{"id":21680,"date":"2021-08-19T19:31:47","date_gmt":"2021-08-19T17:31:47","guid":{"rendered":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=21680"},"modified":"2021-08-19T19:31:47","modified_gmt":"2021-08-19T17:31:47","slug":"kabul-ist-eine-schoene-stadt-ein-bericht-ueber-afghanistan-aus-dem-jahre-1857","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=21680","title":{"rendered":"&#8222;Kabul ist eine sch\u00f6ne Stadt&#8220; &#8211; Ein Bericht \u00fcber Afghanistan aus dem Jahre 1857"},"content":{"rendered":"\n<p>Wer noch die blauen <em>Marx-Engels Werke<\/em> im Regal stehen hat, sollte vielleicht einmal den Band 14 aufschlagen. Da findet sich auf S. 73 ff. ein Artikel, den Friedrich Engels im August 1857 unter dem Titel &#8222;Afghanistan&#8220; f\u00fcr eine amerikanische Enzyklop\u00e4die geschrieben hat, n\u00e4mlich f\u00fcr <em>The New American Cyclopaedia &#8211; A Popular Dictionary of General Knowledge<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>Es f\u00e4ngt ganz sachlich an:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p><em>Afghanistan &#8211; <\/em>ein weitr\u00e4umiges Land in Asien, nordwestlich von Indien. Es liegt zwischen Persien und Indien und, der anderen Richtung nach, zwischen dem Hindukusch und dem Indischen Ozean. Wie alle gebirgigen Tropenl\u00e4nder bietet es eine gro\u00dfe klimatische Vielfalt. Im Hindukusch sind die hohen Gipfel das ganze Jahr hindurch schneebedeckt, w\u00e4hrend in den T\u00e4lern das Thermometer bis auf 130\u00b0 Fahrenheit (54,4\u00b0 C.) ansteigt.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Der Boden ist von einer \u00fcppigen Fruchtbarkeit. Dattelpalmen gedeihen in den Oasen der sandigen Ein\u00f6den, Zuckerrohr und Baumwolle in den warmen T\u00e4lern, und europ\u00e4ische Obst- und Gem\u00fcsearten wachsen im \u00dcberflu\u00df an den Bergterrassen bis zu einer H\u00f6he von 6.000 bis 7.000 Fu\u00df. Die Berge sind mit stattlichen W\u00e4ldern bedeckt, in denen B\u00e4ren, W\u00f6lfe und F\u00fcchse zu Haus sind, w\u00e4hrend sich L\u00f6we, Leopard und Tiger in Gebieten finden, die ihrer Lebensweise entsprechen.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Kabul ist eine sch\u00f6ne Stadt, auf 34\u00b0 10&#8242; n\u00f6rdlicher Breite und 60\u00b0 43&#8242; \u00f6stlicher L\u00e4nge am Flu\u00df gleichen Namens gelegen. Die H\u00e4user sind aus Holz, reinlich und ger\u00e4umig, und da die Stadt von sch\u00f6nen G\u00e4rten umringt ist, bietet sie einen sehr gef\u00e4lligen Anblick. Sie ist von D\u00f6rfern umgeben und liegt inmitten einer weiten, von niedrigen Bergen umschlossenen Ebene. Ihr bedeutendstes Baudenkmal ist das Grab des Kaisers Baber. Peschawar ist eine gro\u00dfe Stadt mit einer auf 100.000 gesch\u00e4tzten Einwohnerzahl. Ghasni, eine Stadt mit bedeutender Vergangenheit, einstmals die Hauptstadt des bedeutenden Sultans Machmud, hat seinen alten Glanz eingeb\u00fc\u00dft und ist jetzt ein armseliger Ort. In seiner N\u00e4he befindet sich die Grabst\u00e4tte Machmuds. Kandahar wurde erst 1754 gegr\u00fcndet. Es liegt an der Stelle einer \u00e4lteren Stadt. Einige Jahre war es die Hauptstadt, 1774 jedoch wurde der Sitz der Regierung nach Kabul verlegt. Es soll 100.000 Einwohner haben.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>\u00dcber die Bev\u00f6lkerung schreibt Engels:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Die Afghanen sind ein tapferes, z\u00e4hes und freiheitsliebendes Volk; sie besch\u00e4ftigen sich ausschlie\u00dflich mit Viehzucht und Ackerbau und meiden Handel und Gewerbe, die sie voller Verachtung den Hindus und anderen Stadtbewohnern \u00fcberlassen. Der Krieg ist f\u00fcr sie ein erregendes Erlebnis und eine Abwechslung von der monotonen Erwerbsarbeit. Die Afghanen sind in Clans aufgeteilt, \u00fcber welche die verschiedenen H\u00e4uptlinge eine Art feudaler Oberhoheit aus\u00fcben. Nur ihr unbezwinglicher Ha\u00df auf jede Herrschaft und ihre Vorliebe f\u00fcr pers\u00f6nliche Unabh\u00e4ngigkeit verhindern, da\u00df sie eine m\u00e4chtige Nation werden; aber gerade diese Ziellosigkeit und Unbest\u00e4ndigkeit im Handeln machen sie zu gef\u00e4hrlichen Nachbarn, die leicht vom Wind der Laune aufgew\u00fchlt oder durch politische Intriganten, die geschickt ihre Leidenschaften entfachen, in Erregung versetzt werden k\u00f6nnen.