{"id":17769,"date":"2018-10-22T17:09:42","date_gmt":"2018-10-22T15:09:42","guid":{"rendered":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=17769"},"modified":"2018-10-24T12:43:54","modified_gmt":"2018-10-24T10:43:54","slug":"schoene-arme-woerter-4-bunt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=17769","title":{"rendered":"Sch\u00f6ne arme W\u00f6rter (4): &#8222;bunt&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Und schon wieder so ein Wort, das zwischen die Fronten der politischen Ideologien geraten ist: &#8222;bunt&#8220;. Aber bleiben wir erst einmal bei der Sprachwissenschaft.<\/p>\n<p>Im Althochdeutschen, also der Sprachstufe etwa zur Zeit Karls des Gro\u00dfen, ist das Wort, wenn man dem <em>Deutschen W\u00f6rterbuch<\/em> der Br\u00fcder Grimm glauben darf, noch nicht nachweisbar. Anders im Mittelhochdeutschen, jener Sprachstufe also, wie sie im Hochmittelalter gesprochen und geschrieben wurde. Da bedeutete es laut Lexer (<em>Mittelhochdeutsches Taschenw\u00f6rterbuch<\/em> 1966):<\/p>\n<blockquote><p>schwarz und weiss gefleckt oder gestreift.<\/p><\/blockquote>\n<p>Gerhard K\u00f6blers <em>Mittelhochdeutsches W\u00f6rterbuch,<\/em> das online verf\u00fcgbar ist, nennt folgende Bedeutungen:<\/p>\n<blockquote><p>gefleckt, gestreift, zweifarbig, mehrfarbig, schwarz-wei\u00df-gefleckt, schwarz-wei\u00df-gestreift.<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Bedeutung hat sich also im Laufe der Sprachgeschichte verschoben. Hat man damit zuerst alles damit bezeichnet, was nicht einfarbig war und Streifen bzw. Flecken hatte, so unterscheidet man heute viel genauer zwischen &#8222;schwarz-wei\u00df&#8220;, &#8222;zweifarbig&#8220; und eben &#8222;bunt&#8220;, das meist im Sinne von &#8222;mehrfarbig&#8220; gebraucht wird.<\/p>\n<p>Schon in der Goethezeit wird das Wort aber auch im \u00fcbertragenen Sinne verwendet. Im <em>Deutschen W\u00f6rterbuch<\/em> hei\u00dft es dazu etwa:<\/p>\n<blockquote><p>Eine menschenmenge, wie sie l\u00e4rmt, w\u00fchlt und tobt, erscheint auch bunt und gemischt in farben, vielartig in gesinnung.<\/p><\/blockquote>\n<p>&#8222;Vielartig in Gesinnung&#8220; &#8211; das leitet schon zum heutigen, leider politisierten Gebrauch dieses sch\u00f6nen Wortes \u00fcber. Den Gr\u00fcnen (in ihrem Namen sind sie einfarbig!), vor allem ihrem linken Fl\u00fcgel, konnte das politische Leben gar nicht bunt genug sein: daher auch seine weitere Bedeutungsverengung. &#8222;Bunt&#8220; war nun vor allem eine soziale Mischung von m\u00f6glichst vielen Nationalit\u00e4ten und sexuellen Orientierungen in einem Land. Das Wort von der &#8222;Bunten Republik Deutschland&#8220; kam auf, und alles sollte &#8211; ohne R\u00fccksicht auf Verluste &#8211; auf einmal &#8222;bunt&#8220;, &#8222;tolerant&#8220; und &#8222;weltoffen&#8220; sein.<\/p>\n<p>Diese W\u00f6rter &#8211; alle an sich wichtig und sch\u00f6n und bewahrenswert &#8211; sind leider zu fast inhaltslosen Worth\u00fclsen geworden, wie man sie aus der Werbe- und Marketingbranche kennt. Sie zu verwenden, begr\u00fcndet in der Regel schon die Zugeh\u00f6rigkeit zu einer bestimmten Ideologie, und es ist heute kaum noch m\u00f6glich, sie unbefangen zu gebrauchen, denn f\u00fcr die extreme Rechte, geistig und sprachlich nicht weniger schlicht als ihre Gegner, sind &#8222;bunt&#8220; und die anderen Attribute zu Schimpfw\u00f6rtern verkommen, die man nur noch h\u00e4misch und herabsetzend verwendet.<\/p>\n<p>Was also tun? Eines jedenfalls nicht: auf diese sch\u00f6nen alten W\u00f6rter verzichten, nur weil sich dumme, ungebildete Minderheiten ihrer bem\u00e4chtigt haben. Ich jedenfalls lasse mir den klugen Gebrauch so ehrw\u00fcrdiger W\u00f6rter weder von den Linken noch von den Gr\u00fcnen oder den Braunen verbieten.<\/p>\n<p>Man kann sie n\u00e4mlich &#8211; ein bi\u00dfchen Sprachgef\u00fchl vorausgesetzt &#8211; durchaus so verwenden, da\u00df schon durch den Kontext ersichtlich wird, da\u00df man sich dem parteipolitischen und ideologischen Mi\u00dfbrauch der Sprache widersetzt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Und schon wieder so ein Wort, das zwischen die Fronten der politischen Ideologien geraten ist: &#8222;bunt&#8220;. Aber bleiben wir erst einmal bei der Sprachwissenschaft. Im Althochdeutschen, also der Sprachstufe etwa zur Zeit Karls des Gro\u00dfen, ist das Wort, wenn man &hellip; <a href=\"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=17769\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4,11,12,9],"tags":[],"class_list":["post-17769","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-die-grune-bewegung","category-fernsehen","category-politik","category-die-deutsche-sprache"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/antibarbarus.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/17769","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/antibarbarus.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/antibarbarus.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/antibarbarus.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/antibarbarus.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=17769"}],"version-history":[{"count":8,"href":"http:\/\/antibarbarus.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/17769\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":17777,"href":"http:\/\/antibarbarus.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/17769\/revisions\/17777"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/antibarbarus.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=17769"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/antibarbarus.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=17769"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/antibarbarus.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=17769"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}