{"id":21115,"date":"2021-04-24T02:09:25","date_gmt":"2021-04-24T00:09:25","guid":{"rendered":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=21115"},"modified":"2021-04-24T02:09:25","modified_gmt":"2021-04-24T00:09:25","slug":"louise-glueck-und-ihre-weisse-welt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=21115","title":{"rendered":"Louise Gl\u00fcck und ihre wei\u00dfe Welt"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Who&#8217;s afraid of Louise Gl\u00fcck?<\/em> Niemand. Es kennt sie auch kaum jemand, zumindest hier in Deutschland. Ein paar Spezialisten haben nach der Verleihung des Nobelpreises f\u00fcr Literatur den einen oder anderen lobenden Artikel geschrieben, das war&#8217;s. Ein kurzes Gl\u00fcck. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Zeitgeist hat &#8211; pflichtgem\u00e4\u00df, aber ohne gro\u00dfe Begeisterung &#8211; frohlockt, da\u00df eine Frau den Preis gewonnen hat. Hauptsache Frau! &#8222;Ein Preis f\u00fcr eine von vielen&#8220;, schreibt Benno Schirrmeister herablassend in der <em>taz<\/em>:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Weltweit kann Gl\u00fcck nur als eine von vielen sehr guten Lyrikerinnen gelten. Trotzdem ist es sch\u00f6n, dass sie nun mehr LeserInnen findet.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Schirrmeister kennt sie nat\u00fcrlich alle, die vielen sehr guten Lyrikerinnen. Er zitiert ein paar Verse aus einem von Gl\u00fccks Gedichten, gibt sich mit beil\u00e4ufig hingeworfenen Begriffen wie &#8222;lyrisches Ich&#8220;, &#8222;Syllogismus&#8220; oder &#8222;Allegorese&#8220; den Anschein von literaturwissenschaftlicher Sachkunde und f\u00fcgt hinzu, nun, es seien &#8222;gewiss keine schlechten Gedichte&#8220;, es gebe sogar &#8222;ein paar Verse, die muss man einfach lieben&#8220; &#8211; um dann unvermittelt zuzuschlagen:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Ist das wirklich alles, was sich von Dichtung derzeit erwarten l\u00e4sst? Oder spricht aus dieser Wahl nicht zu sehr der Wunsch der Akademie, die eigene Krise durch eine Kandidatin zu \u00fcberwinden, gegen die keiner etwas hat? Weil ihr Konsensfeminismus fast nie aneckt?<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Die Lyrikerin bevorzuge, Gott sei&#8217;s geklagt, <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>traditionelle Lyrikthemen, \u201eBetrug, Sterblichkeit, Liebe und Verlust\u201c, wie der Kritiker Donald Bogen einmal res\u00fcmiert hat. Er meinte das lobend. <\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Schirrmeister meint das nicht lobend und kommt rasch auf den Punkt:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Das sind ja wei\u00df Gott alles ernste, allgemein menschliche Probleme, auch wenn sie sich in Gl\u00fccks Ausgestaltung sehr klar einer bestimmten Klasse zuordnen lassen, die nun mal in den USA wei\u00df ist. <\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Ich vermute mal, da\u00df auch Schirrmeister &#8222;einer bestimmten Klasse&#8220; zuzuodnen ist, und wei\u00df ist er wohl auch, obwohl er sich an einem geistigen Blackfacing versucht. Sein Res\u00fcmmee, so kurz wie dumm: <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Die Akademie hat mit ihrer Wahl eine vergangenheitsweisende Entscheidung gef\u00e4llt.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Christina Dongowski pflichtet ihm in der <em>taz <\/em>bei:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Auch wenn man den Impuls verstehen kann, sich aus der surrealen, absurden Gegenwart von 2020 in die \u201estrenge Sch\u00f6nheit\u201c universeller Werte zur\u00fcckzuziehen, ist diese Gegenwelt schon wieder wei\u00df, westlich, englischsprachig.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Schon wieder wei\u00df! Ja, was f\u00fcr eine Preistr\u00e4gerin h\u00e4tte sich die taz denn gew\u00fcnscht? Frau sowieso, das steht fest, schwarz auch (schon damit man es mit einem gro\u00dfen &#8222;S&#8220; schreiben kann!) &#8211; aber auf keinen Fall englischsprachig oder gar deutsch. Vielleicht Swaheli? Oder Xhosa? Alles, nur nicht alt und wei\u00df und westlich. Das aber, liebe Genossen von der taz, ist nichts weiter als geistig schlichter Rassismus &#8211; halt nur andersherum. <\/p>\n\n\n\n<p>Wenn es um Literatur geht, empfehle ich immer, den Schriftsteller im Original zu lesen. Nehmen wir nur einmal den Anfang des Gedichts &#8222;New World&#8220;:     <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>As I saw it,<br>all my mother\u2019s life, my father<br>held her down, like<br>lead strapped to her ankles.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>She was<br>buoyant by nature;<br>she wanted to travel,<br>go to theater, go to museums.<br>What he wanted<br>was to lie on the couch<br>with the <em>Times<\/em><br>over his face,<br>so that death, when it came,<br>wouldn\u2019t seem a significant change.  <\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Trotz erheblicher Bedenken habe ich die Zeilen ins Deutsche \u00fcbersetzt. Kann ich denn als Mann das Gedicht einer Frau \u00fcbersetzen? Darf ich das \u00fcberhaupt? Kann ich &#8211; ein alter, wei\u00dfer Mann &#8211; in den Erfahrungshorizont einer Frau eindringen? Dann aber habe ich mir gesagt: ich wag&#8217;s! <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Wie ich es sah,<br>das ganze Leben meiner Mutter, mein Vater<br>dr\u00fcckte sie herunter, wie <br>Blei an ihren Kn\u00f6cheln festgebunden. <\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Sie war<br>von Natur aus rege,<br>sie wollte reisen,<br>ins Theater gehen, in Museen gehen.<br>Was er wollte, war<br>auf der Couch liegen<br>mit der <em>Times<\/em><br>\u00fcber seinem Gesicht, <br>so da\u00df der Tod, wenn er kam,<br>keinen gro\u00dfen Unterschied machte. <\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Oder eine Strophe aus dem Gedicht &#8222;Paradise&#8220;:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Our house was gray, the sort of place<br>you buy to raise a family.<br>My mother\u2019s still there, all alone.<br>When she\u2019s lonely, she watches television.<\/p><p>Unser Haus war grau, die Art von Haus,<br>die man kauft, um eine Familie zu gr\u00fcnden.<br>Meine Mutter lebt noch dort, ganz allein.<br>Wenn sie einsam ist, sieht sie fern.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Und so geht es weiter. Es ist eine ganz eigent\u00fcmliche, lakonische Sprache, aber hinter den scheinbar allt\u00e4glichen W\u00f6rtern verbirgt sich eine ganze Welt. Es ist eine wei\u00dfe, eine westliche Welt, und wir k\u00f6nnen stolz auf sie sein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Who&#8217;s afraid of Louise Gl\u00fcck? Niemand. Es kennt sie auch kaum jemand, zumindest hier in Deutschland. Ein paar Spezialisten haben nach der Verleihung des Nobelpreises f\u00fcr Literatur den einen oder anderen lobenden Artikel geschrieben, das war&#8217;s. Ein kurzes Gl\u00fcck. 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