{"id":21469,"date":"2021-08-06T15:19:07","date_gmt":"2021-08-06T13:19:07","guid":{"rendered":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=21469"},"modified":"2021-08-06T15:28:15","modified_gmt":"2021-08-06T13:28:15","slug":"mauerloewerlei-schlachtplatter-und-gulyassuppe-nebst-einem-juedischen-dichter-namens-friedrich-schiller","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=21469","title":{"rendered":"Mauerl\u00f6werlei, Schlachtplatter und Gulyassuppe nebst einem j\u00fcdischen Dichter namens Friedrich Schiller"},"content":{"rendered":"\n<p>Diesem antiquarischen Angebot konnte ich nicht widerstehen: Mimi Sheratons Buch &#8222;1,000 Foods to Eat Before You Die&#8220;. Darin f\u00fchrt uns die Autorin, die in den USA einen guten Ruf hat, in die K\u00fcchen der Welt. Gerichte aus aller Herren L\u00e4nder stellt sie vor, von England bis Tahiti und von der Ukraine bis Kenia. Und nat\u00fcrlich auch Gerichte aus Deutschland. <\/p>\n\n\n\n<p>Da wird es spannend. Man trifft n\u00e4mlich auf die \u00fcblichen Verd\u00e4chtigen, z.B. Brezln, Leberwurst, Gurkensalat, K\u00f6nigsberger Klopse, &#8222;Haxen&#8220;, Baumkuchen, Sp\u00e4tzle, Kartoffelsalat, Sauerbraten, Leberk\u00e4se, &#8222;Schwarzw\u00e4lderkirschtorte&#8220; und Berliner Pfannkuchen (auf hessisch Kreppel). Aber dann gibt es auch recht Merkw\u00fcrdiges. Bei &#8222;Schlachtplatter&#8220; und &#8222;Gulyassuppe&#8220; kann man immerhin erahnen, was gemeint ist. Aber ist &#8222;Hirn mit Ei&#8220; wirklich typisch f\u00fcr die deutsche K\u00fcche? Oder die &#8222;Biersuppe&#8220;? Und was bedeutet &#8222;Der Ganze Gans&#8220;?<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz und gar r\u00e4tselhaft ist aber ein angeblich deutsches Backwerk, das Mimi Sheraton &#8222;Mauerl\u00f6werlei&#8220; nennt. Wenn man danach googelt, kommt als einziger Treffer eine Besprechung von Sheratons Buch im <em>Guardian<\/em>, in dem das Gericht wegen seiner &#8222;Unaussprechlichkeit&#8220; (<em>unpronounceability<\/em>) auftaucht. Auch alle anderen Suchmaschinen kennen das Wort nicht. Man mu\u00df den englischen Text lesen, um der L\u00f6sung des Problems n\u00e4herzukommen:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Mauerl\u00f6werlei, or bricklayer\u2019s loaves, are small, neat white-flour rolls whose rounded tops and oblong shape do indeed give them a somewhat bricklike aspect. <\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Es handelt sich beim &#8222;Mauerl\u00f6werlei&#8220; also um Br\u00f6tchen (<em>rolls<\/em>), und den deutschen Namen \u00fcbersetzt Sheraton mit &#8222;bricklayer&#8217;s loaves&#8220;. <em>Bricklayer<\/em> ist das englische Wort f\u00fcr &#8222;Maurer&#8220;, und <em>loaf<\/em> bedeutet &#8222;Brotlaib&#8220;. Wenn man beides miteinander kombiniert, kommt man nach l\u00e4ngerem Probieren und Suchen auf ein Wort, das es tats\u00e4chlich gibt: &#8222;Maurerlaib&#8220;. Dabei handelt es sich freilich um ein Brot, das selbst in Bayern nur lokal bekannt ist.   <\/p>\n\n\n\n<p>Wie aber Mimi Sheraton auf das altert\u00fcmlich klingende Wort &#8222;Mauerl\u00f6werlei&#8220; gekommen ist, wird wohl f\u00fcr immer ihr Geheimnis bleiben. <\/p>\n\n\n\n<p>Zum Schlu\u00df nur noch zwei mi\u00dfgl\u00fcckte Zitate aus dem Buch, die sich auf die deutsche Literatur beziehen. In dem Artikel &#8222;Sauerkraut&#8220; zitiert Sheraton einen Vers von Heinrich Heine:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>&#8222;You greeted me, my sauerkraut, with your most charming savor&#8220; &#8211; From &#8222;Ode to Sauerkraut&#8220; by Heinrich Heine.