{"id":17631,"date":"2018-09-10T16:06:54","date_gmt":"2018-09-10T14:06:54","guid":{"rendered":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=17631"},"modified":"2018-09-10T16:21:38","modified_gmt":"2018-09-10T14:21:38","slug":"das-zitat-des-tages-15","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=17631","title":{"rendered":"Das Zitat des Tages &#8211; \u00dcber die Abschaffung des Sch\u00f6nen in der Kunst"},"content":{"rendered":"<p>Es stammt diesmal von Oscar Wilde. Der irische Schriftsteller hat mit diesem Satz 1891 das Vorwort zu seinem Roman\u00a0<em>The Picture of Dorian Gray <\/em>eingeleitet:<\/p>\n<blockquote><p>The artist is the creator of beautiful things.<\/p><\/blockquote>\n<p>Wie bitte? Was ist denn das f\u00fcr ein anst\u00f6\u00dfiger Satz! Ein sch\u00f6nes Gem\u00e4lde, ein sch\u00f6ner Roman, eine sch\u00f6ne Skulptur &#8211; das geht gar nicht. Das Attribut &#8222;sch\u00f6n&#8220; erzeugt bei den meisten K\u00fcnstlern der Gegenwart nur ein sp\u00f6ttisches L\u00e4cheln. &#8222;Sch\u00f6n&#8220;: das ist doch tiefstes 19. Jahrhundert, Biedermeier, die Kunst von vorgestern. Heute will Kunst vieles sein: experimentell, gesellschaftskritisch, diskursanregend, und nat\u00fcrlich provokativ. Das ist \u00fcberhaupt das Wichtigste: immer provokativ!<\/p>\n<p>Die Kunst der Gegenwart will alles sein &#8211; nur nicht sch\u00f6n.<\/p>\n<p>In einem fort will sie uns &#8222;zum Denken anregen&#8220; (obwohl das Denken auch manchem K\u00fcnstler wohl anst\u00fcnde), sie will uns belehren (wie man kleine, unm\u00fcndige Kinder eben belehrt), sie will provozieren (mit allerhand ekligem Zeug, vor allem auf der B\u00fchne) &#8211; aber das alles wirkt doch schon lange nicht mehr. Wenn man st\u00e4ndig mit H\u00e4\u00dflichen bombardiert wird, stumpft man ab, und am Ende langweilt man sich nur noch. Also k\u00fcndigt man das Theaterabonnement, man fl\u00fcchtet vor den &#8222;Installationen&#8220; (was f\u00fcr ein Wort!), man wendet den Blick mit Grausen vor den rostigen Kunstwerken im \u00f6ffentlichen Raum, die sich ein meist nicht sehr gebilderter B\u00fcrgermeister hat aufschwatzen lassen. Die Arch\u00e4ologen werden in ein paar hundert Jahren ratlos vor solchen ausgegrabenen Artefakten stehen.<\/p>\n<p>&#8222;A thing of beauty is a joy forever&#8220;: auch dieser Satz stammt aus dem 19. Jahrhundert, n\u00e4mlich von John Keats.<\/p>\n<blockquote><p>A thing of beauty is a joy forever:<br \/>\nIts loveliness increases; it will never<br \/>\nPass into nothingness; but still will keep<br \/>\nA bower quiet for us, and a sleep<br \/>\nFull of sweet dreams, and health, and quiet breathing.<\/p><\/blockquote>\n<p>Was sch\u00f6n ist, wird uns immer (in deutsche Prosa \u00fcbersetzt, die sich nat\u00fcrlich mit der Eleganz des Originals nicht messen kann)<\/p>\n<blockquote><p>eine Laube voller Ruhe sein, wird einen Schlaf uns bringen<br \/>\nvoll s\u00fc\u00dfer Tr\u00e4ume, und Gesundheit und ein ruhiges Atmen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Aber genau das wollen wir nicht! &#8211; ruft uns der K\u00fcnstler von heute zu. Wir wollen doch die Zerrissenheit der Gegenwart zeigen, das B\u00f6se, das H\u00e4\u00dfliche, den Ekel! Und er h\u00f6rt nicht auf, uns damit zu erm\u00fcden und zu langweilen.<\/p>\n<p>Der v\u00f6llige Mangel an Unterscheidungsverm\u00f6gen &#8211; was ist wirklich gro\u00dfe Kunst, was nur Scharlatanerie? &#8211; erm\u00f6glicht es heute jedem Blender, sich als K\u00fcnstler auszugeben.<\/p>\n<p>Mario Vargas Llosa hat das in seinem (h\u00f6chst lesenswerten!) kulturkritischen Buch &#8222;Alles Boulevard &#8211; Wer seine Kultur verliert, verliert sich selbst&#8220; (bei Suhrkamp auch als Taschenbuch zu haben) auf den Punkt gebracht:<\/p>\n<blockquote><p>Wir leben mit dem Schwindel, dass alles gleichwertig sei, so dass kein Mensch mehr mit einem Minimum an Objektivit\u00e4t unterscheiden kann, was in der Kunst sch\u00f6n ist und was nicht. Selbst die Rede von Sch\u00f6nheit hat sich im Grunde er\u00fcbrigt, denn allein der Begriff ist so diskreditiert wie die klassische Vorstellung von Kultur.<\/p><\/blockquote>\n<p>Und noch ein sch\u00f6nes Zitat (ich bitte um Verzeihung, da\u00df ich schon wieder das Wort &#8222;sch\u00f6n&#8220; gebraucht habe!) von Mario Vargas Llosa, demselben Buch entnommen:<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"calibre7\">Zu allen Zeiten gab es Gebildete und Ungebildete und zwischen den beiden Polen Menschen, die leidlich gebildet waren oder leidlich ungebildet, und diese Zuordnungen waren recht klar.<\/p>\n<p class=\"calibre7\">Heute ist das alles anders. Der Kulturbegriff wird derart weit gefasst, dass die Kultur sich verfl\u00fcchtigt hat. Sie ist zu einem ungreifbaren Phantom geworden, einer blo\u00dfen Metapher. Denn kein Mensch ist mehr gebildet, wenn alle es zu sein glauben oder wenn der Inhalt dessen, was wir Kultur nennen, so verw\u00e4ssert ist, dass alle mit gutem Recht davon ausgehen k\u00f6nnen, dass sie gebildet sind.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Dem ist nichts hinzuzuf\u00fcgen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es stammt diesmal von Oscar Wilde. Der irische Schriftsteller hat mit diesem Satz 1891 das Vorwort zu seinem Roman\u00a0The Picture of Dorian Gray eingeleitet: The artist is the creator of beautiful things. Wie bitte? 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