{"id":20658,"date":"2021-01-13T14:42:08","date_gmt":"2021-01-13T13:42:08","guid":{"rendered":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=20658"},"modified":"2021-01-13T14:44:09","modified_gmt":"2021-01-13T13:44:09","slug":"fontane-feministisch-noch-unzensiert","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=20658","title":{"rendered":"Fontane, feministisch (noch) unzensiert"},"content":{"rendered":"\n<p>Es gibt hundert Anl\u00e4sse, zu einem guten Buch zu greifen. Wir haben gestern im Sender RBB den Bericht \u00fcber eine winterliche Radtour durch die M\u00e4rkische Schweiz gesehen &#8211; keine tiefgehende Dokumentation, nur eine unterhaltsame, unpr\u00e4tenti\u00f6se Reisesendung. Da fuhren Ulrike Finck und Andreas Jacob durch Orte, von denen wir noch nie etwas geh\u00f6rt hatten: Ihlow zum Beispiel, Buckow, Garzin, Hasenholz, Tornow oder Waldsieversdorf. Gleich nach der Sendung dann der Griff ins Buchregal &#8211; Fontane nat\u00fcrlich. Die elektronische Ausgabe seiner Werke, vor langer Zeit als &#8222;DVD-ROM&#8220; gekauft, bietet den Komfort einer Volltextsuche, und so sind die Orte schnell gefunden. \u00dcber das Dorf Ihlow hat Fontane einen kleinen Absatz geschrieben, \u00fcber Buckow (&#8222;bei blo\u00dfer Nennung des Namens steigen freundliche Landschaftsbilder auf&#8220;) sehr viel mehr. Aus Garzin berichtet er von einer alten Glocke, aus Tornow von den beiden Seen, die durch eine Schlucht verbunden sind. Fontane war \u00fcberall, man wird lange nach einem Ort suchen m\u00fcssen, den er nicht zumindest dem Namen nach erw\u00e4hnt.  <\/p>\n\n\n\n<p>Seinen <em>Wanderungen durch die Mark Brandenburg<\/em> (der erste Band erschien 1862) hat Fontane ein Vorwort vorangestellt, in dem er fragt, ob man denn \u00fcberhaupt &#8222;in der Mark&#8220; reisen sollte. Ja, sagt er schlie\u00dflich &#8211; &#8222;aber mit Vorbedingungen&#8220;. <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Der Reisende in der Mark mu\u00df sich mit einer feineren Art von Natur- und Landschaftssinn ausger\u00fcstet f\u00fchlen. Es gibt gr\u00f6bliche Augen, die gleich einen Gletscher oder Meeressturm verlangen, um befriedigt zu sein. Diese m\u00f6gen zu Hause bleiben. Es ist mit der m\u00e4rkischen Natur wie mit manchen Frauen. \u00bbAuch die h\u00e4\u00dflichste \u2013 sagt das Sprichwort \u2013 hat immer noch sieben Sch\u00f6nheiten.\u00ab Ganz so ist es mit dem \u00bbLande zwischen Oder und Elbe\u00ab; wenige Punkte sind so arm, da\u00df sie nicht auch ihre sieben Sch\u00f6nheiten h\u00e4tten. Man mu\u00df sie nur zu finden verstehen. Wer das Auge daf\u00fcr hat, der wag&#8216; es und reise.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Wir alle wissen, welcher dieser S\u00e4tze den gr\u00f6\u00dften Ansto\u00df erregen wird, und ich mu\u00df meinen Lesern gestehen, da\u00df ich den Text auch deshalb mit innniger (und grimmiger) Freude zitiert habe. Aber lassen wir jene doch im Grunde armen Gesch\u00f6pfe f\u00fcrs erste beiseite, die mit ihren &#8222;gr\u00f6blichen Augen&#8220; selbst im Kompliment noch eine Beleidigung sehen. H\u00f6ren wir lieber, was Fontane im Vorwort zur zweiten Auflage \u00fcber das Reisen in der Mark Brandenburg warnend schreibt:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Du mu\u00dft nicht allzusehr durch den Komfort der \u00bbgro\u00dfen Touren\u00ab verw\u00f6hnt und verweichlicht sein. Es wird einem selten das Schlimmste zugemutet, aber es kommt doch vor, und keine Lokalkenntnis, keine Reiseerfahrung reichen aus, dich im voraus wissen zu lassen, wo es vorkommen wird und wo nicht. Zust\u00e4nde von Armut und Verwahrlosung schieben sich in die Zust\u00e4nde modernen Kulturlebens ein und w\u00e4hrend du eben noch im Lande Teltow das beste Lager fandest, findest du vielleicht im \u00bbSchenkenl\u00e4ndchen\u00ab eine Lagerst\u00e4tte, die alle M\u00e4ngel und Schrecknisse, deren Bett und Linnen \u00fcberhaupt f\u00e4hig sind, in sich vereinigt. Regeln sind nicht zu geben, Sicherheitsma\u00dfregeln nicht zu treffen. Wo es gut sein k\u00f6nnte, da triffst du es vielleicht schlecht und wo du das K\u00fcmmerlichste erwartest, \u00fcberraschen dich Luxus und Behaglichkeit.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>&#8222;Sorglos&#8220;, schreibt Fontane, habe er seine Eindr\u00fccke und Beobachtungen gesammelt, <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>nicht wie einer, der mit der Sichel zur Ernte geht, sondern wie ein Spazierg\u00e4nger, der einzelne \u00c4hren aus dem reichen Felde zieht.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Und zum Schlu\u00df hei\u00dft es:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Es ist ein Buntes, Mannigfaches, das ich zusammengestellt habe: Landschaftliches und Historisches, Sitten- und Charakterschilderung, &#8211; und verschieden wie die Dinge, so verschieden ist auch die Behandlung, die sie gefunden. Aber wie abweichend in Form und Inhalt die einzelnen Kapitel von einander sein m\u00f6gen, darin sind sie sich gleich, da\u00df sie aus Liebe und Anh\u00e4nglichkeit an die Heimat geboren wurden. M\u00f6chten sie auch in andren jene Empfindungen wecken, von denen ich am eignen Herzen erfahren habe, da\u00df sie ein Gl\u00fcck, ein Trost und die Quelle echtester Freuden sind.<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt hundert Anl\u00e4sse, zu einem guten Buch zu greifen. Wir haben gestern im Sender RBB den Bericht \u00fcber eine winterliche Radtour durch die M\u00e4rkische Schweiz gesehen &#8211; keine tiefgehende Dokumentation, nur eine unterhaltsame, unpr\u00e4tenti\u00f6se Reisesendung. 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