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Eine &#8222;Ode an das Sauerkraut&#8220; gibt es freilich nicht. Die ber\u00fchmten Verse stammen aus &#8222;Deutschland &#8211; Ein Winterm\u00e4rchen&#8220;, und sie sind auch nicht so bieder lobend gemeint, wie die Autorin sie offenbar verstanden hat. Sie sind eingebettet in einen Reisebericht. Heine war nach vielen Jahren im Pariser Exil noch einmal nach Deutschland zur\u00fcckgekehrt und beschreibt sein erstes Essen in der Heimat:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Von K\u00f6llen war ich drei Viertel auf acht<br>Des Morgens fortgereiset;<br>Wir kamen nach Hagen schon gegen drei,<br>Da ward zu Mittag gespeiset.<\/p><p>Der Tisch war gedeckt. Hier fand ich ganz<br>Die altgermanische K\u00fcche.<br>Sei mir gegr\u00fc\u00dft, mein Sauerkraut,<br>Holdselig sind deine Ger\u00fcche!<\/p><p>Gestovte Kastanien im gr\u00fcnen Kohl!<br>So a\u00df ich sie einst bei der Mutter!<br>Ihr heimischen Stockfische, seid mir gegr\u00fc\u00dft!<br>Wie schwimmt ihr klug in der Butter!<\/p><p>Jedwedem f\u00fchlenden Herzen bleibt<br>Das Vaterland ewig teuer \u2013<br>Ich liebe auch recht braun geschmort<br>Die B\u00fccklinge und Eier.<\/p><p>Wie jauchzten die W\u00fcrste im spritzelnden Fett!<br>Die Krammetsv\u00f6gel, die frommen<br>Gebratenen Englein mit Apfelmus,<br>Sie zwitscherten mir: \u00bbWillkommen!\u00ab<\/p><p>\u00bbWillkommen, Landsmann\u00ab \u2013 zwitscherten sie \u2013,<br>\u00bbBist lange ausgeblieben,<br>Hast dich mit fremdem Gev\u00f6gel so lang<br>In der Fremde herumgetrieben!\u00ab<\/p><p>Es stand auf dem Tische eine Gans,<br>Ein stilles, gem\u00fctliches Wesen.<br>Sie hat vielleicht mich einst geliebt,<br>Als wir beide noch jung gewesen.<\/p><p>Sie blickte mich an so bedeutungsvoll,<br>So innig, so treu, so wehe!<br>Besa\u00df eine sch\u00f6ne Seele gewi\u00df,<br>Doch war das Fleisch sehr z\u00e4he.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Es ist die f\u00fcr Heine typische Stimmung, in der jede aufkommende Sentimentalit\u00e4t sofort ironisch gebrochen wird. Von einer &#8222;Ode ans Sauerkraut&#8220; also keine Spur. Das ist freilich, wenn man kein <em>native speaker<\/em> ist, schwer zu erkennen. <\/p>\n\n\n\n<p>Ein anderer Satz in Sheraton&#8217;s Buch ist viel bedenklicher:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>The Marbach-born Jewish poet Friedrich Schiller (1759-1805), whose poems were banned by the Nazi regime, was previously honored by way of two food specialties, both called Schillerlocken. <\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>An diesem Satz stimmt &#8211; von Schillers Geburtsort abgesehen &#8211; buchst\u00e4blich nichts. Wie um Himmels willen kommt Sheraton auf die Idee, da\u00df Schiller Jude war? Und da\u00df seine &#8222;Gedichte&#8220; vom Naziregime verboten wurden? Im Gegenteil, Schiller wurde von Anfang an von den Nationalsozialisten als eines ihrer gro\u00dfen Vorbilder betrachtet. An seinem Geburtstag fand jedes Jahr in Marbach eine &#8222;Schillerfeier&#8220; statt, und im &#8222;Schillerjahr&#8220; 1934 las man aus Anla\u00df seines 175. Geburtstags unter anderem dies (zit. nach Joseph Wulf, <em>Literatur und Dichtung im Dritten Reich<\/em>, S. 392-94):<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Schiller als Nationalsozialist! Mit Stolz d\u00fcrfen wir ihn als solchen gr\u00fc\u00dfen. Mit Stolz und Dankbarkeit. Der Nationalsozialismus sch\u00f6pft aus den gleichen, ewigen Kraftquellen deutscher Art, aus denen auch Schiller sch\u00f6pfte. In seinem Werke aber hat der Dichter dem erwachenden Deutschland eine weitere unversiegbare Kraftquelle hinterlassen. Aus ihr wollen wir sch\u00f6pfen und trinken. Aus ihr wollen wir auch unseren d\u00fcrstenden Volksgenossen Kraft spenden. Unaufhaltsam marschieren unsere Kampfkolonnen. Kameraden, die den Opfertod starben, und die Toten aus den Kriegen der deutschen Vergangenheit \u201emarschieren im Geist in unseren Reihen mit\u201c. An der Spitze aber, dem leuchtenden Hakenkreuzbanner voran Schreiten Seite an Seite mit den lebenden F\u00fchrern die gro\u00dfen Geister, deren Leiber die Erde deckt. Aufrecht und stolz ragt unter ihnen die Lichtgestalt Friedrich Schillers hervor.