{"id":1631,"date":"2011-08-15T01:31:12","date_gmt":"2011-08-14T23:31:12","guid":{"rendered":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=1631"},"modified":"2012-01-18T13:33:35","modified_gmt":"2012-01-18T12:33:35","slug":"rettet-den-wald-vor-den-kapitalanlegern","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=1631","title":{"rendered":"Rettet den Wald &#8211; vor den Kapitalanlegern!"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Rettet den Wald!&#8220; &#8211; das ist ein bis heute unvergessenes und immer noch aktuelles Buch, das Horst Stern 1979 zusammen mit einigen Mitautoren ver\u00f6ffentlicht hat. Fast alles, was ich \u00fcber die tieferen Zusammenh\u00e4nge des Waldes und der Forstwirtschaft heute wei\u00df, stammt aus diesem Buch.<\/p>\n<p>Der mitteleurop\u00e4ische Wald ist tats\u00e4chlich einzigartig. &#8222;Nachhaltigkeit&#8220; ist heute ein Modewort, noch dazu eines, das meistens v\u00f6llig falsch und sinnentstellend gebraucht oder zum leeren Marketingargument mi\u00dfbraucht wird. Alles soll auf einmal nachhaltig sein. Einen als &#8222;nachhaltig&#8220; zertifizierten Regenwald, wie es uns z.B. Holzkonzerne, Importeure\u00a0 und diverse Aktivisten weismachen wollen, gibt es nicht. Regenwald l\u00e4\u00dft sich nicht bewirtschaften, man kann ihn nur erhalten (so wie er ist) &#8211; oder zerst\u00f6ren. Aber der Wald in den gem\u00e4\u00dfigten Breiten kann durchaus nachhaltig bewirtschaftet werden, ja &#8211; die Bewirtschaftung, wenn sie klug betrieben wird, ist geradezu eine Voraussetzung daf\u00fcr, da\u00df er so ist, wie wir alle ihn uns w\u00fcnschen. Ohne die Forstwirtschaft, wie sie in Europa seit zwei, drei Jahrhunderten betrieben wird, g\u00e4be es ihn nicht.<\/p>\n<p>Das Klischee vom guten Wald und dem b\u00f6sen F\u00f6rster, das von einigen nicht ganz gescheiten Zeitgenossen immer einmal wieder aufgebracht wird, ist nur &#8211; dummes Zeug. Ohne die Forstwirtschaft h\u00e4tten wir in Mitteleuropa &#8211; von wenigen Sonderstandorten wie Felsen, Mooren und Sandd\u00fcnen abgesehen &#8211; fast \u00fcberall einen extrem artenarmen Buchenwald, denn unter dem Kronendach der B\u00e4ume kann sich, von den Fr\u00fchbl\u00fchern abgesehen, keine nennenswerte Krautschicht entwickeln. Nat\u00fcrlich h\u00e4tten wir, wenn der Mensch nicht mehr eingreift, auch keine Wege mehr im Wald. Das w\u00e4re dann das Endstadium der nat\u00fcrlichen Entwicklung, die sog. Klimaxvegetation. (\u00dcbrigens ist es au\u00dferhalb des Waldes nicht viel anders, auch in den offenen, baumlosen Vegetationseinheiten w\u00e4re der Artenreichtum sehr schnell verschwunden, wenn es den Menschen nicht mehr g\u00e4be.)<\/p>\n<p>Der Wald sieht sich jetzt freilich einer Bedrohung ausgesetzt, die so nicht zu erwarten war: er wird offenbar zum Spekulationsobjekt der Finanzwelt. Anleger, die genug haben von den Turbulenzen auf dem Aktienmarkt, wenden sich zunehmend solideren Anlagen zu: Edelmetallen wie dem Gold etwa und jetzt auch &#8211; dem deutschen Wald.<\/p>\n<p>Im Finanzteil der F.A.Z. vom Samstag (<a title=\"hier\" href=\"http:\/\/www.faz.net\/artikel\/C31721\/deutscher-waldfonds-in-der-krise-sind-anlagen-in-wald-gefragt-30483925.html\">hier<\/a> nachzulesen) erf\u00e4hrt man, da\u00df der osteurop\u00e4ische Wald und der in \u00dcbersee schon l\u00e4nger ein Objekt der Anleger ist. So k\u00f6nnen sich deutsche Anleger u.a. an Sandelholzplantagen in Australien und an Plantagen in Lateinamerika beteiligen. &#8222;Nachhaltigkeitsfonds&#8220; nennt man das hin und wieder im Internet. Das Emissionshaus Aquila etwa bietet eine Beteiligung am &#8222;Amata-Projekt&#8220; an &#8211; dabei gehe es