{"id":1831,"date":"2011-09-04T23:45:52","date_gmt":"2011-09-04T21:45:52","guid":{"rendered":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=1831"},"modified":"2011-09-04T23:51:53","modified_gmt":"2011-09-04T21:51:53","slug":"ein-krimi-ist-ein-krimi-ist-ein-krimi","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=1831","title":{"rendered":"Ein Krimi ist ein Krimi ist ein Krimi"},"content":{"rendered":"<p>Es gibt ja intellektuelle Haushalte, in denen &#8211; aus Prinzip &#8211; der Fernseher fehlt. Das ist eine geradezu drakonische Ma\u00dfnahme, man k\u00f6nnte auch sagen: hier soll jede Versuchung im Keim erstickt werden. Es k\u00f6nnte sein, da\u00df Kinder, die in einem solchen Haushalt aufwachsen, sp\u00e4ter s\u00fcchtig nach flackernden Bildern werden. Auf jeden Fall k\u00f6nnen sie den vern\u00fcnftigen Umgang mit dem Medium so nicht lernen.<\/p>\n<p>In der kleinen Stadt, in der ich aufgewachsen bin, haben wir zu den Letzten geh\u00f6rt, die sich einen Fernseher angeschafft haben &#8211; das mu\u00df um das Jahr 1964 gewesen sein. Mein Vater hatte sich lange dagegen gewehrt: so ein Ding, das war seine Argumentation, &#8222;macht das Familienleben kaputt&#8220;. Als dann die gebrauchten Ger\u00e4te auch f\u00fcr uns erschwinglich waren, wurde er irgendwann schwach (sicher nicht ohne Gewissensbisse). Und dann hat man ihn gar nicht mehr vom Fernseher weggebracht &#8211; alles hat er geschaut, Western, Krimis, Familienserien, sogar die Werbespots und die Mainzelm\u00e4nnchen!<\/p>\n<p>Das Familienleben hat darunter \u00fcbrigens nicht gelitten.<\/p>\n<p>Seit jenen Jahren &#8211; ich gebe es unumwunden zu &#8211; sehe ich liebend gern Fernsehkrimis (fr\u00fchkindliche Pr\u00e4gung nennt man das). Aber es m\u00fcssen auch wirklich <em>Krimis<\/em> sein! Vielleicht denke ich da zu altmodisch, aber &#8211; und deshalb die \u00dcberschrift, die ganz unverfroren ein Gedicht von Gertrude Stein abwandelt &#8211; f\u00fcr mich stehen im Mittelpunkt eines Krimis immer noch ein Verbrechen und seine Aufkl\u00e4rung. Das kann selbst heute noch, wenn ein guter Autor und ein guter Regisseur am Werk sind, spannend und unterhaltsam sein. Tats\u00e4chlich gibt es in den g\u00e4ngigen Serien &#8211; Tatort, Polizeiruf usw. &#8211; neben der \u00fcblichen Durchschnittsware (was nicht abwertend gemeint ist!) immer wieder ganz wunderbar unterhaltende, intelligent aufgebaute Krimis, die keinen schalen Nachgeschmack hinterlassen.<\/p>\n<p>Aber &#8211; und jetzt kommt wirklich ein ganz gro\u00dfes Aber: es gibt auch von Zeit zu Zeit den Versuch, das Format Kriminalfilm zu <em>mi\u00dfbrauchen<\/em>. Man benutzt, man mi\u00dfbraucht den Krimi als Transportmittel z.B. f\u00fcr Sozialkritik. Der Krimi wird zum blo\u00dfen Vehikel, man sieht leidende Hartz-IV-Empf\u00e4nger, heruntergekommene Hochh\u00e4user, b\u00f6se Immobilienhaie, erniedrigte Asylbewerber &#8211; das volle Programm. Und man erinnert sich an die <em>Lindenstra\u00dfe<\/em>, die man vor vielen, vielen Jahren noch gesehen hat, bis Gei\u00dfend\u00f6rfer die Serie zum Medium seiner gestrigen Ideologie gemacht hat (mit Hansemann als Sprachrohr, der sich bis heute &#8211; als <em>his master&#8217;s voice<\/em> &#8211; immer brav und politisch bis zum Erbrechen korrekt \u00fcber das B\u00f6se in der Welt entr\u00fcsten mu\u00df). So geht es auch in den meisten &#8222;sozialkritischen&#8220; Krimis zu. Man merkt die Absicht, und man ist verstimmt.<\/p>\n<p>Das ist f\u00fcr mich &#8211; ich sage es noch einmal &#8211; ein Mi\u00dfbrauch des Mediums Kriminalfilm. Es gibt aber noch einen anderen, ebenso \u00e4rgerlichen Mi\u00dfbrauch, und das sind die artifiziellen Filme, die eigentlich mehr f\u00fcr das Feuilleton und zur Verst\u00f6rung der Zuschauer gedreht werden (und nat\u00fcrlich zum eigenen Vergn\u00fcgen der Macher). Dazu rechne ich zwei in den Feuilletons immer wieder als &#8222;legend\u00e4r&#8220; bezeichnete Filme: den Tatort &#8222;Frau Bu lacht&#8220; von 1995 (Regie: Dominik Graf, Buch: G\u00fcnter Sch\u00fctter) und &#8211; ebenfalls von Graf und Sch\u00fctter &#8211; den neuen M\u00fcnchener Polizeiruf &#8222;Cassandras Warnung&#8220; (2011).<\/p>\n<p>Wohlgemerkt: ich bin ganz und gar nicht dagegen, da\u00df man mit den Formen und Inhalten des Krimis auch spielerisch und ironisch umgeht &#8211; ganz im Gegenteil! Die Tatorte aus M\u00fcnster und (immer wieder einmal) aus M\u00fcnchen liefern daf\u00fcr sch\u00f6ne Beispiele. Sogar Lena Odenthal hat mit &#8222;Tod im All&#8220; 1997 einen Humor gezeigt, den man ihr nicht zugetraut h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Und trotzdem gilt: <em>ein Krimi ist ein Krimi ist ein Krimi!<\/em><\/p>\n<p>Spielen kann man immer, etwas Sakrosanktes darf es nicht geben, aber mit der Form des Kriminalfilms spielen hei\u00dft eben <em>nicht<\/em>, die Form v\u00f6llig zu zerst\u00f6ren und den Zuschauer so zu verschrecken, da\u00df er hilflos zur\u00fcckbleibt. Mit der Form und den Stereotypen des Krimis spielen &#8211; das ist eine Kunst, die viel Feingef\u00fchl und Erfahrung erfordert. Eine Wackelkamera, hektische Schnittechnik, kaum verst\u00e4ndliche Dialoge, v\u00f6llig unglaubw\u00fcrdige Charaktere (so wie beim j\u00fcngsten M\u00fcnchener Polizeiruf mit Matthias Brandt) &#8211; das mag als k\u00fcnstlerische Selbstbefriedigung durchgehen. Einen guten Film bringt man so nicht zustande.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt ja intellektuelle Haushalte, in denen &#8211; aus Prinzip &#8211; der Fernseher fehlt. Das ist eine geradezu drakonische Ma\u00dfnahme, man k\u00f6nnte auch sagen: hier soll jede Versuchung im Keim erstickt werden. 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