{"id":20103,"date":"2020-08-17T15:49:27","date_gmt":"2020-08-17T13:49:27","guid":{"rendered":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=20103"},"modified":"2020-08-18T12:28:58","modified_gmt":"2020-08-18T10:28:58","slug":"windwirbel-und-windsbraeute","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=20103","title":{"rendered":"Windwirbel und Windsbr\u00e4ute"},"content":{"rendered":"\n<p>Im Deutschen W\u00f6rterbuch der Br\u00fcder Grimm kann man stundenlang schm\u00f6kern. Das geht ganz gut auf der Seite von <a href=\"http:\/\/woerterbuchnetz.de\/cgi-bin\/WBNetz\/wbgui_py?sigle=DWB\">woerterbuchnetz.de<\/a>, aber noch sch\u00f6ner ist es nat\u00fcrlich, wenn man das vielb\u00e4ndige Werk auf der Festplatte hat. Ich habe mir die CD-ROM &#8222;Der digitale Grimm&#8220; vor ungef\u00e4hr 15 Jahren bei Zweitausendeins gekauft, und immer wenn ich die bunte, flirrende (und oft unertr\u00e4glich dumme) Welt des Internets leid bin, verbringe ich zur Erholung einige Zeit bei den Br\u00fcdern Grimm. <\/p>\n\n\n\n<p>Vor ein paar Tagen ist mir in einem alten lateinischen W\u00f6rterbuch (Adam Friedrich Kirsch, <em>Cornucopiae linguae Latinae<\/em>, N\u00fcrnberg 1731) das sch\u00f6ne Wort &#8222;windwirblicht&#8220; (als \u00dcbersetzung f\u00fcr das lateinische <em>typhonicus<\/em>) aufgefallen. So ungef\u00e4hr l\u00e4\u00dft sich denken, was damit gemeint ist, wenn wir heute auch nicht mehr von &#8222;Windwirbel&#8220;, sondern von &#8222;Wirbelwind&#8220; sprechen. Kirsch definiert \u00fcbrigens das lateinische <em>typho<\/em>, von dem das Adjektiv <em>typhonicus<\/em> abgeleitet ist, als &#8222;eine Windsbraut, ein Windwirbel&#8220;. Was f\u00fcr sch\u00f6ne alte W\u00f6rter! <\/p>\n\n\n\n<p><em>Kleiner Exkurs<\/em>. Man lege einmal einem heutigen Abiturienten oder einem Germanistikstudenten das Wort &#8222;Windsbraut&#8220; vor und frage nach dessen Bedeutung. Dabei ist dieses Wort zwar im 18. Jahrhundert etwas aus der Mode gekommen, kommt aber seit der Goethezeit zunehmend wieder in Gebrauch. Man findet es z.B. in Hebels Schatzk\u00e4stlein:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Zu gleicher Zeit kam ein heftiger Wirbelwind oder eine sogenannte Windsbraut, ri\u00df den meisten die H\u00fcte von den K\u00f6pfen, wirbelte sie in die H\u00f6he \u00fcber den Berg hin\u00fcber, und lie\u00df sie auf der andern Seite wieder fallen.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Auch bei Goethe und den gro\u00dfen Schriftstellern des 19. Jahrhunderts wie der Droste, Eichendorff, Heine, E.T.A. Hoffmann, Jean Paul, Gottfried Keller und Raabe kommt das Wort vor &#8211; und sogar noch in einem Gedicht von Trakl im Jahr 1914.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber eine solche Sprache &#8211; <em>so lange S\u00e4tze! so komische W\u00f6rter!<\/em> &#8211; zieht sich heute kein Sch\u00fcler mehr rein. F\u00fcr sie sind (<em>Achtung, eine leichte \u00dcbertreibung!) <\/em>sogar noch die Werke von Borchert bis B\u00f6ll und Grass so fremd und unverst\u00e4ndlich wie es in meiner Zeit das Hildebrandslied war. Aber ich will auch nicht rechten. Ich hatte wie meine Mitsch\u00fcler das Gl\u00fcck, in einer Zeit zur Schule zu gehen, als es noch selbstverst\u00e4ndlich war, da\u00df man am Ende der Gymnasialzeit nicht nur die Grundz\u00fcge der Geschichte kannte, sondern auch die deutsche Literatur von der althochdeutschen Zeit bis in die Gegenwart hinein. Jeder hat selbst lesen m\u00fcssen, niemand konnte sich im Internet fremdes (und oft haarstr\u00e4ubend dummes und immer wieder von anderen abgeschriebenes) Wissen erschwindeln. Man mu\u00dfte in die Stadtb\u00fccherei gehen, in Bibliotheken suchen, und sich &#8211; <em>h\u00f6rt, Kinder! <\/em>&#8211; selbst\u00e4ndig Gedanken machen. F\u00fcr mich war das immer ein begl\u00fcckendes Erlebnis, man nennt es den &#8222;hermeneutischen Zirkel&#8220;: erst einmal den literarischen Text v\u00f6llig vorurteilsfrei lesen, dann die Fachliteratur heranziehen, dann den Text, nun wissender, erneut lesen &#8211; und am Ende des Zirkels (man k\u00f6nnte auch von einer Spirale sprechen) zu einem eigenen Urteil kommen. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Vegn\u00fcgen an der Kultur mu\u00df in den Menschen freilich erst eingepflanzt werden. Dazu braucht es Geduld &#8211; und einen Deutschlehrer, der mit seiner eigenen Begeisterung die Sch\u00fcler anstecken kann. Diese Gabe hat nicht jeder. Mein Deutschlehrer freilich, Edgar Hobinka, war so ein Gl\u00fccksfall: er hat nicht nur die Musikschule unseres St\u00e4dtchens gegr\u00fcndet und ein Vierteljahrhundert geleitet, er war auch ein wunderbarer Lehrer &#8211; einer von denen, die man nicht vergi\u00dft. Zurecht ist heute eine Stra\u00dfe nach ihm benannt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Deutschen W\u00f6rterbuch der Br\u00fcder Grimm kann man stundenlang schm\u00f6kern. Das geht ganz gut auf der Seite von woerterbuchnetz.de, aber noch sch\u00f6ner ist es nat\u00fcrlich, wenn man das vielb\u00e4ndige Werk auf der Festplatte hat. 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