darum, schreibt die F.A.Z., &#8222;durch nachhaltige Forstwirtschaft den brasilianischen Regenwald zu erhalten&#8220;. F\u00fcr dieses &#8211; biologisch nicht m\u00f6gliche &#8211; Unterfangen winkt eine j\u00e4hrliche Rendite zwischen 10 und 35 Prozent! Aber &#8211; leider, leider! &#8211; kann man den Regenwald nur erhalten, indem man ihn <em>nicht<\/em> antastet. Was man als &#8222;nachhaltig bewirtschaftet&#8220; an seine Stelle setzt, ist eben kein Regenwald mehr, sondern (im g\u00fcnstigsten Fall!) Ersatzvegetation, mit einem Bruchteil der Artenvielfalt, die im urspr\u00fcnglichen Regenwald vorhanden war.<\/p>\n<p>Es wird Jahrhunderte dauern, bis wieder ein echter Regenwald entsteht &#8211; viele Forscher sind sogar der Ansicht, da\u00df auch unter besten Bedingungen (und von denen ist man in Indonesien, Brasilien usw. weit entfernt) auf solchen Fl\u00e4chen \u00fcberhaupt kein Regenwald mehr entstehen wird.<\/p>\n<p>Jetzt ist also der deutsche Wald an der Reihe. Die Anleger spekulieren darauf, da\u00df immer mehr Kommunen aus schierem Geldmangel ihren Wald verkaufen m\u00fcssen. Ist das (aus Sicht der Anleger) zu optimistisch gedacht? Keineswegs!<\/p>\n<p>Wir wohnen zum Beispiel in einer kleinen Stadt im Rhein-Main-Gebiet, die immer noch viele sch\u00f6ne W\u00e4lder besitzt. Aber sie ist in gro\u00dfer Geldnot &#8211; und es gibt ein Kiesunternehmen, das dringend nach neuen Fl\u00e4chen f\u00fcr die Auskiesung sucht. Der Besitzer der Kiesgrube hat \u00fcber viele Jahre hinweg\u00a0 vorgesorgt: er ist als Sponsor aufgetreten, hat pers\u00f6nliche Beziehungen zu den Parteien gekn\u00fcpft, und er ist in allen Vereinen pr\u00e4sent. Die Arbeit an seinem Netzwerk hat sich gelohnt: die Stadt hat ihm an die 8o Hektar sch\u00f6nen Bannwalds zur Auskiesung \u00fcbertragen. Ein Referendum wurde von der Stadt mit juristischen Winkelz\u00fcgen verhindert.<\/p>\n<p>So geht es in vielen St\u00e4dten und Gemeinden zu. Aus akutem Geldmangel wird privatisiert und verkauft, was das Zeug h\u00e4lt &#8211; auch das Tafelsilber, und dazu z\u00e4hlt ja der Wald wahrhaftig. Nils Weber, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der Deutschen Forst Invest GmbH in M\u00fcnchen, jubelt: immer mehr Kommunen seien bereit, &#8222;sich von Fl\u00e4chen zu trennen&#8220;. Was im Westen freilich nur schleppend funktioniert, weil der Wald dort &#8222;emotional so hoch besetzt ist&#8220;, geht in den neuen Bundesl\u00e4ndern offenbar viel einfacher. Noch einfacher allerdings funktionieren diese &#8222;Waldfonds&#8220; etwa in Rum\u00e4nien, wo ein Emissionshaus schon 11.000 Hektar Wald aufgekauft hat.<\/p>\n<p>Darf ich ein ehrliches Wort sagen?<\/p>\n<p>Mir k\u00f6nnen diese ganzen Emissionsh\u00e4user und Forst Invest GmbHs gestohlen bleiben!\u00a0 Schon in der Bankenkrise hat sich vor Jahren gezeigt, da\u00df die Finanzwelt eine vollst\u00e4ndig ethikfreie Zone ist. Hier gibt es nur eines: sein Geld so anlegen, da\u00df es in m\u00f6glichst kurzer Zeit m\u00f6glichst viel Gewinn abwirft. Das soll ein Lebensinhalt sein? Mein Gott, wie armselig.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: center;\">Wer m\u00f6chte leben ohne den Trost der B\u00e4ume!<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>So beginnt ein Gedicht von G\u00fcnter Eich. Ich m\u00f6chte es jedenfalls nicht. Aber auf die gesamte Finanzwelt verzichte ich liebend gern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Rettet den Wald!&#8220; &#8211; das ist ein bis heute unvergessenes und immer noch aktuelles Buch, das Horst Stern 1979 zusammen mit einigen Mitautoren ver\u00f6ffentlicht hat. 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