{"id":21687,"date":"2021-08-23T02:08:22","date_gmt":"2021-08-23T00:08:22","guid":{"rendered":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=21687"},"modified":"2021-08-24T00:19:17","modified_gmt":"2021-08-23T22:19:17","slug":"friedells-kulturgeschichte-der-neuzeit-eine-entdeckung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=21687","title":{"rendered":"Friedells &#8222;Kulturgeschichte der Neuzeit&#8220; &#8211; Eine Entdeckung"},"content":{"rendered":"\n<p>Ich habe lange kein so interessantes, anregendes Buch gelesen wie Egon Friedells <em>Kulturgeschichte der Neuzeit<\/em>. Friedell (1878-1938) war das, was man fr\u00fcher einmal einen Universalgelehrten genannt hat. Er hatte aber nicht nur ein umfassendes Wissen, er war auch ein h\u00f6chst origineller Kopf und ein brillanter Stilist. Zu lesen, wie er auf den 1.571 Seiten meiner Ausgabe &#8222;Die Krisis der europ\u00e4ischen Seele von der Schwarzen Pest bis zum Ersten Weltkrieg&#8220; beschreibt, ist ein geistiges Vergn\u00fcgen der ganz besonderen Art &#8211; es ist, als ginge man mit einem klugen Mann spazieren, der gutgelaunt und mit Charme und Esprit \u00fcber ein halbes Jahrtausend europ\u00e4ischer Kultur plaudert, ohne da\u00df auch nur ein Moment der Langeweile aufkommt.<\/p>\n\n\n\n<p>Nehmen wir einmal Raffael. <\/p>\n\n\n\n<p>War Raffael nicht, so fragt er in dem Kapitel \u00fcber die italienische Renaissance, einer der vollkommensten Maler? Und er antwortet: &#8222;Zweifellos.&#8220; Aber:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Die Vollkommenheit Raffaels ist es ja gerade, die ihn uns so fern, so fremd und stumm macht. &#8222;Das Unzul\u00e4ngliche ist produktiv&#8220;, lautet einer der tiefsten Ausspr\u00fcche Goethes. Alles Ganze, Vollendete ist eben vollendet, fertig und daher abgetan, gewesen; das Halbe ist entwicklungsf\u00e4hig, fortschreitend, immer auf der Suche nach seinem Komplement. Vollkommenheit ist steril.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Und er f\u00fcgt hinzu:  <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Diese Ansicht, da\u00df die Darstellung des Vollkommenen die Aufgabe der Kunst sei, war der Grundirrtum Raffaels; und der Grundirrtum des ganzen Klassizismus. Immer wieder tauchen von Zeit zu Zeit gro\u00dfe K\u00fcnstler auf, die uns vor\u00fcbergehend zu beweisen scheinen, da\u00df Klassizismus, das hei\u00dft: strenge Ordnung, Einheit, Gradlinigkeit, Harmonie, farblose Durchsichtigkeit die Bl\u00fcte jeder Kunst sei. In der Tat: manche &#8222;klassische&#8220; Sch\u00f6pfungen sind bisweilen von einer so \u00fcbernat\u00fcrlichen, unwirklichen Sch\u00f6nheit, da\u00df wir f\u00fcr den Augenblick geneigt sind, zu vermuten, dies sei die Spitze der Kunst und alles andere nur ein mehr oder minder unvollkommener tappender Versuch nach diesem Gipfel hin. Es ist aber eine T\u00e4uschung. Diese Ph\u00e4nomene sind nicht etwa die Verk\u00f6rperung der Regel (was man glauben k\u00f6nnte, wenn man bedenkt, da\u00df sie die regelm\u00e4\u00dfigsten sind); sie sind im Gegenteil interessante Abweichungen, bewunderungw\u00fcrdige Monstra. Unregelm\u00e4\u00dfigkeit ist das Wesen der Natur, des Lebens, des Menschen. <\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Wir betrachten klassische Sch\u00f6pfungen mit Staunen und Verehrung wie Gletscher, aber wir  m\u00f6chten nicht dort wohnen und k\u00f6nnen es auch gar nicht. <\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>In diesem klaren, immer wieder \u00fcberraschenden Stil geht es weiter, Absatz f\u00fcr Absatz, Seite f\u00fcr Seite. <\/p>\n\n\n\n<p>Man kann nicht aufh\u00f6ren, wenn man einmal mit dem Lesen angefangen hat. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich habe lange kein so interessantes, anregendes Buch gelesen wie Egon Friedells Kulturgeschichte der Neuzeit. Friedell (1878-1938) war das, was man fr\u00fcher einmal einen Universalgelehrten genannt hat. 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