{"id":18942,"date":"2019-11-24T13:46:26","date_gmt":"2019-11-24T12:46:26","guid":{"rendered":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=18942"},"modified":"2019-11-24T19:41:42","modified_gmt":"2019-11-24T18:41:42","slug":"das-haus-der-sprache-hat-viele-mieter","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=18942","title":{"rendered":"Das Haus der Sprache hat viele Mieter"},"content":{"rendered":"\n<p>Nehmen wir einmal eine ganz banale \u00dcberschrift, diesmal von der <a href=\"https:\/\/www.bz-berlin.de\/berlin\/mitte\/frau-will-mit-verletzter-tochter-in-klinik-taxifahrer-beleidigt-sie-und-schmeisst-sie-raus\">BZ<\/a>:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Frau will mit verletzter Tochter in Klinik \u2013 Taxifahrer beleidigt sie und schmei\u00dft sie raus!<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Oder auf <a href=\"https:\/\/www.t-online.de\/unterhaltung\/stars\/id_86865654\/prinz-andrew-sohn-der-queen-wird-angeblich-aus-dem-palast-geschmissen.html\">t-online.de<\/a> \u00fcber Prinz Andrew:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Queen schmei\u00dft ihren Sohn raus.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Will man solche S\u00e4tze in einer Zeitung lesen, ob online oder gedruckt? Ich jedenfalls nicht. &#8222;Schmei\u00dfen&#8220; ist ein Wort aus der Umgangssprache, da darf man es verwenden, da geh\u00f6rt es hin. In gedruckten Texten hat es nichts zu suchen, da hei\u00dft es &#8222;werfen&#8220;. (Und es gibt dar\u00fcber hinaus noch eine Handvoll anderer Synonyme, deren Gebrauch im geschriebenen Deutsch m\u00f6glich ist.) Aber warum schreiben die Redakteure hier &#8222;schmei\u00dfen&#8220;? Wollen sie sich etwa an einen speziellen Teil ihrer Leserschaft <em>ranschmei\u00dfen<\/em>?  <\/p>\n\n\n\n<p>Auch die Jugendsprache, die sich ja eigentlich von der Sprache der \u00c4lteren abgrenzen will, wird l\u00e4ngst von 20- oder 30j\u00e4hrigen Erwachsenen gesprochen, als seien sie (zumindest sprachlich) nie erwachsen geworden, und niemand scheint sich zu wundern, wenn im Internet und in vielen Zeitungen alles &#8222;super&#8220; oder &#8222;mega&#8220; ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Aber ist das denn \u00fcberhaupt schlimm? Viele Sprachwissenschaftler begleiten diesen Trend fast wohlwollend und finden, da\u00df selbst das sogenannte &#8222;Kanakendeutsch&#8220; noch sein Gutes hat, weil es neue &#8222;Frische&#8220; und &#8222;Urspr\u00fcnglichkeit&#8220; in die Sprache bringe. Das ist nat\u00fcrlich Unfug, denn wir haben es hier nicht mit einer Bereicherung, sondern mit einer gravierenden Verarmung der Sprache zu tun. <\/p>\n\n\n\n<p>Es geht nicht darum, da\u00df Sprache sich ver\u00e4ndert &#8211; das tut sie immer. Es geht darum, da\u00df sich im Deutschen ein dramatischer Verlust an sprachlicher Differenzierung abzeichnet. Man denke nur, was allein an Synonymen verlorengeht, wenn alles Sch\u00f6ne nur noch &#8222;toll&#8220; oder &#8222;super&#8220; ist!