{"id":19006,"date":"2019-12-09T17:18:57","date_gmt":"2019-12-09T16:18:57","guid":{"rendered":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=19006"},"modified":"2019-12-10T13:34:11","modified_gmt":"2019-12-10T12:34:11","slug":"goethes-tante-melber","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=19006","title":{"rendered":"Goethes Tante Melber"},"content":{"rendered":"\n<p>Wer die &#8222;Neue Altstadt&#8220; im Herzen Frankfurts noch nicht besucht hat, sollte dies schleunigst nachholen. Es ist heutzutage selten, da\u00df ein so k\u00fchnes architektonisches Vorhaben ins Werk gesetzt wird, und es ist noch seltener, da\u00df es so gut gelingt. <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"462\" src=\"http:\/\/antibarbarus.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/P1020192-1-1024x462.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-19012\" srcset=\"http:\/\/antibarbarus.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/P1020192-1-1024x462.jpg 1024w, http:\/\/antibarbarus.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/P1020192-1-300x135.jpg 300w, http:\/\/antibarbarus.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/P1020192-1-768x346.jpg 768w, http:\/\/antibarbarus.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/P1020192-1-1536x692.jpg 1536w, http:\/\/antibarbarus.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/P1020192-1.jpg 1888w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Wer aber schon einmal da war, dem ist bestimmt ein Haus aufgefallen, das unter den Fenstern einen Frauenkopf im Relief zeigt. Daneben steht &#8222;Tante Melber 1734 &#8211; 1823&#8220;. Hier wohnte Goethes Tante Johanna Maria Melber, geb. Textor, die j\u00fcngere Schwester von Goethes Mutter. In seiner Autobiographie &#8222;Dichtung und Wahrheit&#8220; hat Goethe ihr ein Denkmal gesetzt:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>So waren wir z. B. auf gar mannigfaltige Weise besch\u00e4ftigt und unterhalten, wenn wir die an einen Materialh\u00e4ndler Melber verheiratete zweite Tochter besuchten, deren Wohnung und Laden mitten im lebhaftesten, gedr\u00e4ngtesten Teile der Stadt an dem Markte lag. Hier sahen wir  nun dem Gew\u00fchl und Gedr\u00e4nge, in welches wir uns scheuten zu verlieren, sehr vergn\u00fcglich aus den Fenstern zu; und wenn uns im Laden unter so vielerlei Waren anf\u00e4nglich nur das S\u00fc\u00dfholz und die daraus bereiteten braunen gestempelten Zeltlein vorz\u00fcglich interessierten, so wurden wir doch allm\u00e4hlich mit der gro\u00dfen Menge von Gegenst\u00e4nden bekannt, welche bei einer solchen Handlung aus und ein flie\u00dfen. <\/p><p>Diese Tante war unter den Geschwistern die lebhafteste. Wenn meine Mutter, in j\u00fcngern Jahren, sich in reinlicher Kleidung bei einer zierlichen weiblichen Arbeit oder im Lesen eines Buches gefiel, so fuhr jene in der Nachbarschaft umher, um sich dort vers\u00e4umter Kinder anzunehmen, sie zu warten, zu k\u00e4mmen und herumzutragen, wie sie es denn auch mit mir eine gute Weile so getrieben. Zur Zeit \u00f6ffentlicher Feierlichkeiten, wie bei Kr\u00f6nungen, war sie nicht zu Hause zu halten. Als kleines Kind schon hatte sie nach dem bei solchen Gelegenheiten ausgeworfenen Gelde gehascht, und man erz\u00e4hlte sich: wie sie einmal eine gute Partie beisammen gehabt und solches vergn\u00fcglich in der flachen Hand beschaut, habe ihr einer dagegen geschlagen, wodurch denn die wohlerworbene Beute auf einmal verloren gegangen. Nicht weniger wu\u00dfte sie sich viel damit, da\u00df sie dem vorbeifahrenden Kaiser Karl dem Siebenten, w\u00e4hrend eines Augenblicks, da alles Volk schwieg, auf einem Prallsteine stehend, ein heftiges Vivat in die Kutsche gerufen und ihn veranla\u00dft habe, den Hut vor ihr abzuziehen und f\u00fcr diese kecke Aufmerksamkeit gar gn\u00e4dig zu danken.