{"id":20836,"date":"2021-02-27T18:09:03","date_gmt":"2021-02-27T17:09:03","guid":{"rendered":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=20836"},"modified":"2021-02-27T18:09:03","modified_gmt":"2021-02-27T17:09:03","slug":"so-viel-geld-fuer-die-unaussprechlichen-die-klage-eines-zeit-filosofen-ein-fundstueck-aus-dem-19-jahrhundert","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=20836","title":{"rendered":"So viel Geld f\u00fcr die Unaussprechlichen! Die Klage eines Zeit-Filosofen &#8211; Ein Fundst\u00fcck aus dem 19. Jahrhundert"},"content":{"rendered":"\n<p>Vor einigen Wochen bin ich auf der Suche nach dem Wort <a href=\"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=20733\">&#8222;Philaleth&#8220;<\/a> auf einen \u00f6sterreichischen Autor namens Anton Philalethes gesto\u00dfen. Wie zu vermuten war, handelt sich dabei um ein Pseudonym. Sein b\u00fcrgerlicher Name war Ludwig Donin (1810-1876). Er war nicht nur katholischer Priester, sondern auch, wie man in der Wikipedia nachlesen kann, ein \u00e4u\u00dferst fruchtbarer Schriftsteller. Er verfa\u00dfte<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>neben Gebets- und Erbauungsb\u00fcchern historische und polemisch-politische Werke. Allein 1867 erschienen 27 Titel aus seiner Feder. Zum Zeitpunkt seines Todes sollen sich 6 Millionen B\u00fccher von ihm im Umlauf befunden haben. <\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Ein kleines B\u00fcchlein von ihm habe ich mir einmal ein bi\u00dfchen n\u00e4her angeschaut. Es hei\u00dft &#8222;Der kleine Zeit-Filosof&#8220; und ist 1867 bei C. Biel in Wien erschienen. <\/p>\n\n\n\n<p>Zwei Reisende, Anton und Gottfried,  treffen sich beim Abendessen und philosophieren munter drauflos. Anton ist ein ausgesprochener Pessimist, vom Menschen h\u00e4lt er nicht viel.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Man will gl\u00fccklich sein, und thut Alles, um ungl\u00fccklich zu werden; man will genie\u00dfen und lange genie\u00dfen, und man bet\u00e4ubt sich, und diese Bet\u00e4ubung nennt man Genu\u00df. Man will sich Freuden schaffen, und man schafft sich Freuden wie ein Thier, mit Essen, Trinken und anderen, die Gesundheit und das Leben zerst\u00f6renden Gen\u00fcssen. <\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Zum Beweis seiner Thesen f\u00fchrt er auf, wieviel Geld allein in Wien ausgegeben wird, &#8222;um die Narrheit zu bef\u00f6rdern&#8220;. Ein Sachverst\u00e4ndiger hatte n\u00e4mlich in der <em>Korrespondenz Bermann<\/em> ausgerechnet, wieviel Geld die Wiener in einer einzigen Faschingszeit ausgeben (die Abk\u00fcrzung fl. steht f\u00fcr Gulden). <\/p>\n\n\n\n<p>In der Zeit vor Beginn des Faschings haben sie folgendes gekauft:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>195.000 Paar Ballhandschuhe 160.000 fl.<br>110.000 Paar Lackstiefel 500.000 fl.<br>200.000 Damenstiefletten und Schuhe 680.974 fl.<br>301.205 Kravaten 290.400 fl.<br>50.000 Vaterm\u00f6rder 25.000 fl.<br>62.307 Hemden 120.000 fl.<br>68.005 Chemisetten 22.000 fl.<br>16.000 Paar Manschetten 8.000 fl.<br>72.000 Unaussprechliche 720.000 fl.<br>95.000 Krinolinen 455.000 fl.<br>40.000 St\u00fcck Fracks 900.000 fl.<br>52.907 wei\u00dfe Gilets 264.585 fl.<br>verschiedene Parfums 20.000 fl.<br>Zigarren 50.000 fl.<br>Kotillonorden 3.500 fl.<br>160.000 Damenballkleider und Charakteranz\u00fcge 3.800.000 fl. <br>F\u00e4cher und sonstige Utensilien 25.000 fl.<br>Spitzen, B\u00e4nder 100.000 fl.<br>echten Damenschmuck 260 fl.