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Die Rechtspflege erfolgt in den St\u00e4dten durch Kadis, aber die Afghanen nehmen selten zum Gesetz ihre Zuflucht. Ihre Khans haben das Recht auf Bestrafung, sogar bis zur Entscheidung \u00fcber Leben und Tod. Die Blutrache ist Pflicht der Sippe; trotzdem sollen die Afghanen, wenn sie nicht gereizt werden, ein freisinniges und edelm\u00fctiges Volk sein, und die Rechte der Gastfreundschaft sind so geheiligt, da\u00df ein Todfeind, der als Gast Brot und Salz i\u00dft, selbst wenn er es durch List bekommen hat, vor der Rache gesch\u00fctzt ist und sogar den Schutz seines Gastgebers gegen alle anderen Gefahren fordern kann. Der Religion nach sind sie Mohammedaner von der Sunna-Sekte; aber sie sind ihr nicht blind ergeben, und Verbindungen zwischen Schiiten und Sunniten sind keinesfalls ungew\u00f6hnlich.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Dann schreibt der Autor \u00fcber den ersten Versuch der Engl\u00e4nder, sich Afghanistan einzuverleiben. Eine Armee von 12.000 Mann \u00fcberquerte den Indus. Einige St\u00e4dte wurden erobert, andere fielen den Briten kampflos zu. Nachdem sich auch Kabul ergeben hatte, schien der Krieg gewonnen.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Die Eroberung Afghanistans schien abgeschlossen zu sein, und ein betr\u00e4chtlicher Teil der Truppen wurde zur\u00fcckgeschickt. Aber die Afghanen gaben sich keineswegs damit zufrieden, von den Feringhi Kafirs (den europ\u00e4ischen Ungl\u00e4ubigen) beherrscht zu werden, und w\u00e4hrend der Jahre 1840 und 1841 folgte in den einzelnen Teilen des Landes ein Aufstand dem andern. Die englisch-indischen Truppen waren gezwungen, st\u00e4ndig in Bewegung zu bleiben. Doch Macnaghten erkl\u00e4rte, das sei der normale Zustand der afghanischen Gesellschaft, und schrieb nach Hause, alles sei in Ordnung und die Macht Schah Schudschahs festige sich. Vergeblich waren die Warnungen der englischen Offiziere und anderer politischer Agenten.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Kommt Ihnen das bekannt vor? Schah Schudschah war \u00fcbrigens der von den Engl\u00e4ndern eingesetzte Herrscher,  Macnaghten, der Gouverneur von Bombay, zog die F\u00e4den. <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Die Besetzung Afghanistans kostete dem indischen Schatzamt j\u00e4hrlich 1 250 000 Pfund Sterling: 16 000 Soldaten &#8211; die englisch-indischen und die Truppen Schah Schudschahs &#8211; in Afghanistan mu\u00dften bezahlt werden; weitere 3000 lagen in Sind und am Bolanpa\u00df; Schah Schudschahs k\u00f6niglicher Prunk, die Geh\u00e4lter seiner Beamten und alle Ausgaben seines Hofes und seiner Regierung wurden vom indischen Schatzamt bezahlt; und schlie\u00dflich wurden die afghanischen H\u00e4uptlinge aus derselben Quelle subsidiert oder vielmehr bestochen, um zu verhindern, da\u00df sie Unheil stifteten. Macnaghten wurde mitgeteilt, da\u00df es unm\u00f6glich w\u00e4re, weiterhin diese hohen Geldausgaben beizubehalten. Er versuchte, Einschr\u00e4nkungen vorzunehmen, aber der einzig m\u00f6gliche Weg, sie zu erzwingen, bestand darin, die Zuwendungen f\u00fcr die H\u00e4uptlinge zu beschneiden. An demselben Tage, an dem er das versuchte, stifteten die H\u00e4uptlinge eine Verschw\u00f6rung zur Ausrottung der Briten an, und so war es Macnaghten selbst, der zur Einigung jener aufst\u00e4ndischen Kr\u00e4fte beitrug, die bislang einzeln und isoliert und ohne \u00dcbereinstimmung gegen die Eindringlinge gek\u00e4mpft hatten. <\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Die Engl\u00e4nder mu\u00dften sich aus dem Land unter schweren Verlusten zur\u00fcckziehen,  Schah Schudschah, ihre Marionette auf dem Thron, wurde get\u00f6tet.  &#8222;So endete der Versuch der Briten&#8220;, schreibt Friedrich Engels, &#8222;in Afghanistan eine ihrer Kreaturen auf den Thron zu setzen.&#8220; <\/p>\n\n\n\n<p>Ja, es stimmt: die Geschichte wiederholt sich nicht. Aber lernen kann man aus ihr schon. Wenn man nur wollte. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer noch die blauen Marx-Engels Werke im Regal stehen hat, sollte vielleicht einmal den Band 14 aufschlagen. 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