{"id":20052,"date":"2020-08-03T18:18:01","date_gmt":"2020-08-03T16:18:01","guid":{"rendered":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=20052"},"modified":"2020-08-03T18:18:01","modified_gmt":"2020-08-03T16:18:01","slug":"harpers-letter-und-ein-redakteur-der-frankfurter-allgemeinen-sonntagszeitung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=20052","title":{"rendered":"&#8222;Harper&#8217;s Letter&#8220; &#8211; und ein Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung"},"content":{"rendered":"\n<p>Mehr als 150 Intellektuelle der Vereinigten Staaten und Englands &#8211; die meisten von ihnen Professoren und Schriftsteller &#8211; haben einen aufsehenerregenden Brief ver\u00f6ffentlicht. Er tr\u00e4gt den Titel &#8222;A Letter on Justice and Open Debate&#8220;. Es war Zeit f\u00fcr einen solchen Brief, h\u00f6chste Zeit. Sie k\u00f6nnen ihn im Original online in <a href=\"https:\/\/harpers.org\/a-letter-on-justice-and-open-debate\/\">Harper&#8217;s Magazine<\/a> nachlesen, in der gedruckten Ausgabe wird er im Oktober erscheinen. Ein paar Abs\u00e4tze habe ich ins Deutsche \u00fcbersetzt:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Der Geist der Zensur breitet sich in unserer Kultur immer mehr aus: Intoleranz gegen\u00fcber anderen Meinungen, der Trend zu Scherbengericht und \u00f6ffentlicher Herabsetzung, die Tendenz, komplexe politische Fragen im blendenden Licht moralischer Gewi\u00dfheit verschwinden zu lassen. Wir dagegen bestehen auf dem Wert einer kraftvollen, auch einer scharfen Entgegnung von allen Seiten. Aber \u00fcberall wird jetzt als Reaktion auf vermeintliche \u00dcbergriffe in Sprache und Gedanken der Ruf nach schneller und strenger Bestrafung laut. Was noch beunruhigender ist: da\u00df die Leitungen von Institutionen, in einer Art panischer Schadensbegrenzung, anstelle von besonnenen Reformen \u00fcbereilte und unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfige Strafen verh\u00e4ngen. Redakteure werden wegen kontroverser Beitr\u00e4ge entlassen, B\u00fccher wegen angeblich fehlender Authentizit\u00e4t zur\u00fcckgezogen. Journalisten verbietet man, \u00fcber bestimmte Themen \u00fcberhaupt zu schreiben, und Lehrer werden verfolgt, wenn sie in ihrer Klasse bestimmte literarische Werke zitieren &#8230; Wir zahlen den Preis daf\u00fcr in Gestalt einer immer gr\u00f6\u00dferen Risikovermeidung bei Schriftstellern, K\u00fcnstlern und Journalisten, die um ihre Existenzgrundlage f\u00fcrchten m\u00fcssen, wenn sie sich nicht an den Konsens halten oder nicht gen\u00fcgend Begeisterung f\u00fcr ihn aufbringen. <\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Am Ende schreiben die Autoren:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Diese erstickende Atmosph\u00e4re wird am Ende besch\u00e4digen, was f\u00fcr unsere Gesellschaft geradezu lebenswichtig ist. Die Beschr\u00e4nkung des Diskurses, ob sie nun von einer repressiven Regierung oder einer intoleranten Gesellschaft ausgeht, wird ausnahmslos jenen schaden, die keine Macht haben, und sie wird ihre M\u00f6glichkeiten zu demokratischer Teilhabe schm\u00e4lern. Schlimme Ideen bek\u00e4mpft man durch Aufdecken, Argumentieren und \u00dcberzeugen, nicht indem man sie zum Schweigen bringt oder einfach wegw\u00fcnscht. Wir verweigern uns der Entscheidung zwischen Gerechtigkeit und Freiheit, denn beide k\u00f6nnen nicht ohne einander existieren. Als Schriftsteller brauchen wir eine Kultur, die uns Raum gibt f\u00fcr Experimente, Risiken und auch f\u00fcr Fehler. Wir m\u00fcssen uns die M\u00f6glichkeit bewahren, im guten Glauben anderer Meinung zu sein, ohne harte berufliche Konsequenzen zu f\u00fcrchten. Wenn wir selbst nicht verteidigen, was die Voraussetzung f\u00fcr unsere Arbeit ist, dann k\u00f6nnen wir nicht erwarten, da\u00df die \u00d6ffentlichkeit oder der Staat sie f\u00fcr uns verteidigt. <\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Unterschrieben haben diesen \u00fcberf\u00e4lligen Aufschrei auch Noam Chomsky, der Nestor der amerikanischen Linken, und die Harry-Potter-Erfinderin Joanne K. Rowling. Wer sich eingehend mit der Situation an den Universit\u00e4ten und Zeitungen der USA besch\u00e4ftigt hat, wird den Brief eher als zu gem\u00e4\u00dfigt empfinden. <\/p>\n\n\n\n<p>Und was sagt dazu ein Redakteur der <em>Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung<\/em>? H\u00f6ren wir, was Peter K\u00f6rte, stellvertretender Ressortleiter im Feuilleton, von den &#8222;liberalen Intellektuellen&#8220;, die den Brief unterzeichnet haben, h\u00e4lt (<a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/buecher\/themen\/der-erdrutsch-buch-der-metoo-enthuellerinnen-16874631.