{"id":19932,"date":"2020-07-10T19:07:03","date_gmt":"2020-07-10T17:07:03","guid":{"rendered":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=19932"},"modified":"2020-07-11T18:55:41","modified_gmt":"2020-07-11T16:55:41","slug":"drei-schwarze-frauen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=19932","title":{"rendered":"Drei schwarze Frauen"},"content":{"rendered":"\n<p>Der Hessische Rundfunk war schon immer ein bi\u00dfchen fortschrittlicher als andere Sender. Wenn die Volksseele nach Gerechtigkeit d\u00fcrstet  (Klimarettung! Nachhaltigkeit! Kampf gegen Rassismus! Keine Tiere essen!), dann ist der HR immer ganz vorn dabei. So auch vor ein paar Tagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Folgende Szene: <\/p>\n\n\n\n<p>Man sieht zwei junge Frauen, die im Kasseler Bergpark spazierengehen. Aber sie wollen sich da nicht nur &#8222;ergehen&#8220; (kennt das Wort noch jemand?), nein: &#8222;sie gehen dort spazieren, wo Ende des 18. Jahrhunderts schwarze Menschen arbeiteten&#8220;. Schon bei dieser Stimme aus dem Off gruselt es alle Hessinnen und Hessen ein bi\u00dfchen. Welche furchtbaren Wahrheiten werden jetzt aufgedeckt?   <\/p>\n\n\n\n<p>Im 18. Jahrhundert, genauer: in den Jahren von 1782 bis 1785, lie\u00df der Landgraf von Hessen-Kassel, Friedrich II., hier ein &#8222;chinesisches Dorf&#8220; errichten. So nannte man es, aber es war in Wirklichkeit ein buntes Sammelsurium aller m\u00f6glichen Kulturen und Religionen. Eine Pagode geh\u00f6rte dazu, eine Buddha-Figur und auch eine Moschee. Aber jetzt kommt&#8217;s:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Um der gew\u00fcnschten Exotik willen waren dort mindestens drei schwarze Frauen in Diensten.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Das geht nat\u00fcrlich gar nicht. <em>Black lives matter!<\/em> Freilich, gibt der Sprecher zu, wisse niemand, ob die farbigen Frauen freiwillig oder gezwungenerma\u00dfen ihren Dienst in Kassel verrichteten. Aber es sei bekannt, da\u00df damals \u00fcber 50 schwarze Menschen in Kassel lebten:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>bei Hofe und im Milit\u00e4r, meist als Pfeifer und Trommler.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Sogar als &#8222;Geschenke befreundeter Herrscherh\u00e4user&#8220; soll es sie gegeben haben!<\/p>\n\n\n\n<p>Voller Betroffenheit blicken die Frauen auf eine Infotafel:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Man findet hier nichts, was eine Verbindung hat zu dieser schwarzen Geschichte.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Die eine der beiden Frauen, eine Geschichtsstudentin, hat offenbar zum ersten Mal in ihrem Leben geh\u00f6rt, da\u00df damals &#8211; man staune! &#8211; G\u00fcter aus den Kolonien nach Europa geschafft wurden. Das w\u00fcrde man heute Diebstahl nennen, sagt sie in aufrichtiger Emp\u00f6rung. Und \u00fcber die schwarzen Frauen:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Sie wurden hier angesiedelt, als w\u00e4r&#8217;s das Normalste von der Welt.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Am liebsten m\u00f6chte man ihr da zurufen: Liebe Frau, das <em>war <\/em>damals das Normalste von der Welt! &#8222;Mohren&#8220; gab&#8217;s damals fast an jedem F\u00fcrstenhof, und der Sklavenhandel bl\u00fchte. Aber Hessen-Kassel war nun wirklich nicht sein Zentrum. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Stimme aus dem Off raunt wieder:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>War Friedrich II. ein Rassist?<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Eine Antwort gibt der Hessische Rundfunk nicht. Das ist auch nicht n\u00f6tig, denn fast jeder, dessen Namen man einmal im Geschichtsunterricht geh\u00f6rt hat, gilt heute als Rassist. Columbus und die gro\u00dfen Entdecker sowieso, Churchill, Enid Blyton &#8211; und sogar Kant, wie ein Professor der Philosophie k\u00fcrzlich in der F.A.Z. behauptete. Nur die jungen Aktivisten von heute sind keine Rassisten. Oder doch? <\/p>\n\n\n\n<p>Einen umgekehrten, einen &#8222;schwarzen Rassismus&#8220; gibt es heute in ganz Afrika. Der fr\u00fchere Diktator von Zimbabwe, Robert Mugabe, hat <em>nur den Wei\u00dfen<\/em> ihr Land weggenommen und viele von ihnen verpr\u00fcgeln oder ermorden lassen. Sein Land hat er damit ins Ungl\u00fcck gest\u00fcrzt. Auch im benachbarten S\u00fcdafrika wird schwarzer Rassismus nach Mandelas Abgang von den Herrschenden wieder befeuert. Wer das als Sp\u00e4tfolge des Kolonialismus abtut, mu\u00df sich sagen lassen, da\u00df er alle Greueltaten von schwarzen Diktatoren damit rechtfertigt &#8211; und tats\u00e4chlich rechtfertigen ja viele dieser Staatsm\u00e4nner ihre Taten bis auf den heutigen Tag mit dem Kolonialismus der Wei\u00dfen. <\/p>\n\n\n\n<p>Der hessische Landgraf, so hei\u00dft es im Bericht der Hessenschau, habe das Chinesische Dorf errichten lassen, &#8222;um seine Offenheit anderen Kulturen gegen\u00fcber zu demonstrieren&#8220;. Aber nichts war einem Landesherrn im 18. Jahrhundert fremder als so ein Motiv. Hier hat man der Vergangenheit einfach den moralischen Imperativ der Gegenwart \u00fcbergest\u00fclpt. Auch im Internet findet sich dergleichen Ahistorisches, etwa im <a href=\"http:\/\/regiowiki.hna.de\/Chinesisches_Dorf\">HNA Regiowiki,<\/a> wo es hei\u00dft, mit dem Chinesischen Dorf &#8222;wollte der Adelige seine Weltoffenheit zeigen&#8220;. Ich hoffe nur, da\u00df sich die &#8222;Recherche&#8220; der Frauen (und der HR-Redaktion) nicht auch, wie es heute \u00fcblich ist, auf ein billiges Herumklicken im Internet beschr\u00e4nkt hat.  <\/p>\n\n\n\n<p>Reichlich und in vielen Quellen belegt ist dagegen eine <em>wahre <\/em>Untat des Landgrafen, von der im Beitrag keine Rede war: er hat gesch\u00e4tzte 12.000 seiner jungen Untertanen an den englischen K\u00f6nig vermietet, der sie dann als Soldaten in den Kampf gegen die Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung nach Amerika schickte. <\/p>\n\n\n\n<p>Aber das waren ja nur &#8211; <em>wei\u00dfe<\/em> <em>M\u00e4nner. <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Hessische Rundfunk war schon immer ein bi\u00dfchen fortschrittlicher als andere Sender. Wenn die Volksseele nach Gerechtigkeit d\u00fcrstet (Klimarettung! Nachhaltigkeit! Kampf gegen Rassismus! Keine Tiere essen!), dann ist der HR immer ganz vorn dabei. 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