{"id":20983,"date":"2021-04-04T12:09:25","date_gmt":"2021-04-04T10:09:25","guid":{"rendered":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=20983"},"modified":"2021-04-04T14:34:13","modified_gmt":"2021-04-04T12:34:13","slug":"frauen-zaehlen-frauen-zaehlen-frauen-oder","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=20983","title":{"rendered":"Frauen z\u00e4hlen Frauen z\u00e4hlen Frauen &#8211; oder: \u00dcber die feministische Mathematik"},"content":{"rendered":"\n<p>Erbsenz\u00e4hlerei kennt man seit langem, aber Erbsenz\u00e4hler sind nicht besonders beliebt. Die Frauenz\u00e4hlerei dagegen erlebt einen erstaunlichen Aufschwung. Frauen z\u00e4hlen \u00fcberall, sie z\u00e4hlen Frauen (also sich selbst), sie z\u00e4hlen M\u00e4nner, sie bilden Summen und Differenzen und Prozentzahlen bis in den letzten Kleingartenverein, nichts entgeht ihrem Auge. Gerechtigkeit stellen sie sich als eine Art Buchhaltung vor, ihr Ziel: \u2640\u02c3\u2642.  <\/p>\n\n\n\n<p>Die klassiche Musik, meint Amy Beth Kirsten, sei &#8222;in erdr\u00fcckendem Ma\u00dfe m\u00e4nnerdominiert&#8220;. Und Alex Ross schreibt:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Jede Einrichtung, die regelm\u00e4\u00dfig die Werke von Frauen pr\u00e4sentiert, wird ganz automatisch zu einem lebendigeren Ort. M\u00f6glicherweise hat das Desinteresse der j\u00fcngeren Generationen an klassischer Musik mit der muffigen, allzu exklusiv daherkommenden Atmosph\u00e4re des Repertoires zu tun.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Das ist sicher richtig, denn immer nur Haydn, Mozart, Beethoven und all die anderen alten M\u00e4nner spielen, das nervt echt! Und in der New Yorker <em>Met <\/em>hat man in den letzten hundert Jahren nur eine einzige Oper einer Komponistin gespielt! Auch der <em>Deutsche B\u00fchnenverein<\/em> z\u00e4hlt eifrig &#8211; und kommt zu einem ersch\u00fctternden Ergebnis:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Und jedes Jahr wieder stehen Mozart, Verdi, Puccini und Wagner ganz oben bei den Opern.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Man fa\u00dft es nicht. Aber der Musikkritiker Uwe Friedrich hat eine Idee, wie man das \u00e4ndern k\u00f6nnte:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Erst mal m\u00fcssen Frauen das Gef\u00fchl vermittelt bekommen, dass sie willkommen sind.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Ja, so ist es: M\u00e4nner komponieren einfach drauflos, Komponistinnen brauchen erst einmal eine auf sie zugeschnittene Willkommenskultur. <em>Ir sult sprechen willekomen!<\/em> Aber zur\u00fcck zum Z\u00e4hlen. Da ist die Theaterwelt besonders ergiebig (<a href=\"https:\/\/nachtkritik.de\/index.php?option=com_content&amp;view=article&amp;id=15381:frauen-im-theater-ueber-geschlechterungerechtigkeit-im-theaterbetrieb&amp;catid=101&amp;Itemid=84\">hier<\/a> nachzulesen):<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Nur 30 Prozent der Inszenierungen an deutschen Theatern stammen von Frauen.<br>Nur 22 Prozent der Theater werden von Frauen geleitet.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Und woran liegt es, da\u00df unsere B\u00fchnenkunst &#8222;von der Perspektive des wei\u00dfen, m\u00e4nnlichen K\u00fcnstlers dominiert&#8220; wird? Nat\u00fcrlich an der &#8222;m\u00e4nnlichen Kultur der Macht&#8220;!<\/p>\n\n\n\n<p>Fr\u00fcher, in den alten Zeiten, da hat man doch tats\u00e4chlich, naiv wie man war, nur danach gefragt, ob es eine gute oder eine schlechte Oper, ein gutes Theaterst\u00fcck oder ein fades, ein gelungenes Gedicht oder ein mi\u00dfgl\u00fccktes sei. Heute wei\u00df man: die Kultur bl\u00fcht nur auf, wenn Komponistinnen, Lyrikerinnen, Malerinnen und Schauspielerinnen in einem bestimmten mathematischen Verh\u00e4ltnis zu ihren m\u00e4nnlichen Kollegen stehen. Alles nur Mathematik!<\/p>\n\n\n\n<p>Aber selbst die ist, zumindest bei den amerikanischen <em>people of color<\/em>, in Verruf geraten. Dort hat es n\u00e4mlich Brittany Marshall, eine junge farbige Studentin der Rutgers University, mit folgendem Satz zu landesweitem Ruhm gebracht: <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>The idea of 2+2 equaling 4 is cultural and because of western imperialism\/colonization, we think of it as the only way of knowing.