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2\">hier<\/a> nachzulesen):<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Obwohl die wenigsten von ihnen bisher bef\u00fcrchten mussten, Opfer einer \u201eCancel Culture\u201c zu werden, also wegen unliebsamer \u00c4u\u00dferungen aus dem \u00f6ffentlichen Diskurs verbannt zu werden, konstruieren sie das Phantom einer Bedrohung: Neue \u201emoralische Haltungen und politisches Engagement\u201c schw\u00e4chten offene Diskussionen und Toleranz. Wer diese \u201eKr\u00e4fte des Illiberalismus\u201c verk\u00f6rpert, wer wof\u00fcr verantwortlich ist und woher die gro\u00dfe Macht der unbekannten Verantwortlichen r\u00fchrt, Redeverbote zu verh\u00e4ngen, bleibt unscharf bis unkenntlich.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Das ist eine Zusammenfassung, die schon an <em>fake news<\/em> grenzt, zumindest zeigt sie, um es vorsichtig auszudr\u00fccken, die Unvertrautheit des Schreibers mit den amerikanischen Zust\u00e4nden. In Filmkritiken mag er sich auskennen, aber hier ist ihm auf der Liste der Unterzeichner nicht einmal der Name Nicholas A. Christakis (Yale) aufgefallen, der 2015 eines der ersten Opfer war, das f\u00fcr seine Meinung bestraft wurde. Der Fall hatte damals \u00fcber Yale hinaus Aufsehen erregt, denn es ging eigentlich gar nicht um Christakis selbst, sondern um seine Frau. Sie hatte, als in Yale Forderungen auftauchten, nur politisch korrekte Halloween-Kost\u00fcme zuzulassen, in einer E-Mail geschrieben, man solle es doch den Studenten selbst \u00fcberlassen, wie sich verkleiden. Da brach die H\u00f6lle los, auch f\u00fcr Christakis, der seiner Frau beigepflichtet hatte. <\/p>\n\n\n\n<p>Woher K\u00f6rte seine Gewi\u00dfheit nimmt, da\u00df nur &#8222;die wenigsten&#8220; Unterzeicher bisher bef\u00fcrchten mu\u00dften, selbst Opfer zu werden, wei\u00df ich nicht. Gerade am Beispiel von Rowling kann man beobachten, wie Menschen selbst wegen einer kleinen, harmlosen Bemerkung mundtot gemacht werden sollen (sie hatte sich \u00fcber die Bezeichnung &#8222;people who menstruate&#8220; lustig gemacht). <\/p>\n\n\n\n<p>PS:  K\u00f6rtes ver\u00e4chtliche Bemerkung f\u00fcgt sich perfekt in seine Besprechung jenes Buches ein, das die beiden &#8222;New York Times&#8220;-Journalistinnen \u00fcber den Weinstein-Skandal ver\u00f6ffentlicht haben. Da wischt K\u00f6rte nach dem Motto &#8222;Wo gehobelt wird, fallen Sp\u00e4ne&#8220; alle negativen Folgen der MeToo-Bewegung br\u00fcsk zur Seite: die Kultur der Denunziation etwa, die dazu gef\u00fchrt hat, da\u00df man den Gang durch die Gerichte gar nicht mehr antreten mu\u00df, weil das Opfer Ankl\u00e4ger, Zeuge und Richter in einer Person ist. So kann man mit leichter Hand die b\u00fcrgerliche und berufliche Existenz von Menschen vernichten, ohne da\u00df je ein Richter dar\u00fcber Recht gesprochen hat. Das alles sind f\u00fcr K\u00f6rte Kollateralsch\u00e4den, die nicht z\u00e4hlen:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Die Breite des Protestes ist es auch, die Streuwirkungen erzeugt hat. Sie hat daf\u00fcr gesorgt, dass es nicht immer die \u201eRichtigen\u201c trifft, sondern auch die \u201eFalschen\u201c.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Aber:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Was ist diese Streuung, was sind dogmatische Verzerrungen, die sich bisweilen selbst ad absurdum f\u00fchren, gegen die im Fall von #Metoo so offenkundige steinalte, z\u00e4hlebige Selbstgewissheit, man werde schon irgendwie davonkommen mit Diskriminierung, Benachteiligung und sexuellen \u00dcbergriffen, weil es ja schon immer so funktioniert habe?<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Da merkt man denn doch, da\u00df K\u00f6rte viele Jahre f\u00fcr die <em>Frankfurter Rundschau<\/em> geschrieben hat.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mehr als 150 Intellektuelle der Vereinigten Staaten und Englands &#8211; die meisten von ihnen Professoren und Schriftsteller &#8211; haben einen aufsehenerregenden Brief ver\u00f6ffentlicht. 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