{"id":15383,"date":"2016-10-15T10:00:39","date_gmt":"2016-10-15T08:00:39","guid":{"rendered":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=15383"},"modified":"2016-12-03T16:02:45","modified_gmt":"2016-12-03T15:02:45","slug":"der-literaturnobelpreis-fuer-bob-dylan-ein-fehlgriff","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=15383","title":{"rendered":"Der Literaturnobelpreis f\u00fcr Bob Dylan &#8211; ein Fehlgriff"},"content":{"rendered":"<p>Darf ich meinen Lesern ein Gest\u00e4ndnis machen? Ich liebe Bob Dylan, vor allem den Dylan der fr\u00fchen Jahre, als er noch zur akustischen Gitarre und (unnachahmlich!) zur Mundharmonika sang.<\/p>\n<p>Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, als es hier in Deutschland au\u00dfer der klassischen Musik, die in meiner Familie niemand geh\u00f6rt hat, nur den deutschen Schlager gab: also Roy Black, Freddy Quinn, Wencke Myhre usw. Das war die Popmusik der &#8222;Adenauerzeit&#8220;. Mitte der 60er Jahre kam dann eine Art Kulturrevolution: mit den Beatles und vor allem mit dem Folksongs aus England und Amerika. Es war vor allem der Folk, der mich damals gepr\u00e4gt hat: Woody Guthrie,\u00a0 Pete Seeger, Judy Collins, Joan Baez &#8211; und nat\u00fcrlich Bob Dylan.<\/p>\n<p>Da m\u00fc\u00dfte ich doch eigentlich gl\u00fccklich sein \u00fcber den Literaturnobelpreis f\u00fcr Dylan. Aber ich bin es nicht, und ich finde vieles, was man heutzutage in den Feuilletons lesen kann, geradezu grotesk. Da wird Dylan mit Homer und Shakespeare verglichen, und viele der Hymnen, die unsere Feuilletonredakteure verfa\u00dft haben, sind allenfalls autobiographisch zu begreifen.<\/p>\n<p>In meinem B\u00fccherregal steht heute noch ein Band mit den Dylanschen Liedtexten, zweisprachig amerikanisch-deutsch, erschienen 1975 bei Zweitausendeins. Wenn man darin ein bi\u00dfchen st\u00f6bert, ist man schnell ern\u00fcchtert. Die Texte sind n\u00e4mlich oft mit Metaphern \u00fcberladen, und um gro\u00dfe Lyrik (wie man es jetzt \u00fcberall lesen kann) handelt es sich nun wirklich nicht. Es sind Texte, die nur im Zusammenspiel mit Dylans Stimme, mit seiner Musik ihre Kraft entfalten. Da freilich werden sie fast \u00fcbermenschlich gro\u00df.<\/p>\n<p>Aber es sind und bleiben <em>Songtexte. <\/em>Leider gibt es keinen Nobelpreis f\u00fcr Musik, und was sich heute so an Preisen f\u00fcr popul\u00e4re Musik etabliert hat, belohnt fast immer nur den kommerziellen Erfolg.<\/p>\n<p>Bob Dylan hat jeden Preis der Welt verdient, aber nicht den Literaturnobelpreis. Das ist ein Fehlgriff.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df, das Feuilleton freut sich \u00fcber alle Ma\u00dfen, da\u00df man in Stockholm den &#8222;engen Literaturbegriff&#8220; gedehnt hat, aber (um die fast totzitierte Gertrude Stein noch ein weiteres Mal zu zitieren):<\/p>\n<blockquote><p>Literatur ist Literatur ist Literatur.<\/p><\/blockquote>\n<p>Und ein Songtext bleibt nun einmal ein Songtext, er wirkt nur zusammen mit der Musik. Ihn isoliert zu &#8222;lesen&#8220; und als &#8222;Gedicht&#8220; zu beurteilen, verst\u00f6\u00dft gegen sein Wesen.<\/p>\n<p>Ich glaube, da\u00df sich Bob Dylan dar\u00fcber im klaren ist. Zum Preis, der ihm so unverhofft zugesprochen wurde, schweigt er immer noch. Aber zur <span class=\"st\">Generalsekret\u00e4rin des Nobelpreis-Komitees, Sara Danius, die ihn in Stockholm gepriesen hat, w\u00fcrde er vielleicht sagen:<\/span><\/p>\n<blockquote><p>No, no, no, it ain&#8217;t me, babe,<br \/>\nIt ain&#8217;t me you&#8217;re lookin&#8216; for, babe.<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Darf ich meinen Lesern ein Gest\u00e4ndnis machen? Ich liebe Bob Dylan, vor allem den Dylan der fr\u00fchen Jahre, als er noch zur akustischen Gitarre und (unnachahmlich!) zur Mundharmonika sang. 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