<\/p>\n\n\n\n<p>Ich will an einem Bild zeigen, was ich meine. Die Sprache, so stelle man sich das einmal vor, ist ein Haus mit vielen Stockwerken. Den Keller bildet die Umgangssprache, um sie mu\u00df man sich keine Sorgen machen. Sie ist vital und, salopp gesprochen, nicht totzukriegen. Die oberste Etage mit dem Penthaus &#8211; das ist die Sprache der Literatur, die gehobene Sprache der Bildung und der Wissenschaft (die letztere freilich schon mit gro\u00dfen Abstrichen). Dazwischen gab es fr\u00fcher alle nur denkbaren \u00dcberg\u00e4nge. Keller und oberste Etage sind immer noch da, aber das Gedr\u00e4nge im Keller ist gr\u00f6\u00dfer geworden, und unter dem Dach ist es einsam wie lange nicht mehr. Und dazwischen?<\/p>\n\n\n\n<p>Da liegt das eigentliche Problem, da sind mittlerweile ganze Stockwerke unbewohnt. Die Abstufungen im Sprachniveau, die fr\u00fcher durch Elternhaus und Bildungsgang (Volksschule, Realschule, Gymnasium), aber auch durch individuelle Neigungen und F\u00e4higkeiten \u00fcberall sichtbar waren, verschwinden langsam. Die sprachliche Vielfalt wird geringer, die sprachliche Einfalt, in jeder Hinsicht, gr\u00f6\u00dfer. Es findet eine Einebnung auf niedrigem Niveau statt, oder um es in unserem Bild auszusprechen: die Kellerbewohner arbeiten sich Etage f\u00fcr Etage nach oben. <\/p>\n\n\n\n<p>Beweisen kann ich das nicht, belegen ja. Der Langsatz etwa ist l\u00e4ngst zum Alptraum des deutschen Sch\u00fclers geworden. Ein l\u00e4ngerer Satz mit Einschiebungen, Nebens\u00e4tzen, Verschachtelungen usw., dem vor hundert Jahren jedes durchschnittlich begabte Schulkind folgen konnte, wird heute zum un\u00fcberwindlichen Hindernis. Warum? Weil man den Sch\u00fcler kaum noch mit solcher Sprache konfrontiert, notfalls mit dem altlinken und dummen Argument (man h\u00f6rt es heute tats\u00e4chlich wieder!), da\u00df man f\u00fcrs arme Arbeiterkind &#8222;Sprachbarrieren&#8220; abbauen m\u00fcsse. Das Arbeiterkind ist \u00fcberhaupt eine argumentative Allzweckwaffe, mit der man heutzutage jede p\u00e4dagogische Verr\u00fccktheit rechtfertigt.  <\/p>\n\n\n\n<p>Da\u00df man auf diese Weise die Sch\u00fcler permanent unterfordert, da\u00df man ihre Intelligenz einschl\u00e4fert, da\u00df man ihnen die M\u00f6glichkeit nimmt, die (oft ganz andere!) deutsche Sprache der letzten zwei oder drei Jahrhunderte kennenzulernen &#8211; das r\u00e4cht sich heute schon. Und wenn dann manche dieser Sch\u00fcler, denen man nie die Neugier auf Neues und Schwieriges eingepflanzt hat, selber Lehrer werden, wird sich das Problem noch versch\u00e4rfen. <\/p>\n\n\n\n<p>Zum Abschlu\u00df noch ein kleines Beispiel aus dem Kellergescho\u00df, diesmal vom <a href=\"https:\/\/www.stern.de\/lifestyle\/leute\/prinz-andrew--die-queen-sagt-seine-geburtstagsparty-ab-9016838.html\">Stern<\/a>, \u00fcber eine abgesagte Geburtstagsfeier f\u00fcr Prinz Andrew:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Wie der Daily Mirror berichtet, hat die Queen die Sause abgeblasen und auf ein Familienessen heruntergedampft. <\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Man sieht: hier ist ein Meister der jounalistischen Formulierkunst am Werke.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nehmen wir einmal eine ganz banale \u00dcberschrift, diesmal von der BZ: Frau will mit verletzter Tochter in Klinik \u2013 Taxifahrer beleidigt sie und schmei\u00dft sie raus! 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