erwachsene Menschen (und nicht nur Kinder und Jugendliche!) mit ein paar W\u00f6rtern wie &#8222;toll&#8220;, &#8222;super&#8220; und &#8222;mega&#8220; auskommen, also im Grunde, statt sprachlich erwachsen zu werden, ihre Kindersprache beibehalten, dann verhei\u00dft das nichts Gutes f\u00fcr den geistigen Zustand unseres Landes &#8211; ganz zu schweigen von jenem (knappen) Drittel der Gesellschaft, das sich offenbar bei der Zerst\u00f6rung der eigenen Muttersprache durch das barbarische Gendern recht wohlzuf\u00fchlen scheint. <\/p>\n\n\n\n<p>Und praktisch alle diese Menschen haben acht oder neun Jahre den Deutschunterricht besucht, sie haben ihr Abitur bestanden und bev\u00f6lkern heute unsere Universit\u00e4ten. Hat ihnen nie jemand beigebracht, was f\u00fcr ein Gl\u00fcck es ist, solche S\u00e4tze wie den von Thomans Mann zu lesen? \u00dcberhaupt: gute Literatur zu lesen? Ist da nie ein Funke \u00fcbergesprungen? Hat ihnen nie jemand erkl\u00e4rt, da\u00df auch f\u00fcr jedes gro\u00dfe Werk der Literatur das <em>tua res agitur<\/em> gilt, da\u00df diese Werke ihr Leben bereichern und begl\u00fccken und sie sogar zu besseren Menschen machen k\u00f6nnen (zu gebildeteren sowieso)? <\/p>\n\n\n\n<p>Ja, das kostet ein bi\u00dfchen M\u00fche und Arbeit, aber der Gewinn ist unendlich gro\u00df. Wenn man es  freilich den Sch\u00fclern immer leichter macht und jede Schwierigkeit von ihnen fernh\u00e4lt, nimmt man ihnen auch das Gl\u00fcck, geistig und seelisch zu wachsen, zu reifen. Die Folgen sieht man heute \u00fcberall, wo sich Menschen m\u00fcndlich oder schriftlich ausdr\u00fccken &#8211; es ist oft zum Gotterbarmen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nein, Thomas Mann hat nicht gegendert &#8211; schon der Gedanke daran ist absurd. Aber sehen wir uns doch erst einmal zwei Beispiele seiner (beispiellosen!) Sprachkunst an. 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