{"id":17724,"date":"2018-10-07T19:47:16","date_gmt":"2018-10-07T17:47:16","guid":{"rendered":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=17724"},"modified":"2018-10-10T11:28:48","modified_gmt":"2018-10-10T09:28:48","slug":"schoene-arme-woerter-2-heimat","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=17724","title":{"rendered":"Sch\u00f6ne arme W\u00f6rter (2): &#8222;Heimat&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>W\u00f6rter sind nie einfach nur sachliche, konkrete\u00a0 Bezeichnungen, sie haben oft eine Aura um sich, und sie l\u00f6sen Gef\u00fchle aus, die man nur schwer beschreiben kann.<\/p>\n<p>&#8222;Heimat&#8220; ist so ein Wort. Wie schwierig es ist, mit den Konnotationen dieses Wortes umzugehen, zeigt der Versuch, es beispielsweise ins Englische zu \u00fcbersetzen. Ich habe mal meinen alten Muret-Sanders herausgeholt (<em>Enzyklop\u00e4disches englisch-deutsches und deutsch-englisches W\u00f6rterbuch,<\/em> Berlin 1905) und unter dem Stichwort &#8222;Heimat&#8220; folgendes gefunden:<\/p>\n<blockquote><p><em>home<br \/>\n<\/em>(h\u00e4usliche Niederlassung, Wohnsitz) <em>settlement, domicile,<br \/>\n<\/em> (Geburtsort) <em>birthplace, native place,<br \/>\n<\/em>(Vaterland) <em>native country <\/em>or<em> land, fatherland<\/em>,<br \/>\n(Geburtsst\u00e4tte) <em>native soil, <\/em>oft<em> parish,<\/em><br \/>\n(Vaterhaus) <em>paternal habitation <\/em>or<em> roof.<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>&#8222;Home&#8220; kommt dem deutschen Wort sicher am n\u00e4chsten, aber schwingt da alles mit, was wir mit dem deutschen Wort &#8222;Heimat&#8220; verbinden? Ich glaube nicht. Sprachen, das kann man nicht oft genug sagen, zeigen jeweils eine ganz eigene Sicht der <em>native speaker <\/em>auf die Welt, sie sind nicht sachlich, neutral, sie <em>interpretieren <\/em>immer auch die Welt, und diese Gef\u00fchle und Schwingungen, die einem Muttersprachler beim H\u00f6ren des Wortes sofort und unausgesprochen in den Sinn kommen, kann man nur ganz schwer in eine andere Sprache transportieren.<\/p>\n<p>Da\u00df Sprache auch mi\u00dfbraucht werden kann, ist eine Platit\u00fcde, weil buchst\u00e4blich <em>alles<\/em> mi\u00dfbraucht werden kann &#8211; wenn man nur b\u00f6swillig genug ist. Auch der heutige Sprachfeminismus mit seinen absurden Doppelformen (Studentinnen und Studenten usw.) und all seinen * und -Innen ist nichts anderes als der Mi\u00dfbrauch der Sprache im Namen einer Ideologie.<\/p>\n<p>Diktaturen und autorit\u00e4re Regime jeder Art mi\u00dfbrauchen die Sprache fast immer. Wir kennen das zur Gen\u00fcge aus der Propagandasprache der NS-Zeit, in der etwa &#8222;Heimat&#8220;, &#8222;deutsch&#8220;, &#8222;Volk&#8220; u.\u00e4. besonders beliebt waren. Warum? Weil gerade in diesen W\u00f6rtern viele positive Gef\u00fchle mitschwingen, so konnte man sie leicht in den Dienst der Ideologie stellen. Nach dem Krieg waren sich (zurecht!) alle darin einig, da\u00df man viele dieser &#8222;befleckten&#8220; W\u00f6rter nicht gleich wieder verwenden sollte, als ob nichts geschehen sei. Inzwischen ist viel Zeit vergangen, und man kann ein Wort wie Heimat selbstverst\u00e4ndlich wieder v\u00f6llig unbefangen verwenden.<\/p>\n<p>Da\u00df viel Zeit seit dem Nationalsozialismus verflossen ist, hat aber leider auch eine unerfreuliche Seite: die extreme Rechte, zu der man inzwischen auch weite Teile der AfD rechnen mu\u00df, versucht mit einigem Erfolg, auch schwer belastete W\u00f6rter wie &#8222;v\u00f6lkisch&#8220;, &#8222;System&#8220;, &#8222;Altparteien&#8220; oder &#8222;L\u00fcgenpresse&#8220; wieder hoff\u00e4hig zu machen. Sie kann dabei auf das nur noch rudiment\u00e4re Geschichtswissen in gro\u00dfen Teilen der Bev\u00f6lkerung z\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Wir haben in der Oberstufe (das war Mitte der 60er Jahre) die deutsche Geschichte von 1848 bis zur NS-Zeit ausf\u00fchrlich behandelt, und zwar nicht in dozierender Form, sondern fast ausschlie\u00dflich durch das gemeinsame Studium von Quellen, die unser Geschichtslehrer, Oberstudienrat Udo Fischer, immer in schweren Ordnern herbeischleppte: es waren Alltagstexte, Vertr\u00e4ge, Zeitungsausschnitte und vieles andere aus der jeweiligen Zeit, und sie gaben uns ein buntes (und selbst erarbeitetes) Bild jeder geschichtlichen Epoche.<\/p>\n<p>Bald darauf gerieten die Schulen in den Sog &#8222;fortschrittlicher&#8220; Reformer, und nicht nur in Hessen wurde der Geschichtsunterricht sogar ganz abgeschafft: er ging zusammen mit Sozialkunde und Geographie in dem neuen Fach Gesellschaftslehre auf.<\/p>\n<p>Die Folgen sind bis heute zu sp\u00fcren, sie werden auch noch k\u00fcnftige Generationen von Sch\u00fclern zu geschichtsblinden Erwachsenen heranziehen.<\/p>\n<p>PS:\u00a0 Zum Thema Geschichte sei noch ein Vers Goethes aus dem West-\u00f6stlichen Divan nachgereicht:<\/p>\n<blockquote><p>Wer nicht von dreitausend Jahren<br \/>\nSich wei\u00df Rechenschaft zu geben,<br \/>\nBleib im Dunkeln unerfahren,<br \/>\nMag von Tag zu Tage leben.<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W\u00f6rter sind nie einfach nur sachliche, konkrete\u00a0 Bezeichnungen, sie haben oft eine Aura um sich, und sie l\u00f6sen Gef\u00fchle aus, die man nur schwer beschreiben kann. &#8222;Heimat&#8220; ist so ein Wort. Wie schwierig es ist, mit den Konnotationen dieses Wortes &hellip; <a href=\"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=17724\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[9],"tags":[],"class_list":["post-17724","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-die-deutsche-sprache"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/antibarbarus.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/17724","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/antibarbarus.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/antibarbarus.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/antibarbarus.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/antibarbarus.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=17724"}],"version-history":[{"count":7,"href":"http:\/\/antibarbarus.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/17724\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":17741,"href":"http:\/\/antibarbarus.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/17724\/revisions\/17741"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/antibarbarus.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=17724"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/antibarbarus.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=17724"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/antibarbarus.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=17724"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}