{"id":20859,"date":"2021-03-06T13:50:38","date_gmt":"2021-03-06T12:50:38","guid":{"rendered":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=20859"},"modified":"2021-03-06T13:51:18","modified_gmt":"2021-03-06T12:51:18","slug":"schmerzen-und-quaalen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=20859","title":{"rendered":"Schmerzen, Quaalen und ein Philosoph"},"content":{"rendered":"\n<p>Ich habe schon lange nicht mehr \u00fcber jenen Philosophen berichtet, der mir der liebste ist: Arthur Schopenhauer. Er ist mir vor allem durch die kristallene Klarheit seiner Sprache ans Herz gewachsen &#8211; nur Kant ist ihm unter den deutschen Philosophen darin ebenb\u00fcrtig. Aber h\u00f6ren wir einmal, was er selbst sagt (in seinem Hauptwerk <em>Die Welt als Wille und Vorstellung<\/em>):<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Wenn man Jedem die entsetzlichen Schmerzen und Quaalen, denen sein Leben best\u00e4ndig offen steht, vor die Augen bringen wollte; so w\u00fcrde ihn Grausen ergreifen: und wenn man den verstocktesten Optimisten durch die Krankenhospit\u00e4ler, Lazarethe und chirurgische Marterkammern, durch die Gef\u00e4ngnisse, Folterkammern und Sklavenst\u00e4lle, \u00fcber Schlachtfelder und Gerichtsst\u00e4tten f\u00fchren, dann alle die finstern Behausungen des Elends, wo es sich vor den Blicken kalter Neugier verkriecht, ihm \u00f6ffnen und zum Schlu\u00df ihn in den Hungerthurm des Ugolino blicken lassen wollte; so w\u00fcrde sicherlich auch er zuletzt einsehn, welcher Art dieser <em>meilleur des mondes possibles<\/em> ist. Woher denn anders hat Dante den Stoff zu seiner H\u00f6lle genommen, als aus dieser unserer wirklichen Welt? Und doch ist es eine recht ordentliche H\u00f6lle geworden. Hingegen als er an die Aufgabe kam, den Himmel und seine Freuden zu schildern, da hatte er eine un\u00fcberwindliche Schwierigkeit vor sich; weil eben unsere Welt gar keine Materialien zu so etwas darbietet.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Er sei ein Philosoph des Pessimismus, hat man oft gesagt, aber das stimmt nicht. Er hat nur keinerlei R\u00fccksicht auf den Geist seiner Zeit genommen &#8211; schon gar nicht auf den seichten Optimismus des damaligen Christentums. Ich kann nur jedem empfehlen, ihn im Original zu lesen, gute und preiswerte Ausgaben gibt es genug. Nur bitte nicht f\u00fcr wahr halten, was in Philosophiegeschichten u.\u00e4. <em>\u00fcber<\/em> <em>ihn <\/em>geschrieben wird &#8211; da wimmelt es nur so von Fehlern, Einseitigkeiten und Entstellungen. Was Schopenhauer \u00fcber die Kantlekt\u00fcre schreibt, das gilt auch f\u00fcr ihn selbst, und jeder unbefangene Leser kann diese Erfahrung machen: da\u00df Kant n\u00e4mlich wie Schopenhauer <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>ins Besondere geht, und zwar in einer Weise, die weder Vorbild noch Nachbild kennt und eine ganz eigenth\u00fcmliche, man m\u00f6chte sagen unmittelbare Wirkung auf den Geist hat, in Folge welcher dieser eine gr\u00fcndliche Entt\u00e4uschung erleidet und fortan alle Dinge in einem andern Lichte erblickt.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Dann ist man auch gefeit davor, da\u00df man <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>seine Zeit mit den Philosophemen gew\u00f6hnlicher, also unberufener K\u00f6pfe, oder gar windbeutelnder Sophisten, die man ihm unverantwortlicherweise anpries, vergeudet hat. Daher die Verworrenheit in den ersten Begriffen und \u00fcberhaupt das uns\u00e4glich Rohe und Plumpe, welches aus der H\u00fclle der Pretiosit\u00e4t und Pr\u00e4tensiosit\u00e4t, in den eigenen philosophischen Versuchen des so erzogenen Geschlechts, hervorsieht. Aber in einem heillosen Irrthum ist Der befangen, welcher vermeint, er k\u00f6nne Kants Philosophie aus den Darstellungen Anderer davon kennen lernen. Vielmehr mu\u00df ich vor dergleichen Relationen, zumal aus neuerer Zeit, ernstlich warnen. (&#8230;) Wie sollten auch die schon in frischer Jugend durch den Unsinn der Hegelei verrenkten und verdorbenen K\u00f6pfe noch f\u00e4hig seyn, Kants tiefsinnigen Untersuchungen zu folgen? Sie sind fr\u00fch gew\u00f6hnt, den hohlsten Wortkram f\u00fcr philosophische Gedanken, die arms\u00e4ligsten Sophismen f\u00fcr Scharfsinn, und l\u00e4ppischen Aberwitz f\u00fcr Dialektik zu halten, und durch das Aufnehmen rasender Wortzusammenstellungen, bei denen etwas zu denken der Geist sich vergeblich martert und ersch\u00f6pft, sind ihre K\u00f6pfe desorganisirt.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Schopenhauer ist ein Philosoph, der auch da, wo er irrt oder von Vorurteilen getrieben wird, im h\u00f6chsten Ma\u00dfe lesenswert ist. Ein andermal vielleicht mehr \u00fcber ihn. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich habe schon lange nicht mehr \u00fcber jenen Philosophen berichtet, der mir der liebste ist: Arthur Schopenhauer. 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