<br>Stempel f\u00fcr ausgestellte Wechsel 10.807 fl. <\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend des Faschings gingen die Ausgaben nat\u00fcrlich weiter:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>F\u00fcr Zuckerwerk 500.00 fl.<br>f\u00fcr Bier 1.900.000 fl.<br>f\u00fcr Wein (inkl. Champagner) 280.000 fl.<br>E\u00dfwaaren aller Art 1.800.000 fl.<br>Gefrornes 621.444 fl.<br>f\u00fcr Eintrittskarten 999.999 fl. <br>f\u00fcr Aufbewahrung der Garderobe 50.000 fl. <br>Zigarren 20.000 fl.<br>Trinkgelder 120.478 fl.<br>f\u00fcr Masken 60.000 fl.<br>f\u00fcr Bijouterien 93.409 fl. <br>f\u00fcr au\u00dferordentliche Ausgaben (Subventionen an Witwen, Waisen etc.) 636.636 fl.<br>Eierpunsch und Knickebein 31.263 fl.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Nach dem Fasching wurde noch folgendes ausgegeben:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>F\u00fcr Fiaker und Komfortables (hin und zur\u00fcck) 807.000 fl.<br>f\u00fcr Zigarren 13.000 fl.<br>f\u00fcr Hausmeister 99.004 fl. <br>f\u00fcr das Reinigen der W\u00e4sche 10.000 fl.<br>f\u00fcr Doktoren und Apotheke 505.555 fl.<br>f\u00fcr das Fleckausbringen 2.508 fl.<br>f\u00fcr sonstige Reparaturen 10.000 fl.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Und der &#8222;Sachverst\u00e4ndige&#8220; kommt zu dem Ergebnis, da\u00df sich die Ausgaben einer einzigen Wiener Faschingszeit auf 17 Millionen Gulden belaufen. Ferner, schreibt der Autor, <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>sollen von gef\u00fcllten Krapfen allein 4 1\/2 Millionen St\u00fcck verschlungen worden sein! Eine traurige Sittengeschichte unserer Zeit!<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Wie weit diese Zahlen stimmen, kann man nicht mit Gewi\u00dfheit sagen. Manche &#8211; wie die 999.999 Gulden f\u00fcr Eintrachtskarten &#8211; klingen ein bi\u00dfchen merkw\u00fcrdig, aber der Autor selbst h\u00e4lt sie offenbar f\u00fcr realistisch. <\/p>\n\n\n\n<p>Nur noch ein paar Worterkl\u00e4rungen: ein <em>Vaterm\u00f6rder <\/em>ist ein damals modischer Stehkragen, <em>Chemisette<\/em> eine gest\u00e4rkte Hemdbrust zum Frack, <em>Krinoline <\/em>ein Reifrock, <em>Gilet <\/em>eine \u00e4rmellose Weste f\u00fcr Herren. Und die <em>Unaussprechlichen? <\/em>Das ist nat\u00fcrlich die weibliche Unterw\u00e4sche. V\u00f6llig undenkbar im 19. Jahrhundert, solche Kleidungsst\u00fccke auch nur mit einem Namen zu benennen! <\/p>\n\n\n\n<p>Und wie sieht&#8217;s im 21. Jahrhundert aus? Wenn die Feministinnen sich schon daran sto\u00dfen, da\u00df Frauen in einem Gedicht (!) mit Blumen verglichen werden, dann werden W\u00f6rter, die sich auf intime Kleidungsst\u00fccke der &#8222;menstruierenden  Personen&#8220; beziehen (<em>Frauen <\/em>hat man sie fr\u00fcher nennen d\u00fcrfen, \u00e4ltere Menschen werden sich noch daran erinnern!), dann also werden solche W\u00f6rter &#8211; nun wegen Sexismusverdachts &#8211; genauso aus der Sprache verbannt werden wie im 19. Jahrhundert. Spr\u00f6de und trocken wird unser Leben werden in einer Welt, in der schon einfache Komplimente als \u00fcbergriffig und verabscheuenswert gelten. <\/p>\n\n\n\n<p>In einer solchen Welt m\u00f6chte ich nicht mehr leben.   <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor einigen Wochen bin ich auf der Suche nach dem Wort &#8222;Philaleth&#8220; auf einen \u00f6sterreichischen Autor namens Anton Philalethes gesto\u00dfen. Wie zu vermuten war, handelt sich dabei um ein Pseudonym. Sein b\u00fcrgerlicher Name war Ludwig Donin (1810-1876). 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