{"id":20892,"date":"2021-03-11T19:07:03","date_gmt":"2021-03-11T18:07:03","guid":{"rendered":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=20892"},"modified":"2021-03-12T23:03:56","modified_gmt":"2021-03-12T22:03:56","slug":"fundstuecke-aus-einem-alten-duden-3-kolospinthechromokrene","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=20892","title":{"rendered":"Fundst\u00fccke aus einem alten Duden (3): \u201eKolospinthechromokrene&#8220;"},"content":{"rendered":"\n<p><em>An dieser Stelle berichte ich in unregelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden von W\u00f6rtern, wie man sie nur in alten B\u00fcchern findet \u2013 in diesem Fall in einer Ausgabe von Dudens \u201eOrthographischem W\u00f6rterbuch der deutschen Sprache\u201c (8. Auflage 1908).<\/em><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/antibarbarus.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/20210310_1948182.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/antibarbarus.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/20210310_1948182.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-20895\" width=\"345\" height=\"135\" srcset=\"http:\/\/antibarbarus.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/20210310_1948182.jpg 1008w, http:\/\/antibarbarus.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/20210310_1948182-300x118.jpg 300w, http:\/\/antibarbarus.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/20210310_1948182-768x303.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 345px) 100vw, 345px\" \/><\/a><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>&#8222;Kalospinthechromokrene&#8220; &#8211; was f\u00fcr ein Wortunget\u00fcm! Es pa\u00dft nicht einmal in eine Spalte des dreispaltig gedruckten Duden. Im W\u00f6rterbuch der Br\u00fcder Grimm findet man es noch nicht, und doch wurde dieser Zungenbrecher 1908 f\u00fcr w\u00fcrdig befunden, in den Duden, also in ein W\u00f6rterbuch der <em>deutschen <\/em>Sprache,  aufgenommen zu werden. &#8222;Springquelle&#8220;, das nur nebenbei, ist ein altes, heute kaum noch gebrauchtes Wort f\u00fcr &#8222;Springbrunnen&#8220;. <\/p>\n\n\n\n<p>Im <em>Kleinen Konversations-Lexikon<\/em> von Brockhaus (5. Auflage 1906) lautet der Eintrag \u00e4hnlich:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Kalospinthechromokrene (grch.), k\u00fcnstlich mit wechselnden Farben beleuchteter Springbrunnen.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Und auch Meyers <em>Gro\u00dfes Konversations-Lexikon<\/em> von 1905 bringt einen \u00e4hnlichen Eintrag, erg\u00e4nzt durch den Versuch einer w\u00f6rtlichen \u00dcbersetzung: <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Kalospinthechromokrene (griech., \u00bbSch\u00f6nfunkenfarbenquelle\u00ab), ein k\u00fcnstlich beleuchteter und dadurch in sch\u00f6nen Farben funkelnder Springbrunnen.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Auch in der Romanliteratur des 19. Jahrhunderts findet sich das Wort hin und wieder, z.B. bei dem Schweizer Schriftsteller Joseph Viktor Widmann (1842-1911). Einer epischen Dichtung gab er 1872 unter dem Pseudonym Lodovico Ariosto Helvetico den Titel<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Kalospinthechromokrene oder der Wunderbrunnen von Is. Ein \u201eRitt in\u2019s alte romantische Land\u201c mit manchen R\u00f6sselspr\u00fcngen in die modernste Gegenwart. Ausgef\u00fchrt als epische Dichtung in zw\u00f6lf Ges\u00e4ngen.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>In Karl Mays Erz\u00e4hlung <em>Der Sohn des B\u00e4renj\u00e4gers<\/em> zeigt Winnetou seinen Begleitern ein seltenes Naturschauspiel &#8211; eine Wassers\u00e4ule, die an die 50 Fu\u00df in den Himmel steigt:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p> Gerade hinter diesem Wunderwerke der Natur trat die Uferwand zur\u00fcck und bildete einen tief ausgeschnittenen Felsenkessel, auf dessen hinterem Rande scheinbar die untergehende Sonne lag. Ihre Strahlen fielen auf die Wassers\u00e4ule, welche dadurch als eine geradezu unbeschreibliche Kalospinthechromokrene in den herrlichsten Farben leuchtete und brillierte.