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Auf deutsch: <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Die Idee von 2+2=4 hat kulturelle Gr\u00fcnde. Als Folge von westlichem Imperialismus\/Kolonisierung halten wir sie f\u00fcr das einzig richtige.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Wer jetzt denkt, die Studentin sei daraufhin exmatrikuliert oder zumindest zu einem Gespr\u00e4ch mit dem Psychologischen Dienst ihrer Universit\u00e4t gebeten worden, hat sich get\u00e4uscht. Das Kultusministerium von Oregon hat, wie die F.A.Z. berichtet, alle Lehrer des Staates in einem Rundbrief aufgefordert, sich in einem Kursus namens &#8222;Ethomathematik&#8220; weiterzubilden:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Der Bildungstrend gehe davon aus, da\u00df der Fokus auf das korrekte Resultat im Mathematikunterricht ein Zeichen &#8222;wei\u00dfer Vorherrschaft sei&#8220;. Ein Ziel der Fortbildung solle daher sein, f\u00fcr jede Aufgabe mindestens zwei Ergebnisse zu erarbeiten.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Also 2+2=3? Oder 2+2=5? Man kommt der Wahrheit ein St\u00fcck n\u00e4her, wenn man die mathematischen Ergebnisse des sog. SAT-Tests betrachtet, der in den USA seit fast hundert Jahren an den Highschools durchgef\u00fchrt wird. Von theoretisch m\u00f6glichen 800 Punkten erreichten 2020<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>afroamerikanische Sch\u00fcler            454 Punkte,<br>hispanischst\u00e4mmige                        478 Punkte,<br>wei\u00dfe Sch\u00fcler                                    547 Punkte und<br>asiatischst\u00e4mmige Sch\u00fcler            632 Punkte.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Da ja der liebe Gott, wie man wei\u00df, Verstand und Sch\u00f6pferkraft v\u00f6llig gerecht und gleich an jedermann verteilt hat, kann das schlechte Abschneiden von Farbigen und Hispanos nur an &#8222;Imperialismus\/Kolonisierung&#8220; liegen. Deshalb fordern US-P\u00e4dagogen die Abschaffung der Algebra, und der Schulbezirk Seattle im Bundesstaat Washington hat vor zwei Jahren damit begonnen, den Unterricht zu &#8222;entkolonialisieren&#8220; und die Mathematik durch Streetart, Genderstudien und Unterwasserrobotik zu erg\u00e4nzen. <\/p>\n\n\n\n<p>Genug des n\u00e4rrischen Treibens! Erw\u00e4hnen wir am Ende noch Alexis de Toqueville, der von Mai 1831 bis Februar 1832 in den Vereinigten Staaten weilte, um dort im Auftrag der franz\u00f6sischen Regierung das Rechtssystem der USA zu studieren. In seinem ber\u00fchmten zweib\u00e4ndigen Werk, <em>De la d\u00e9mocratie en Am\u00e9rique<\/em> (1835\/1840), kam er zu dem Schlu\u00df, da\u00df die USA der gerechteste Staat der Welt sei, aber er entdeckte auch ein gravierendes Manko: den Versuch, auch an Schulen und Universit\u00e4ten das Prinzip von Mehrheitsentscheidungen einzuf\u00fchren. Kunst und Wissenschaft aber, darauf beharrt er, seien in ihrem Wesen aristokratisch, nicht demokratisch. Anthony Kronman, dessen kluges Buch &#8222;The Assault on American Excellence&#8220; (New York 2019) \u00fcber die zunehmend totalit\u00e4ren Zust\u00e4nde an einigen amerikanischen Universit\u00e4ten ich dringend zur Lekt\u00fcre empfehle (es gibt leider noch keine deutsche Ausgabe), ist darauf ausf\u00fchrlich eingegangen. <\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich mu\u00df der Zugang zu Schulen und Universit\u00e4ten gerecht sein. Aber (ich \u00fcbersetze Kronmans S\u00e4tze in Ermangelung einert deutschen Ausgabe)<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>die F\u00e4higkeit zu genie\u00dfen, sich auszudr\u00fccken und zu urteilen ist bei einigen Menschen weiter entwickelt als bei anderen, und sie ist bei einigen wenigen besonders subtil und fein, besonders wenn es um intellektuell, \u00e4sthetisch und spirituell herausfordernde Anstrengungen