{"id":19782,"date":"2020-06-14T16:38:01","date_gmt":"2020-06-14T14:38:01","guid":{"rendered":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=19782"},"modified":"2020-06-14T16:44:01","modified_gmt":"2020-06-14T14:44:01","slug":"von-germanisten-und-ihrer-liebe-zum-glottalen-verschlusslaut","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=19782","title":{"rendered":"Von Germanisten und ihrer Liebe zum glottalen Verschlu\u00dflaut"},"content":{"rendered":"\n<p>Henning Lobin ist, wie man in der Wikipedia nachlesen kann, Direktor des Leibniz-Instituts f\u00fcr Deutsche Sprache in Mannheim, Professor f\u00fcr Germanistische Linguistik an der Universit\u00e4t Mannheim und Mitglied des Rats f\u00fcr Deutsche Rechtschreibung. Das Internetportal <em>web.de<\/em> hat ihn k\u00fcrzlich zum Thema &#8222;geschlechtergerechte Sprache&#8220; interviewt (<a href=\"https:\/\/web.de\/magazine\/panorama\/anne-will-gendert-experte-erklaert-gendern-sprache-durchsetzen-34738312\">hier<\/a> nachzulesen), und ich m\u00f6chte meinen Lesern auch deshalb ein paar Ausz\u00fcge daraus mitteilen, weil man dadurch einiges \u00fcber den Zustand unserer Germanistik erf\u00e4hrt:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Es gibt auf jeden Fall gesellschaftliche Gruppen, denen das &#8222;Gendern&#8220; ein Bed\u00fcrfnis ist. Und es kennzeichnet unsere Gesellschaft, dass solche Gruppen ihre Interessen klar und deutlich artikulieren. Die Medien greifen das auf und verst\u00e4rken es dadurch \u2013 das ist normal, so entstehen manchmal Ver\u00e4nderungen.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Das klingt alles sachlich und vern\u00fcnftig, und tats\u00e4chlich hat ja auch niemand etwas dagegen, da\u00df Menschen ihre Meinung artikulieren. Auch die abstrusesten Ansichten, selbst eindeutige Unwahrheiten darf man verbreiten, das ist ein in der Verfassung verankertes Recht. Aber d\u00fcrfen sie ihre Meinung, in diesem Fall ihre ideologisch begr\u00fcndete Auffassung von Sprache, Andersdenkenden oder gar der ganzen Gesellschaft aufzwingen? Nein, das d\u00fcrfen sie nicht. <\/p>\n\n\n\n<p>Aber genau das tun sie. Die Zergenderung der Sprache wird inzwischen von Universit\u00e4ten, Schulen, Beh\u00f6rden, Medien und Unternehmen auf administrativem Wege erzwungen und hat &#8211; man denke an die &#8222;Rad Fahrenden&#8220;! &#8211; selbst in Gesetzestexte Eingang gefunden. Im &#8222;Handbuch der Rechtsf\u00f6rmlichkeit&#8220; (3. Aufl. 2008) hei\u00dft es zum Beispiel:  <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Wird eine Rechtsvorschrift ge\u00e4ndert, sollen bei dieser Gelegenheit generische Maskulina, die innerhalb desselben Rechtstextes neben Paarformen verwendet werden, grunds\u00e4tzlich durch geschlechtsneutrale Personenbezeichnungen oder kreative Umschreibungen ersetzt werden.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Was Lobin verniedlichend als ganz &#8222;normalen&#8220; Vorgang beschreibt, ist also in Wirklichkeit nichts anderes als eine der deutschen Sprache von einem bestimmten politischen Milieu aufgezwungene Ver\u00e4nderung, die inzwischen offenbar als sakrosankt gilt. Wer sich dem Sprachdiktat nicht beugt, mu\u00df &#8211; etwa an Schulen und Universit\u00e4ten &#8211; mit erheblichen pers\u00f6nlichen Konsequenzen rechnen. Von einer freien Entscheidung f\u00fcr oder gegen das Gendern kann heutzutage keine Rede mehr sein. <\/p>\n\n\n\n<p>Gerade das &#8222;generische Maskulinum&#8220; ist dem sprachfeministischen Lager ein Dorn im Auge, obwohl es ein integraler Bestandteil der deutschen Sprache und damit <em>keinesfalls verhandelbar<\/em> ist. Ein Rektor, der seine Rede mit den Worten &#8222;Liebe Sch\u00fcler!&#8220; beginnt, hat jedes Recht dazu, und vor allem: er hat die deutsche Sprache auf seiner Seite. Aber hat er auch die auf seiner Seite, die sich als Germanisten, also wissenschaftlich, mit unserer Sprache besch\u00e4ftigen?<\/p>\n\n\n\n<p>H\u00f6ren wir, was Henning Lobin dazu sagt:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Wenn ein Begriff wie &#8222;Schauspieler&#8220; in der m\u00e4nnlichen Form auch Frauen &#8222;mitmeinen&#8220; soll, spricht man in der Sprachwissenschaft vom &#8222;generischen Maskulinum&#8220;. Der steuert, wie viele Untersuchungen zeigen, unsere Vorstellungen und Erwartungen. Wenn Sie mit Kindern \u00fcber Berufsw\u00fcnsche sprechen und dabei von &#8222;Feuerwehrm\u00e4nnern&#8220; reden, bekommen sie ein anderes Ergebnis, als wenn sie von &#8222;Feuerwehrleuten&#8220; sprechen. Wir haben auch aus wesentlich komplexeren psychologischen Versuchsaufbauten klare Hinweise, dass das generische Maskulinum oft nicht als &#8222;neutrales Geschlecht&#8220; funktioniert. Es pr\u00e4gt stattdessen die Wahrnehmung und die Entscheidungen zulasten der Frauen.