{"id":21284,"date":"2021-05-25T00:10:56","date_gmt":"2021-05-24T22:10:56","guid":{"rendered":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=21284"},"modified":"2021-05-25T15:28:11","modified_gmt":"2021-05-25T13:28:11","slug":"kultur-als-kitt-und-schmiermittel-der-gesellschaft-ein-kleines-loblied-auf-den-bildungsbuerger","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=21284","title":{"rendered":"Kultur als &#8222;Kitt&#8220; und &#8222;Schmiermittel&#8220; der Gesellschaft? Ein kleines Loblied auf den Bildungsb\u00fcrger"},"content":{"rendered":"\n<p>Neulich las ich in einem Interview der F.A.Z. mit Joachim Knuth den folgenden Satz aus dem Munde des NDR-Intendanten:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Kultur ist ein wichtiger Kitt unserer demokratischen und aufgekl\u00e4rten Gesellschaft.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Da denkt man unwillk\u00fcrlich an das Jahr 2013 zur\u00fcck, als der Frankfurter Oberb\u00fcrgermeister Peter Feldmann (SPD) in einem Thesenpapier (<a href=\"http:\/\/frblog.de\/schmiermittel\/\">hier<\/a> nachzulesen) einen Satz niederschrieb, der (jedenfalls au\u00dferhalb des linken Lagers) zurecht einen Sturm der Entr\u00fcstung ausl\u00f6ste. Kulturpolitik, so schrieb Feldmann damals, sei umso erfolgreicher, je mehr sie sich <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>als Bildungsaufgabe und Schmiermittel sozialer Infrastruktur, Wirtschaftsf\u00f6rderer und Integrationsmotor, Stadtentwicklungsprogramm und Pr\u00e4ventionsstelle versteht.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Die Kultur (oder besser: das, was Feldmann daf\u00fcr h\u00e4lt) hat also die Aufgabe, daf\u00fcr zu sorgen, da\u00df alles <em>wie geschmiert <\/em>l\u00e4uft &#8211; selbst Wirtschaftsf\u00f6rderung und Stadtentwicklung. Was ist das f\u00fcr eine armselige Vorstellung von Kultur! Was f\u00fcr ein niedriger Platz im Leben wird ihr da zugewiesen, wie klein wird sie da gemacht! Dabei kann ein einziges Buch das ganze Leben eines Menschen ver\u00e4ndern, Musik kann ihn zu einem anderen, einen besseren Menschen machen. Kultur kann zu einer Gewalt werden, vor der Diktatoren zittern. Im selben Jahr, als der Frankfurter Oberb\u00fcrgermeister sein Thesenpapier verfa\u00dfte, verzichtete der Dresdner Kreuzchor darauf, auf seiner China-Tournee das deutsche Volkslied &#8222;Die Gedanken sind frei&#8220; zu singen, jenes Lied, das Sophie Scholl im August 1942 an der Gef\u00e4ngnismauer f\u00fcr ihren inhaftierten Vater spielte.  <\/p>\n\n\n\n<p>Die fr\u00fcher einmal linksliberale Frankfurter Rundschau, die heute kaum noch von der taz zu unterscheiden ist, ging auch drei Jahre danach noch einmal in mehreren Artikeln auf Feldmanns Bemerkung ein. In ihrem Blog ver\u00f6ffentlichte sie 2016 einen Leserbrief &#8222;in voller L\u00e4nge&#8220;. Er tr\u00e4gt den Titel &#8222;Tiefe Kr\u00e4nkung des sich selbst feiernden Bildungsb\u00fcrgertums&#8220;, und seine Kernaussage lautet:  <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Fast scheint es, als k\u00f6nnten die selbsternannten kulturellen Eliten der Frankfurter Stadtgesellschaft nicht ertragen, dass einer, ausgerechnet der OB, sich bewusst exkludiert und deutlich macht, in dieser Stadt gibt es auch noch anderes zu tun. Wie tief muss diese Kr\u00e4nkung im sich selbst feiernden Bildungsb\u00fcrgertum sitzen, wenn man immer wieder auf die gleiche Stelle pr\u00fcgelt.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Das liest man, und man wei\u00df nicht, ob man lachen oder weinen soll. Die tiefe Verachtung f\u00fcr die &#8222;selbsternannten kulturellen Eliten&#8220; und das &#8222;sich selbst feiernde Bildungsb\u00fcrgertum&#8220; &#8211; wo kommt diese Verachtung her? Und gerade in Frankfurt? Diese Stadt kann wie wenige andere Gro\u00dfst\u00e4dte stolz sein auf ihre b\u00fcrgerlichen Eliten, die fast alles aus eigener Kraft geschaffen haben. Zoo, Palmengarten, Oper, selbst die 1914 gegr\u00fcndete Universit\u00e4t &#8211; sie alle gehen auf b\u00fcrgerliche Stiftungen zur\u00fcck. Und welche Stadt hat bis in die Gegenwart hinein so viele M\u00e4zene gehabt wie Frankfurt? Viele von ihnen waren j\u00fcdische Mitb\u00fcrger, und die meisten haben, anders als heutige &#8222;Sponsoren&#8220;, kein Aufhebens von ihren guten Taten gemacht. Und welche andere Stadt hat einen Mann wie Hilmar Hoffmann in ihren Reihen gehabt? Man k\u00f6nnte die Reihe endlos weiterf\u00fchren. <\/p>\n\n\n\n<p>Wer soll denn die Kultur an die n\u00e4chste Generation weitergeben, wenn nicht die Bildungsb\u00fcrger? Es stimmt, manche von ihnen haben einen nicht ganz so weiten Horizont, manches, was sie sagen, mag auch ein bi\u00dfchen angestaubt klingen. Und doch sind es immer und \u00fcberall diese Bildungsb\u00fcrger, die daf\u00fcr sorgen, da\u00df auch die Angeh\u00f6rigen der n\u00e4chsten Generation noch B\u00fccher lesen, ins Theater gehen, Museen besuchen und in der Musikschule ein Instrument lernen. <\/p>\n\n\n\n<p>Sie allein sind es, die am Ende daf\u00fcr sorgen, da\u00df die Flamme der Kultur nicht erlischt.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Neulich las ich in einem Interview der F.A.Z. mit Joachim Knuth den folgenden Satz aus dem Munde des NDR-Intendanten: Kultur ist ein wichtiger Kitt unserer demokratischen und aufgekl\u00e4rten Gesellschaft. 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