{"id":15149,"date":"2016-08-15T18:31:25","date_gmt":"2016-08-15T16:31:25","guid":{"rendered":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=15149"},"modified":"2016-08-16T08:49:49","modified_gmt":"2016-08-16T06:49:49","slug":"richard-schroeder-und-die-protestantische-barmherzigkeit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=15149","title":{"rendered":"Richard Schr\u00f6der und die speziell protestantische Barmherzigkeit"},"content":{"rendered":"<p>Richard Schr\u00f6der kennen viele noch aus der Wendezeit: er ist evangelischer Theologe und (wie es die Wikipedia allen Ernstes formuliert) &#8222;ein deutscher Philosoph&#8220;. In der gestrigen Ausgabe der F.A.Z. hat er in einem ganzseitigen Artikel dargestellt &#8222;Was wir Migranten schulden &#8211; und was nicht&#8220;. Im Mittelpunkt steht bei ihm, wenn man den Artikel liest, vor allem, was wir den Fl\u00fcchtlingen <em>nicht schulden. <\/em><\/p>\n<p>Die protestantische Ethik hat offenbar ein Problem mit dem Begriff der Barmherzigkeit, der ja fast identisch mit dem der N\u00e4chstenliebe ist, also dem eigentlichen Wesenskern der christlichen Ethik. Hier sieht sich der Protestantismus seit einiger Zeit vor allem in Konkurrenz zum Papst und zum Katholizismus \u00fcberhaupt. Nicht nur, da\u00df Franziskus das von ihm ausgerufene Heilige Jahr unter das Motto &#8222;Barmherzigkeit&#8220; gestellt hat, es gibt von katholischer Seite auch eine F\u00fclle interessanter Beitr\u00e4ge zu diesem Thema (zum Beispiel die Arbeit von Walter Kardinal Kasper, &#8222;Barmherzigkeit: Grundbegriff des Evangeliums &#8211; Schl\u00fcssel christlichen Lebens&#8220;, Freiburg 2012).<\/p>\n<p>Schr\u00f6der kennt nat\u00fcrlich seine Bibel und das Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Aber er ist offenbar getrieben von der Furcht, da\u00df man die Barmherzigkeit zu weit treiben k\u00f6nnte. Deshalb schr\u00e4nkt er ihren legitimen Wirkungsbereich rigoros ein: sie habe, sagt er,<\/p>\n<blockquote><p>ihren Ort in erlebbaren Nahbeziehungen (oder in erlebbar gemachten Fernbeziehungen).<\/p><\/blockquote>\n<p>Und dann kommt ein Satz, bei dem es mich schaudert:<\/p>\n<blockquote><p>Einzelne k\u00f6nnen barmherzig sein, auch Institutionen, die sich der Barmherzigkeit verschrieben haben. Der Staat aber darf nicht barmherzig sein, weil er gerecht sein mu\u00df.<\/p>\n<p>Ein Autokrat kann Gnade vor Recht ergehen lassen. Im Rechtsstaat ist das regelm\u00e4\u00dfig nicht zul\u00e4ssig.<\/p><\/blockquote>\n<p>Gerade \u00fcber das Spannungsverh\u00e4ltnis von Barmherzigkeit und Gerechtigkeit hat Walter Kardinal Kasper in seinem Buch so klug und differenziert diskutiert, da\u00df einem die holzschnittartigen S\u00e4tze Schr\u00f6ders fast im Halse stecken bleiben.<\/p>\n<p>PS:\u00a0 Ein Autokrat kann Gnade vor Recht ergehen lassen, schreibt Schr\u00f6der. Und wie ist es mit dem lieben Gott? Ist er auch ein Autokrat? Aber: w\u00fcnschen wir uns nicht alle einen gn\u00e4digen, einen barmherzigen Gott? Oder etwa einen, der uns b\u00fcrokratisch streng nach Aktenlage richtet, wenn es einmal so weit ist?<\/p>\n<p>Gn\u00e4dig sein und barmherzig, das soll also laut Schr\u00f6der nur noch von Mensch zu Mensch erlaubt sein? Und im Staat soll es zugehen nach dem Motto: <em>Fiat iustitia et pereat mundus<\/em>? Nein, das spannungsreiche Verh\u00e4ltnis von Barmherzigkeit und Gerechtigkeit so simpel auf zwei Sph\u00e4ren zu verteilen, eine solche Vereinfachung sollte einem &#8222;deutschen Philosophen&#8220; nicht unterlaufen &#8211; und einem Christenmenschen schon gar nicht.<\/p>\n<p>Wer Differenzierteres \u00fcber dieses Thema lesen will, dem kann ich das obengenannte Buch von Walter Kardinal Kasper nur empfehlen. Der Leser wird dort auch feststellen, da\u00df von der &#8222;Naivit\u00e4t der Kirchen&#8220;, die gern unterstellt wird, keine Rede sein kann.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Richard Schr\u00f6der kennen viele noch aus der Wendezeit: er ist evangelischer Theologe und (wie es die Wikipedia allen Ernstes formuliert) &#8222;ein deutscher Philosoph&#8220;. 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