{"id":1606,"date":"2011-08-11T18:11:54","date_gmt":"2011-08-11T16:11:54","guid":{"rendered":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=1606"},"modified":"2011-09-09T15:53:15","modified_gmt":"2011-09-09T13:53:15","slug":"uber-das-tier-im-christentum","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=1606","title":{"rendered":"\u00dcber das Tier im Christentum"},"content":{"rendered":"<p>Gerade f\u00fcr einen Christen mu\u00df es ein immerw\u00e4hrendes \u00c4rgernis sein, wie sich seine Kirche den Tieren gegen\u00fcber verh\u00e4lt. Es ist dies &#8211; historisch gesehen &#8211; ein Teil des j\u00fcdischen, also alttestamentlichen Erbes, aber heute, gut 2000 Jahre nach Christi Geburt, ist die herablassende Einstellung zum Tier durch nichts mehr zu rechtfertigen.<\/p>\n<p>Ein Beispiel daf\u00fcr mag eine Stelle aus dem katholischen Katechismus von 1993 sein. Dort hei\u00dft es:<\/p>\n<blockquote><p>Tiere, Pflanzen und leblose Wesen sind von Natur aus zum gemeinsamen Wohl der Menschheit von gestern, heute und morgen bestimmt.<\/p><\/blockquote>\n<p>Von Natur aus? Was hei\u00dft das? Wie kann man so eine Hypothese begr\u00fcnden?<\/p>\n<p>Dann kommen ein paar S\u00e4tze, die auf den ersten Blick wie eine Einschr\u00e4nkung wirken: die Herrschaft des Menschen \u00fcber die Tiere sei nicht absolut, die &#8222;Ehrfurcht vor der Unversehrtheit der Sch\u00f6pung&#8220; m\u00fcsse gewahrt werden, man d\u00fcrfe sie nicht &#8222;nutzlos&#8220; leiden lassen usw. Nat\u00fcrlich fehlt auch nicht der Hinweis auf die beiden Heiligen, Franz von Assisi und Philipp Neri, die aber &#8211; was nicht im Katechismus steht &#8211; mit ihrer Liebe zu den tierischen Mitgesch\u00f6pfen in der Kirche ziemlich allein dastehen.<\/p>\n<p>Aber dann! Dann liest man n\u00e4mlich in Art. 2418 zwei S\u00e4tze \u00fcber die Tiere, die wie ein Fallbeil klingen:<\/p>\n<blockquote><p>Auch ist es unw\u00fcrdig, f\u00fcr sie Geld auszugeben, das in erster Linie menschliche Not lindern sollte. Man darf Tiere gern haben, soll ihnen aber nicht die Liebe zuwenden, die einzig Menschen geb\u00fchrt.<\/p><\/blockquote>\n<p>Im deutschen Kompendium dazu hei\u00dft es 2005 kurz und b\u00fcndig: &#8222;\u00fcbertriebene Liebe zu Tieren &#8230; ist zu meiden&#8220;.<\/p>\n<p>Mir hat der Atem gestockt, als ich diese S\u00e4tze im katholischen Katechismus das erste Mal gelesen habe.\u00a0 Wenn man ganz offen so viel menschliche \u00dcberheblichkeit und Arroganz zeigt, sollte man auch nicht von &#8222;Bewahrung der Sch\u00f6pfung&#8220; reden. Ein paar Fu\u00dfnoten mit Hinweisen auf die biblische Sch\u00f6pfungsgeschichte k\u00f6nnen nichts wiedergutmachen, was solche S\u00e4tze anrichten. Und vor allem sollte man sich dann auch nicht wundern, da\u00df sich so viele junge Menschen dem Buddhismus zuwenden, der in seiner Einstellung zum Tier viel konsequenter (und ehrlicher!) ist.<\/p>\n<p>Das anthropozentrische Weltbild ist ein bedenkliches Erbe, das die Christen vom j\u00fcdischen Glauben \u00fcbernommen haben. Ein Jesuswort, das diese \u00dcberheblichkeit aus christlicher Sicht rechtfertigen w\u00fcrde, kenne ich nicht.