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Hier ist schon der erste Satz falsch, denn das Wort &#8222;Schauspieler&#8220; <strong>soll<\/strong><em> <\/em>nicht etwa Frauen mitmeinen, <strong>es meint sie tats\u00e4chlich mit<\/strong>, und das seit Jahrhunderten. Was bei Lobin dann an Sprachpsychologie und ihren &#8222;Versuchsaufbauten&#8220; folgt, geh\u00f6rt nun wirklich nicht in die Germanistik, wahrscheinlich nicht einmal in die Psychologie, am ehesten noch in eine feministische Politologie, die &#8211; mit \u00fcber 200 Lehrst\u00fchlen f\u00fcr Genderstudien allein in Deutschland &#8211; ausk\u00f6mmlich lebt und bis heute nicht damit begonnen hat, die eigene Wissenschaftlichkeit in Frage zu stellen. <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Schon im 18. Jahrhundert wurde von &#8222;Schauspielerinnen und Schauspielern&#8220; gesprochen \u2013 man ging also damals nicht unbedingt davon aus, dass in der m\u00e4nnlichen Form die weibliche enthalten sei.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Woher, bitte, stammt dieses Beispiel? Und vor allem: in welchem statistischen Verh\u00e4ltnis steht es zur Zahl der damals \u00fcblichen generischen Maskulina? Ich habe mich in meinem Germanistikstudium intensiv mit der deutschen Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts besch\u00e4ftigt (und alles im Original gelesen, was ja heute aus der Mode gekommen ist), und ich kann mit Bestimmtheit sagen, da\u00df solche Formeln wie &#8222;Schauspielerinnen und Schauspieler&#8220; bis zum ausgehenden 20. Jahrhundert so selten waren, da\u00df ihre statistische H\u00e4ufigkeit gegen Null tendiert.    <\/p>\n\n\n\n<p>Aber warum sind so viele Menschen gegen den Gender-Unfug? <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Mir scheint, heute dienen vielfach Appelle gegen den sogenannten &#8222;Gender-Unfug&#8220; vor allem der politischen Verortung. Neben dem identit\u00e4tspolitischen Statement demonstrieren manche damit auch ihre grundlegende politische \u00dcberzeugung. Deshalb hat die AfD im Vergleich mit den anderen im Bundestag vertretenen Parteien mit Abstand die meisten sprachpolitischen Positionen in ihrem Programm. <\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Wenn man das liest, und zwar aus dem Munde eines Germanisten, hat man denn doch M\u00fche, die Contenance zu wahren. Es stimmt, da\u00df die AfD als einzige Partei den Kampf gegen den Gender-Unfug in ihr Programm aufgenommen hat. Sie tut das aber nur, weil sie eben eine populistische Partei ist und alles aufgreift, was die Menschen \u00e4rgert. Nicht, da\u00df die AfD gegen das inzwischen ins Absurde gesteigerte Gendern angeht, ist der Skandal. Der Skandal ist, da\u00df die seri\u00f6sen Parteien es nicht tun. Da\u00df sie dazu schweigen oder gar (wie vor allem die Gr\u00fcnen, aber auch gro\u00dfe Teile der SPD, der Linken und selbst der CDU) die Sprachverhunzung noch forcieren &#8211; und von Germanistikprofessoren darin unterst\u00fctzt werden. <\/p>\n\n\n\n<p>Wenn es dann um den Anne Will&#8217;schen Knacklaut in Steuerzahler*innen geht, landet man endg\u00fcltig im germanistischen Narrenhaus:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Wenn es schon bis ins Fernsehen durchdringt, kann sich solch ein Wandel auch weiter ausbreiten. Das kam \u00fcbrigens nicht nur bei Anne Will vor \u2013 ich habe erst k\u00fcrzlich auch bei Claus Kleber im &#8222;Heute journal&#8220; den &#8222;glottalen Verschlusslaut&#8220; geh\u00f6rt, wie das in der Phonetik hei\u00dft. Diesen Laut gibt es auch in unserer sonstigen Sprache, etwa wenn Sie das Wort &#8222;aktuell&#8220; mit einer kurzen Unterbrechung aussprechen, also wie &#8222;aktu-ell&#8220; oder bei &#8222;ide-al&#8220;. Das w\u00e4re kein sprachlicher Systembruch \u2013 das kriegt jeder hin. Und es erweist sich offenbar als ein Weg, die Doppelnennung effektiv zu verk\u00fcrzen.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Ist das nicht wunderbar? Erst f\u00fchren wir aus ideologischen Gr\u00fcnden die dummen &#8222;Doppelnennungen&#8220; ein, und dann ersetzen wir sie, weil sie uns doch zu umst\u00e4ndlich erscheinen, durch den noch absurderen &#8222;glottalen Verschlu\u00dflaut&#8220;, den &#8222;jeder hinkriegt&#8220;. <\/p>\n\n\n\n<p>Soviel zum Zustand der Germanistik im Jahre 2020.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Henning Lobin ist, wie man in der Wikipedia nachlesen kann, Direktor des Leibniz-Instituts f\u00fcr Deutsche Sprache in Mannheim, Professor f\u00fcr Germanistische Linguistik an der Universit\u00e4t Mannheim und Mitglied des Rats f\u00fcr Deutsche Rechtschreibung. 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