{"id":21089,"date":"2021-04-21T16:50:42","date_gmt":"2021-04-21T14:50:42","guid":{"rendered":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=21089"},"modified":"2021-04-23T10:59:27","modified_gmt":"2021-04-23T08:59:27","slug":"amanda-gorman-ein-bisschen-wasser-in-den-wein-gegossen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=21089","title":{"rendered":"Amanda Gorman &#8211; Ein bi\u00dfchen Wasser in den Wein gegossen"},"content":{"rendered":"\n<p>Amanda Gormans Gedicht &#8222;The Hill We Climb&#8220;, von ihr selbst bei der Amtseinf\u00fchrung von Joe Biden vorgetragen, ist sehr amerikanisch, vor allem in seinem kr\u00e4ftigen Pathos. Ich habe es mir inzwischen mehrmals im amerikanischen Original durchgelesen und kann, ehrlich gesagt, die Lobeshymnen in aller Welt nur schwer nachvollziehen. <\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/antibarbarus.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Whitman-677x1024.jpg\" alt=\"Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist Whitman-677x1024.jpg\" width=\"255\" height=\"384\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Man hat Gormans Gedicht allen Ernstes mit den <em>Leaves of Grass<\/em> von Walt Whitman, dem gro\u00dfen amerikanischen Lyriker des 19. Jahrhunderts, verglichen. Das ist absurd. Beide schreiben in freien Rhythmen, ja &#8211; aber das war es auch schon. Wie k\u00f6nnte man auch, um Himmels willen, im Alter von 22 Jahren Gedichte schreiben, die sich in ihrer Tiefe und im Erfahrungsgehalt mit denen eines Dichters vergleichen lassen, der sein lyrisches Werk \u00fcber Jahrzehnte immer wieder korrigiert, verbessert und bis zu seinem Tode daran gearbeitet hat! Da war Walt Whitman freilich, wie auf dem Bild aus der Wikipedia zu sehen ist, schon ein sehr alter und sehr wei\u00dfer Mann. Seine Kleidung stammt sichtlich nicht von Prada, er hatte zeitlebens keinen Modelvertrag, und keine Oprah Winfrey hat ihre sch\u00fctzende Hand \u00fcber ihn gehalten. <\/p>\n\n\n\n<p>Lyrik mit ihren ewigen Themen &#8211; Liebe, Sch\u00f6nheit, Leid und Tod &#8211; setzt eigentlich ein ganzes gelebtes Leben voraus. Junge Menschen k\u00f6nnen Gedichte schreiben, aber Lyrik braucht mehr: alle menschlichen H\u00f6hen und Tiefen mu\u00df ein Dichter am eigenen Leib erfahren haben, ehe er sie in seinen Gedichten verarbeiten kann. Deshalb ist &#8222;The Hill We Climb&#8220; ein durchaus respektables Gedicht, sobald man es aber mit <em>wahrer<\/em>, mit <em>gro\u00dfer <\/em>Lyrik vergleicht, wirkt es wie k\u00fcnstlich zusammengesetzt oder, wie es Paul Jandl in der <a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/feuilleton\/amanda-gorman-erscheint-in-deutscher-uebersetzung-ld.1609293\">Neuen Z\u00fcrcher Zeitung<\/a> ausgedr\u00fcckt hat: &#8222;auf einen Augenblick hin komponiert, aber literarisch eher unerheblich&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p> Wie kommt es dann, da\u00df es vom deutschen Feuilleton fast unisono so gelobt wird? Es mag auch daran liegen, da\u00df unsere Literaturkritiker, was die britische und amerikanische Lyrik der Gegenwart betrifft, kaum Kenntnis aus erster Hand haben. Die armselige Kritik der <em>taz<\/em> an der frischgek\u00fcrten amerikanischen Nobelpreistr\u00e4gerin Louise Gl\u00fcck ist daf\u00fcr ein besonders drastisches Beispiel. Der eigentliche Grund f\u00fcr die oft seltsamen Elogen liegt aber eher am politischen Hintergrund von Amanda Gorman: eine Aktivistin, die  <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>jung, weiblich, schwarz<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>ist und sich &#8222;mit Themen wie Unterdr\u00fcckung, Feminismus und Rassismus auseinandersetzt&#8220; (Wikipedia \u00fcber Gorman), der h\u00e4tte man auch schlechtere Verse durchgehen lassen. Bei dem Zeitgeist, der heute weht, ist die Gesinnung wichtiger als die Qualit\u00e4t. <\/p>\n\n\n\n<p>Eine besondere Volte schl\u00e4gt dabei Andrian Kreye in der <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/kultur\/amanda-gorman-the-hill-we-climb-den-huegel-hinauf-lyrik-rezension-1.5252412\">S\u00fcddeutschen Zeitung<\/a>. Erst einmal schreibt er \u00fcber Gorman:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p> Sie stellte sich schon fr\u00fch und bewusst in eine afroamerikanische Tradition.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Da sie jetzt gerade erst 22 ist, mu\u00df sie sich wohl schon als dichtendes Kind &#8222;bewusst in eine afroamerikanische Tradition&#8220; gestellt haben. Und wie sieht diese Tradition aus? <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Die Historie der &#8222;oral poetry&#8220; umspannt einen \u00e4hnlich gro\u00dfen Bogen wie die europ\u00e4ische Dichtung, sie reicht von den Griots der westafrikanischen K\u00f6nigreiche bis zum Hip-Hop der Gegenwart. <\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Eine k\u00fchne Behauptung! Was es mit diesem &#8222;gro\u00dfen Bogen&#8220; auf sich hat, w\u00fc\u00dfte man nur zu gerne. Da\u00df es in vielen alten Kulturen S\u00e4nger gegeben hat, die ihre Stoffe m\u00fcndlich von Generation zu Generation weitergegeben haben, wei\u00df man. Aber daraus eine (ununterbrochene?) Tradition bis in die Gegenwart zu konstruieren, das ist mehr als gewagt. Aus der m\u00fcndlichen \u00dcberlieferung, in die er Gorman eingebettet sieht, folgert Kreye ebenso k\u00fchn, da\u00df es<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>nicht besonders sinnvoll ist, ihr Gedicht oder gar die deutsche \u00dcbersetzung dem literaturkritischen Brennglas auszusetzen.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Hier mu\u00df man nun wirklich sch\u00e4rfsten Einspruch erheben, denn wer ein Gedicht verfa\u00dft und \u00f6ffentlich vortr\u00e4gt, hat sich selbstverst\u00e4ndlich der Literaturkritik zu stellen. Im \u00fcbrigen gilt, was der (schmerzhaft vermi\u00dfte!) Marcel Reich-Ranicki dazu mit energischer Stimme gesagt h\u00e4tte: &#8222;Es gibt nur gute und schlechte Gedichte!&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Amanda Gormans Gedicht &#8222;The Hill We Climb&#8220;, von ihr selbst bei der Amtseinf\u00fchrung von Joe Biden vorgetragen, ist sehr amerikanisch, vor allem in seinem kr\u00e4ftigen Pathos. 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