{"id":20345,"date":"2020-10-23T16:34:18","date_gmt":"2020-10-23T14:34:18","guid":{"rendered":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=20345"},"modified":"2020-10-24T13:14:08","modified_gmt":"2020-10-24T11:14:08","slug":"von-dreissig-fuss-gedaermen-und-einem-genialen-rennpferd-fundstuecke-von-klemperer-und-musil","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=20345","title":{"rendered":"Von drei\u00dfig Fu\u00df Ged\u00e4rmen und einem genialen Rennpferd &#8211; Fundst\u00fccke von Klemperer und Musil"},"content":{"rendered":"\n<p>Einmal in seinem Leben, erz\u00e4hlt Victor Klemperer in seinem Buch &#8222;LTI &#8211; Notizbuch eines Philologen&#8220;, habe er einen Artikel in einem amerikanischen Blatt ver\u00f6ffentlicht. Es war ein Aufsatz zum 70. Geburtstag Adolf Wilbrandts im Jahr 1907:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Als ich das Belegexemplar zu Gesicht bekam, stand von diesem Augenblick an f\u00fcr alle Zeiten das Bild der amerikanischen Presse in ihrer Gesamtheit vor meinen Augen. Wahrscheinlich, sicher sogar, ungerechterweise, denn jede Verallgemeinerung l\u00fcgt, aber trotz dieser Erkenntnis unab\u00e4nderlich mit vollkommener Deutlichkeit auftauchend, so oft in mir eine noch so weitgespannte Ideenassoziation zu amerikanischem Zeitungswesen hin\u00fcberf\u00fchrte. Mitten durch den Satz meines Wilbrandt-Artikels, von oben bis unten in geschl\u00e4ngelter Linie, die Zeilen halbierend, zeigte sich ein Abf\u00fchrmittel an und er\u00f6ffnete die Reklame mit den Worten: &#8222;Drei\u00dfig Fu\u00df Ged\u00e4rme hat der Mensch.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Ach, was waren das f\u00fcr Zeiten, als man so etwas noch als Fauxpas empfinden konnte! Vergleichbar allenfalls mit dem &#8222;genialen Rennpferd&#8220; in Robert Musils &#8222;Mann ohne Eigenschaften&#8220; (1930):<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Es hatte damals schon die Zeit begonnen, wo man von Genies des Fu\u00dfballrasens oder des Boxrings zu sprechen anhub, aber auf mindestens zehn geniale Entdecker, Ten\u00f6re oder Schriftsteller entfiel in den Zeitungsberichten noch nicht mehr als h\u00f6chstens ein genialer Centrehalf oder gro\u00dfer Taktiker des Tennissports. Der neue Geist f\u00fchlte sich noch nicht ganz sicher. Aber gerade da las Ulrich irgendwo, wie eine vorverwehte Sommerreife, pl\u00f6tzlich das Wort \u00bbdas geniale Rennpferd\u00ab. Es stand in einem Bericht \u00fcber einen aufsehenerregenden Rennbahnerfolg, und der Schreiber war sich der ganzen Gr\u00f6\u00dfe des Einfalls vielleicht gar nicht bewu\u00dft gewesen, den ihm der Geist der Gemeinschaft in die Feder geschoben hatte. Ulrich aber begriff mit einemmal, in welchem&nbsp;unentrinnbaren Zusammenhang seine ganze Laufbahn mit diesem Genie der Rennpferde stehe. Denn das Pferd ist seit je das heilige Tier der Kavallerie gewesen, und in seiner Kasernenjugend hatte Ulrich kaum von anderem sprechen h\u00f6ren als von Pferden und Weibern und war dem entflohn, um ein bedeutender Mensch zu werden, und als er sich nun nach wechselvollen Anstrengungen der H\u00f6he seiner Bestrebungen vielleicht h\u00e4tte nahef\u00fchlen k\u00f6nnen, begr\u00fc\u00dfte ihn von dort das Pferd, das ihm zuvorgekommen war.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Und da nun schon Rennpferde genial sein konnten, beschlo\u00df Ulrich,<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>sich ein Jahr Urlaub von seinem Leben zu nehmen, um eine angemessene Anwendung seiner F\u00e4higkeiten zu suchen.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Wer sich das aber &#8211; anders als Ulrich &#8211; schon aus finanziellen Gr\u00fcnden nicht leisten kann, dem bleibt wohl nichts anderes \u00fcbrig, als tapfer zu ertragen, was aus der geistigen Welt geworden ist &#8211; und von einer Zeit zu tr\u00e4umen, in der eine ungeschickt plazierte Anzeige f\u00fcr ein Abf\u00fchrmittel noch f\u00fcr Aufsehen gesorgt hat. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einmal in seinem Leben, erz\u00e4hlt Victor Klemperer in seinem Buch &#8222;LTI &#8211; Notizbuch eines Philologen&#8220;, habe er einen Artikel in einem amerikanischen Blatt ver\u00f6ffentlicht. 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