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte an dieser Stelle ein paar Zitate von Arthur Schopenhauer in die Diskussion einf\u00fchren, der\u00a0 &#8211; man wird es schon gemerkt haben &#8211; mein Lieblingsphilosoph ist. Es gibt unter den Philosophen keinen gr\u00f6\u00dferen, energischeren und eloquenteren F\u00fcrsprecher f\u00fcr die Tiere als ihn.<\/p>\n<blockquote><p>Die vermeinte Rechtlosigkeit der Thiere, der Wahn, da\u00df unser Handeln gegen sie ohne moralische Bedeutung sei, oder, wie es in der Sprache jener Moral hei\u00dft, da\u00df es gegen Thiere keine Pflichten gebe, ist geradezu eine emp\u00f6rende Rohheit und Barbarei des Occidents, deren Quelle im Judenthum liegt. In der Philosophie beruht sie auf der aller Evidenz zum Trotz angenommenen g\u00e4nzlichen Verschiedenheit zwischen Mensch und Thier.<\/p><\/blockquote>\n<p>Schopenhauer hat zeitlebens alles in sich aufgesaugt, was zu seiner Zeit von den alten asiatischen Religionen nach Europa gedrungen ist. Auch die neuen Erkenntnisse der Naturwissenschaften hat er sofort in seine Schriften aufgenommen. Sehen wir uns einmal an, was er zum Verh\u00e4ltnis von Mensch und Tier zu sagen hat:<\/p>\n<blockquote><p>Man mu\u00df wahrlich an allen Sinnen blind, oder vom <em>foetor Judaicus<\/em> total chloroformirt seyn, um nicht zu erkennen, da\u00df das Wesentliche und Haupts\u00e4chliche im Thiere und im Menschen das Selbe ist, und da\u00df was Beide unterscheidet, nicht im Prim\u00e4ren, im inneren Wesen, im Kern beider Erscheinungen liegt, sondern allein im Sekund\u00e4ren, im Intellekt, im Grad der Erkenntni\u00dfkraft &#8230; Da\u00df die Moral des Christenthums die Thiere nicht ber\u00fccksichtigt, ist ein Mangel derselben, den es besser ist einzugestehen, als zu perpetuieren &#8230; Mitleid mit Thieren h\u00e4ngt mit der G\u00fcte des Charakters so genau zusammen, da\u00df man zuversichtlich behaupten darf, wer gegen Thiere grausam ist, k\u00f6nne kein guter Mensch seyn.<\/p><\/blockquote>\n<p>Und er spricht &#8211; h\u00f6chst modern! &#8211; vom seltsamen Begriff einer &#8222;blo\u00df zum Nutzen und Erg\u00f6tzen der Menschen ins Daseyn gekommenen Thierwelt&#8220;, in dessen Folge man in Europa &#8222;die Thiere ganz als Sachen behandelt&#8220;.<\/p>\n<p>Dem ist eigentlich nichts mehr hinzuzuf\u00fcgen.<\/p>\n<p>Nur das vielleicht noch: eine Umkehr, wie sie die christlichen Kirchen gern von ihren Sch\u00e4flein fordern, sollten sie hier schleunigst an sich selbst vollziehen. Falls der furchtbare Absatz im katholischen Katechismus noch immer g\u00fcltig ist, mu\u00df er entfernt werden. Ihn st\u00fctzt, wie gesagt, kein Jesuswort, er ist unn\u00f6tig, \u00e4rgerlich und entspricht eher dem j\u00fcdischen als dem christlichen Glauben. Seine Wurzeln sind j\u00fcdisch-archaisch, nicht christlich.<\/p>\n<p>Wer immer ihn so formuliert hat, sollte sich sch\u00e4men.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gerade f\u00fcr einen Christen mu\u00df es ein immerw\u00e4hrendes \u00c4rgernis sein, wie sich seine Kirche den Tieren gegen\u00fcber verh\u00e4lt. 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