<br>(Hans Fabricius)<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>In Schillers soldatischer Natur lebt jener echte Ordensgeist, der auf Unterwerfung und Gehorsam heldischer Kriegernaturen gerichtet ist. Von hier erst erschlie\u00dft sich Schillers \u00fcberragende Bedeutung als eines politischen Dichters. Er hat nicht nur das politische Drama der Deutschen begr\u00fcndet, indem er als erster Deutscher gro\u00dfe Geschichte, Weltgeschichte von inneren Erlebnissen her bewegte und durchgestaltete; er hat in dieses Drama eine wahrhaft politische, echt geschichtsschaffende Kraft einflie\u00dfen lassen, indem er es mit Willensentscheidungen und \u00fcberindividuellen \u00dcberwindungen, mit Todesentschlossenheit und Einsatzwilligkeit, mit H\u00e4rte und Schicksalstrotz, mit bewusster Wahl des Untergangs und heldisch-feierlichem Sterben anf\u00fcllte.<br>(Walther Linden)<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Einzige Ausnahme inmitten dieser grotesken Einverleibung war der <em>Wilhelm Tell<\/em>. Er durfte von 1941 an auf ausdr\u00fccklichen Wunsch des F\u00fchrers nicht mehr aufgef\u00fchrt werden, auch aus dem Kanon der Schullekt\u00fcre wurde er gestrichen. Der Mord an einem Tyrannen sollte auf deutschen B\u00fchnen nicht mehr gefeiert werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Das alles h\u00e4tte auch Mimi Sheraton mit ein paar Mausklicks in Erfahrung bringen k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diesem antiquarischen Angebot konnte ich nicht widerstehen: Mimi Sheratons Buch &#8222;1,000 Foods to Eat Before You Die&#8220;. Darin f\u00fchrt uns die Autorin, die in den USA einen guten Ruf hat, in die K\u00fcchen der Welt. Gerichte aus aller Herren L\u00e4nder &hellip; <a href=\"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=21469\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[15,9],"tags":[],"class_list":["post-21469","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-sonstiges","category-die-deutsche-sprache"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/antibarbarus.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/21469","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/antibarbarus.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/antibarbarus.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/antibarbarus.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/antibarbarus.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=21469"}],"version-history":[{"count":17,"href":"http:\/\/antibarbarus.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/21469\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":21622,"href":"http:\/\/antibarbarus.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/21469\/revisions\/21622"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/antibarbarus.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=21469"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/antibarbarus.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=21469"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/antibarbarus.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=21469"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}