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Auch in seinem Roman <em>Der Schatz im Silbersee<\/em> taucht das Wort auf. Dort l\u00e4\u00dft Karl May eine seiner Romanfiguren sagen, da\u00df nur die Sachsen an der Elbe echte Sachsen seien. Moritzburg und Perne, hei\u00dft es da, seien die &#8222;Mittelpunkte aller kalospinthechromokrenen Gr\u00f6\u00dfe&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Schriftsteller Albert Hopf ver\u00f6ffentlichte 1868 ein Buch mit dem langen Titel<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Deklamations-Kalospinthechromokrene<br>enthaltend: Feuergarben des Witzes, Leuchtkugeln des Humors, Raketen der guten Laune, Kanonenschl\u00e4ge der ausgelassensten Heiterkeit und des Frohsinns.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Auch in der Musikgeschichte begegnet uns das Wort. Der \u00f6sterreichische Komponist Carl Michael Ziehrer komponierte 1867 eine &#8222;Polka francaise f\u00fcr Pianoforte&#8220; mit dem Titel &#8222;Die Wunderfontaine (Kalospinthechromokrene)&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/antibarbarus.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Laibacher-Tagblatt-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/antibarbarus.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Laibacher-Tagblatt-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-20900\" width=\"304\" height=\"330\" srcset=\"http:\/\/antibarbarus.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Laibacher-Tagblatt-1.jpg 375w, http:\/\/antibarbarus.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Laibacher-Tagblatt-1-276x300.jpg 276w\" sizes=\"auto, (max-width: 304px) 100vw, 304px\" \/><\/a><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Unter den Vorf\u00fchrungen des &#8222;funkelnden Springbrunnens&#8220; im Theater waren offenbar die von Tschuggmall und Bergheer besonders beliebt. Es war ein buntes Programm, mit dem die kleine Truppe durch halb Europa zog. Joseph Tschuggmall (1785-1845) steuerte &#8222;Automaten&#8220; bei (einige sind <a href=\"https:\/\/sammlungonline.muenchner-stadtmuseum.de\/liste.html?tx_kesearch_pi1%5Bsword%5D=tschuggmall\">hier<\/a> zu sehen), nach seinem Tod setzte seine Tochter die Theatervorf\u00fchrungen fort. Ludwig Bergheer, der einmal als Magier, dann wieder als Physiker und Mechaniker bezeichnet wird, kam sp\u00e4ter dazu und f\u00fchrte allerlei Zauberkunstst\u00fccke auf, vermutlich auch, wie aus der Zeitungsannonce im Laibacher Tagblatt von 1872 (rechts) zu lesen ist, die &#8222;Brillant-Fontaine, beleuchtet durch das elektrische Licht&#8220;.  <\/p>\n\n\n\n<p>Ach, wenn man in alten W\u00f6rterb\u00fcchern st\u00f6bert, kommt man vom Hundertsten ins Tausendste! Aber wir wollen dem ein Ende machen &#8211; mit einem &#8222;Couplet-Scherz&#8220; von Paul H\u00fcbner, der so beginnt:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Ein Wort, das fr\u00fcher man nicht kannte,<br>Man erst in neu&#8217;rer Zeit ersann,<br>Kein W\u00f6rterbuch &#8217;s bis dahin nannte,<br>Das heut gel\u00e4ufig Jedermann &#8211;<br>Bedeuten soll es, wie man munkelt,<br>Ein sch\u00f6nes Trugbild auf der Szene,<br>&#8217;s zeigt pr\u00e4chtig sich, sobald es dunkelt,<br>Als Kalospinthechromokrene!<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>PS:  Den fast unaussprechlichen Namen soll  \u00fcbrigens ein gewisser Friedrich Gottlieb Gro\u00dfkopf erfunden haben, der in Berlin das erste Caf\u00e9-Chantant gegr\u00fcndet hatte. Er gab ihm sp\u00e4ter den Namen &#8222;Walhalla&#8220;.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>An dieser Stelle berichte ich in unregelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden von W\u00f6rtern, wie man sie nur in alten B\u00fcchern findet \u2013 in diesem Fall in einer Ausgabe von Dudens \u201eOrthographischem W\u00f6rterbuch der deutschen Sprache\u201c (8. 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