geht. Das ist eine aristokratische Annahme. Sie ist in einer Demokratie wie der unseren immer in Gefahr, verspottet und abgelehnt zu werden. Aber dann verlieren wir etwas Wertvolles. Ohne die Idee von Gr\u00f6\u00dfe wird das menschliche Leben unbedeutender und flacher. Es wird weniger erhaben und zugleich weniger tragisch. Diese Idee von Gro\u00dfartigkeit vor jeder demokratischen Beeintr\u00e4chtigung zu bewahren, ist der erste Grund, warum unsere Colleges und Universit\u00e4ten die aristokratische Liebe zu allem, was brilliant und gro\u00dfartig ist, f\u00f6rdern m\u00fcssen. Der zweite liegt darin, da\u00df diese Liebe einen Beitrag zur St\u00e4rke und Stabilit\u00e4t unserer Demokratie leistet. <\/p><p>Die Freiheit, sich seine eigene Meinung zu bilden, beinhaltet eine gro\u00dfe Verantwortung. Viele erleichtern sich diese Last, indem sie die Meinungen anderer \u00fcbernehmen, ohne sich selbst Gedanken zu machen. Das Ergebnis ist eine Art Gruppendenken, das teils aus Unwissenheit, teils aus Angst resultiert. Das macht es f\u00fcr M\u00f6chtegern-Tyrannen leichter, die demokratischen Massen zu manipulieren und sie schlie\u00dflich ihrer Freiheit zu berauben. Tocquevilles gr\u00f6\u00dfte Sorge f\u00fcr die Zukunft Amerikas war, da\u00df die Konformit\u00e4t des Denkens den Weg zur Despotie erleichtern w\u00fcrde. <\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Gro\u00dfe kulturelle Leistungen werden, auch wenn das Aktivisten und Fanatikern eines absurd \u00fcberspitzten Gerechtigkeitsbegriffs nicht gef\u00e4llt, auch in Zukunft immer nur den wenigen gro\u00dfen Begabungen gelingen. Die Vorstellung, da\u00df Kultur allein schon dadurch entsteht, da\u00df immer mehr Kindern &#8211; unabh\u00e4ngig von Begabung und Intelligenz &#8211; der Zugang zur h\u00f6heren Bildung erm\u00f6glicht wird, f\u00fchrt in der Praxis zu einer Nivellierung der Bildung auf niedrigem Niveau. Auch die seltsame Vermehrung der Abiturienten in Deutschland war nur durch eine allgemeine Senkung des Niveaus m\u00f6glich &#8211; ganz zu schweigen von der linken Phantasmagorie, man k\u00f6nne (nach Art des &#8222;Bitterfelder Wegs&#8220; in der DDR) aus Werkt\u00e4tigen nach Belieben gro\u00dfe Schriftsteller heranz\u00fcchten. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erbsenz\u00e4hlerei kennt man seit langem, aber Erbsenz\u00e4hler sind nicht besonders beliebt. Die Frauenz\u00e4hlerei dagegen erlebt einen erstaunlichen Aufschwung. Frauen z\u00e4hlen \u00fcberall, sie z\u00e4hlen Frauen (also sich selbst), sie z\u00e4hlen M\u00e4nner, sie bilden Summen und Differenzen und Prozentzahlen bis in den &hellip; <a href=\"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=20983\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[12,9],"tags":[],"class_list":["post-20983","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-politik","category-die-deutsche-sprache"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/antibarbarus.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/20983","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/antibarbarus.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/antibarbarus.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/antibarbarus.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/antibarbarus.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=20983"}],"version-history":[{"count":25,"href":"http:\/\/antibarbarus.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/20983\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":21032,"href":"http:\/\/antibarbarus.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/20983\/revisions\/21032"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/antibarbarus.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=20983"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/antibarbarus.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=20983"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/antibarbarus.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=20983"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}