<\/p><p>Auch in ihrem Hause war um sie her alles bewegt, lebenslustig und munter, und wir Kinder sind ihr manche frohe Stunde schuldig geworden. <\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/antibarbarus.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/P1020190-631x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-19009\" width=\"241\" height=\"391\" srcset=\"http:\/\/antibarbarus.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/P1020190-631x1024.jpg 631w, http:\/\/antibarbarus.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/P1020190-185x300.jpg 185w, http:\/\/antibarbarus.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/P1020190-768x1246.jpg 768w, http:\/\/antibarbarus.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/P1020190-947x1536.jpg 947w, http:\/\/antibarbarus.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/P1020190-1262x2048.jpg 1262w, http:\/\/antibarbarus.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/P1020190-scaled.jpg 1578w\" sizes=\"auto, (max-width: 241px) 100vw, 241px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Das Haus, das ganz offiziell &#8222;Haus zum Esslinger&#8220; hei\u00dft, tr\u00e4gt heute die Adresse <em>Hinter dem L\u00e4mmchen 2<\/em> und geh\u00f6rt zur hinteren Abgrenzung des H\u00fchnermarkts.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer schon einmal da ist, sollte unbedingt auch einen Blick in den wundersch\u00f6nen Innenhof des Hauses <em>Hinter dem L\u00e4mmchen 4<\/em> werfen. Er ist nur ein paar Schritte vom Haus der Tante Melber entfernt. <\/p>\n\n\n\n<p>Auch hier war, freilich gut hundert Jahre sp\u00e4ter, ein Schriftsteller in seiner Kindheit gern zu Gast, um seine Gro\u00dfmutter zu besuchen. Er sollte einmal, so viel sei verraten, der erste Preistr\u00e4ger des damals nur regional bedeutsamen Georg-B\u00fcchner-Preises werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber davon ein andermal.<\/p>\n\n\n\n<p>PS:  Von Goethe sind noch einige Briefe an seine Tante Melber erhalten. Einen davon, einen Neujahrsgru\u00df, will ich hier anf\u00fchren, weil er zeigt, wie (nach heutigen Ma\u00dfst\u00e4ben) umst\u00e4ndlich und f\u00f6rmlich man damals bei aller Zuneigung unter Verwandten geschrieben hat.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Das neue Jahr will ich nicht heranwachsen lassen, ohne Ihnen, verehrte und geliebte Tante, mit treuen Worten zu versichern, wie gl\u00fccklich es mich im alten gemacht eine Zeitlang in Ihrer N\u00e4he bleiben zu k\u00f6nnen, und ein Zeuge Ihres Wohlbefindens und Ihrer h\u00e4uslichen Zufriedenheit zu seyn. Es giebt mir diese Erinnerung die gr\u00f6\u00dfte Heiterkeit, wenn ich, wie es nun so oft geschieht, meine Gedanken nach der lieben Vaterstadt richte.<br>     Seyn Sie versichert, da\u00df alle Liebe und Freundschaft die Sie mir erwiesen mir unverge\u00dflich bleibt, und da\u00df ich nichts mehr w\u00fcnsche, als noch manche Jahre Sie, mit den werthen Ihrigen, im heitern Wohlseyn anzutreffen, damit Ihr w\u00fcrdiger Sohn noch lange in Ihrer Gesellschaft des Gl\u00fccks genie\u00dfe, das er Sich und Ihnen zu erbauen gewu\u00dft; empfehlen Sie mich ihm und der lieben Nichte zum allersch\u00f6nsten.<br>     Weimar 16. Jan. 1815.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Seine &#8222;liebe Vaterstadt&#8220; hat Goethe \u00fcbrigens an anderer Stelle mit, sagen wir: weit weniger liebevollen Ausdr\u00fccken bedacht. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer die &#8222;Neue Altstadt&#8220; im Herzen Frankfurts noch nicht besucht hat, sollte dies schleunigst nachholen. 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