{"id":2076,"date":"2011-09-17T00:05:52","date_gmt":"2011-09-16T22:05:52","guid":{"rendered":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=2076"},"modified":"2011-09-17T00:05:52","modified_gmt":"2011-09-16T22:05:52","slug":"toll-dieser-artikel-umfast-ganze-23-satze","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=2076","title":{"rendered":"Toll, dieser Artikel umfa\u00dft ganze 23 S\u00e4tze!"},"content":{"rendered":"<p>Es ist ein offenes Geheimnis, da\u00df bei uns das Gef\u00fchl f\u00fcr die Feinheiten der deutschen Sprache immer mehr abnimmt.<\/p>\n<p>Ein eklatantes Beispiel daf\u00fcr ist das Adjektiv &#8222;ganz&#8220;, das manchmal in einem sehr speziellen Sinn verwendet wird. Man sagt etwa, ein Mann habe &#8222;ganze zwei Jahre&#8220; im Gef\u00e4ngnis gesessen, obwohl er ein schweres Verbrechen begangen hat. Man k\u00f6nnte daf\u00fcr auch sagen: &#8222;nur zwei Jahre&#8220;. Eigentlich, das will man damit ausdr\u00fccken, h\u00e4tte er viel l\u00e4nger sitzen m\u00fcssen. Dieses &#8222;ganze&#8220; sagt man also nur, wenn man dar\u00fcber erstaunt ist, da\u00df irgendeine Zahl oder Menge <em>kleiner<\/em> ist als erwartet.<\/p>\n<p>Einer redet etwa &#8222;ganze zwei Minuten&#8220; &#8211; das bedeutet: man h\u00e4tte erwartet, da\u00df er viel l\u00e4nger redet. Ein Kleid kostet &#8222;ganze 40 Euro&#8220; &#8211; also ein Schn\u00e4ppchen: eigentlich h\u00e4tte man es f\u00fcr teurer gehalten.<\/p>\n<p>Das ist doch eigentlich leicht zu verstehen, nicht wahr? Tats\u00e4chlich haben alle Generationen vor der heutigen das Wort auch genauso gebraucht.<\/p>\n<p>Heute &#8211; h\u00f6ren Sie einmal aufmerksam Radio oder Fernsehen! &#8211; wird das Wort oft gerade umgekehrt, also v\u00f6llig falsch gebraucht. Egal, ob es ein Privatsender oder unser Hessischer Rundfunk\u00a0 ist, st\u00e4ndig h\u00f6rt und liest man das Wort, wenn jemand ausdr\u00fccken will, da\u00df eine Anzahl <em>gr\u00f6\u00dfer als erwartet<\/em> ist.<\/p>\n<p>Da hei\u00dft es etwa, da\u00df ein Lottogewinner &#8222;ganze sechs Millionen Euro&#8220; gewonnen habe. Oder: ein B\u00fcrgermeister war &#8222;ganze 16 Jahre im Amt&#8220;. Wer einmal wachen Sinnes die Medien verfolgt, wird merken, da\u00df diese Wendung inzwischen viel \u00f6fter falsch als richtig gebraucht wird.<\/p>\n<p>Ich habe mich schon oft gefragt, woran es liegt, da\u00df es heute mit dem Sprachgef\u00fchl so dramatisch bergab geht. Es kann eigentlich nur daran liegen, da\u00df heute weniger, aber vor allem, da\u00df viel <em>einseitiger<\/em> gelesen wird als fr\u00fcher. Man liest vor allem Krimis, Thriller, Science Fiction, Fantasy &#8211; und gew\u00f6hnt sich damit an einen ziemlich einheitlichen, eher einfachen Sprachstil: kurze S\u00e4tze, Alltagssprache, wenig stilistische Komplexit\u00e4t, oft handelt es sich auch um wirklich schlechte, in aller Eile hingeschluderte \u00dcbersetzungen aus dem Amerikanischen. Selbst in der Oberstufe der Gymnasien greift die <em>Generation Copy &amp; Paste<\/em> gern und oft auf die Zusammenfassungen im Internet zur\u00fcck, um sich das Selberlesen zu ersparen.<\/p>\n<p>So kommt es, da\u00df heute schon Texte aus der Mitte des 20. Jahrhunderts vielen Menschen Schwierigkeiten bereiten, von Literatur aus der Goethezeit oder dem Biedermeier ganz zu schweigen. Niemand wird mehr zum Lesen \u00e4lterer Texte gen\u00f6tigt, das Sprachgef\u00fchl verk\u00fcmmert oder bildet sich gar nicht erst.<\/p>\n<p>Denn wenn man ein Gef\u00fchl f\u00fcr die Sprache entwickeln will, dann gibt es nur eines: <em>lesen, lesen, lesen &#8211; <\/em>und zwar alles: von den Tischreden Luthers \u00fcber Schillers Balladen bis zu den Romanen von Fontane, Mann und Grass.<\/p>\n<p>Einen anderen Weg gibt es nicht.<em><br \/>\n<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist ein offenes Geheimnis, da\u00df bei uns das Gef\u00fchl f\u00fcr die Feinheiten der deutschen Sprache immer mehr abnimmt. Ein eklatantes Beispiel daf\u00fcr ist das Adjektiv &#8222;ganz&#8220;, das manchmal in einem sehr speziellen Sinn verwendet wird. 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