{"id":18070,"date":"2019-02-13T12:20:18","date_gmt":"2019-02-13T11:20:18","guid":{"rendered":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=18070"},"modified":"2019-02-13T12:20:18","modified_gmt":"2019-02-13T11:20:18","slug":"oh-graus-ein-langsatz","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=18070","title":{"rendered":"Oh Graus &#8211; ein Langsatz!"},"content":{"rendered":"\n<p>Im Jahr 1138 reitet ein junger Mann von Passau aus ins b\u00f6hmische Gebirge hinein. Die Donau l\u00e4\u00dft er hinter sich:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Die Donau geht in der Richtung zwischen Morgen und Mittag fort, und hat an ihren Gestaden, vorz\u00fcglich an ihrem mittern\u00e4chtigen, starke waldige Berge, welche bis an das Wasser reichende Ausg\u00e4nge  des b\u00f6hmischen Waldes sind. Mitternachtw\u00e4rts von der Gegend, die hier angef\u00fchrt worden ist, steigt das Land staffelartig gegen jenen Wald empor, der der b\u00f6hmisch-bayerische genannt wird. Es besteht aus vielen Berghalden, langgestreckten R\u00fccken, manchen tiefen Rinnen und Kesseln, und obwohl es jetzt zum gr\u00f6\u00dften Teile mit Wiesen, Feldern und Wohnungen bedeckt ist, so geh\u00f6rt es doch dem Hauptwalde an, mit dem es vielleicht vor Jahren ununterbrochen  \u00fcberkleidet gewesen war. Es ist, je h\u00f6her hinauf, immer mehr mit den B\u00e4umen des Waldes geziert, es ist immer mehr von dem reinen Granitwasser durchrauscht, und von klareren und k\u00fchleren L\u00fcften durchweht, bis es im Arber, im Lusen, im Hohensteine, im Berge der drei Sessel und im Bl\u00f6ckensteine die h\u00f6chste Stelle und den dichtesten und an mehreren Orten  undurchdringlichen Waldstand erreicht.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Das sind &#8211; bitte z\u00e4hlen Sie nach! &#8211; vier S\u00e4tze. Vier S\u00e4tze! Dan Brown w\u00fcrde auf demselben Platz ein ganzes Kapitel unterbringen. F\u00fcr Adalbert Stifter, aus dessen Roman <em>Witiko<\/em> diese S\u00e4tze stammen, waren solche S\u00e4tze normal, sie waren es auch f\u00fcr seine Zeitgenossen und f\u00fcr die meisten Schriftsteller und Journalisten bis weit ins 20. Jahrhundert hinein &#8211; und auch f\u00fcr deren Leser. So ein kompliziertes Satzgef\u00fcge beim Lesen mit einem Blick zu durchschauen, das ist n\u00e4mlich keine Kunst, es ist nur \u00dcbung. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir leben heute freilich (aber das wei\u00df man nur, wenn man schon ein bi\u00dfchen \u00e4lter ist und den Vergleich hat) im Zeitalter des Kurzsatzes. Subjekt, Pr\u00e4dikat, Objekt &#8211; das mu\u00df reichen. Eine kompliziertere Syntax ist viel zu anstrengend.<\/p>\n\n\n\n<p>Weil sie das wei\u00df, bietet eine Fachfrau im Internet &#8222;Business Schreibkurse&#8220; an, in denen ihre Kunden lernen sollen, wie man Schachtels\u00e4tze vermeidet:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Sie kommen oft vor: Schachtels\u00e4tze. S\u00e4tze, die nie zu enden scheinen,  die kurz vor dem ersehnten Schluss noch einmal eine Wendung machen,  bevor sie, vier Einsch\u00fcbe sp\u00e4ter, zum eigentlichen Punkt kommen.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Wenn Sie m\u00f6chten, dass Ihre Texte verst\u00e4ndlich sind und gerne gelesen  werden, sollten Sie darauf achten, Schachtels\u00e4tze zu vermeiden. Denn zu  verschachtelte\u00a0 und zu lange S\u00e4tze erm\u00fcden den Leser und f\u00fchren zu  Missverst\u00e4ndnissen.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Und wenn Sie jetzt glauben, da\u00df diese Tendenz nur im &#8222;Business&#8220; grassiert, haben Sie sich &#8211; leider! &#8211; get\u00e4uscht. Die Schulen (auch die Gymnasien, die ja schon lange nicht mehr f\u00fcr die Bildungselite stehen!) haben l\u00e4ngst vor dem Zwang zu geistiger Schlichtheit kapituliert. Alles mu\u00df bunt und graphisch aufgepeppt sein, denn f\u00fcr den Menschen von heute ist eine Seite ohne Bildchen (Bleiw\u00fcste!) eine Zumutung. <\/p>\n\n\n\n<p>Klaus Ru\u00df hat dazu einen ern\u00fcchternden Artikel in der F.A.Z. geschrieben (dankenwerterweise <a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/hoch-schule\/vertieftes-lesen-von-der-bleiwueste-zur-lesepizza-16027713.html?printPagedArticle=true#pageIndex_0\">hier<\/a> immer noch kostenlos zu lesen). Ein Lesebuch von 1971 (&#8222;Lesen Darstellen Begreifen&#8220;) wird als Vergleichsobjekt vorgef\u00fchrt:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Anspruchsvolle, sprachlich elaborierte Kurzgeschichten von B\u00f6ll (damals  Zeitgenosse), Bergengruen, Ebner-Eschenbach u.a. f\u00fchren Erz\u00e4hlweisen vor  und werden sprachlich-\u00e4sthetisch analysiert als das, was sie sein  sollen: Als Artefakte, deren sprachliche Ausformung die Inhalte pr\u00e4gt.  Die Aufmachung ist n\u00fcchtern. Der Satzspiegel geht \u00fcber die ganze Seite,  mehrfaches Umbl\u00e4ttern zeigt nichts au\u00dfer Text ohne jegliche grafische  Ablenkung. \u201eBleiw\u00fcste\u201c nennen Kritiker dieses Angebot.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Und heute?<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Zeitgen\u00f6ssische Leseb\u00fccher muten solches den 13 Jahre alten Jugendlichen  nicht mehr zu. Die Texte sind viel k\u00fcrzer, werden durchschossen von  allerlei Bildern, sind farbig unterlegt, eingerahmt und mit grafischen  Gimmicks aufgebrezelt. Viele Seiten sehen aus wie eine Pizza, auf die  der B\u00e4cker appetitliche Verzierungen gestreut hat. <\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Ich jedenfalls danke dem lieben Gott, da\u00df ich die ersten drei, vier Jahrzehnte meines Lebens noch im analogen Zeitalter zugebracht habe. <\/p>\n\n\n\n<p>Es sind doch gerade die Bleiw\u00fcsten eines Romans, die das Tor in eine abenteuerliche Welt der Phantasie aufsto\u00dfen. Aber alles steht und f\u00e4llt mit der Sprache. Wer einen Roman des 19. Jahrhunderts liest, erschlie\u00dft sich eine neue Welt. Gibt es etwas Aufregenderes? <\/p>\n\n\n\n<p>Oder &#8211; um den heimischen Dialekt zu gebrauchen: wer nur noch die <em>simple<\/em>, primitive Sprache von Coaching-Firmen und Facebook-Usern versteht, bleibt ein <em>&#8222;Simpel&#8220;<\/em> sein Leben lang. <br><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Jahr 1138 reitet ein junger Mann von Passau aus ins b\u00f6hmische Gebirge hinein. 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