{"id":1463,"date":"2011-08-03T15:11:21","date_gmt":"2011-08-03T13:11:21","guid":{"rendered":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=1463"},"modified":"2011-08-03T23:41:28","modified_gmt":"2011-08-03T21:41:28","slug":"heiden-uberall-heiden","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/antibarbarus.de\/?p=1463","title":{"rendered":"Heiden, \u00fcberall Heiden!"},"content":{"rendered":"<p>Vierzig Jahre lang hat die SED versucht, die Religion in ihrem Staatsgebiet auszurotten. Die Mittel waren selten subtil, meistens hat sie dazu die geballte Macht des Staates eingesetzt. Der Atheismus war Teil der <em>marxistisch-leninistischen Weltanschauung<\/em>, er hat die Menschen von der Wiege bis zur Bahre begleitet, und da\u00df die Pfaffen dem Volk nur Opium verabreichen, war eine ausgemachte Sache.<\/p>\n<p>Aber so ganz erfolgreich waren sie am Ende doch nicht. Gerade die &#8222;Pfaffen&#8220; waren es ja, die zum harten Kern der Montagsdemonstrationen wurden, um sie hat sich das Volk geschart, und mit ihnen hat es gesiegt. Und doch &#8211; dieser t\u00e4glich eingebleute, oft erschreckend primitive Atheismus hat sich in den neuen Bundesl\u00e4ndern als z\u00e4h und langlebig erwiesen.<\/p>\n<p>Ein Beispiel ist die <em>Jugendweihe<\/em>, die zwar eine lange Geschichte hat, aber doch in der DDR in erster Linie dazu da war, die religi\u00f6sen Feiern zur\u00fcckzudr\u00e4ngen und zu ersetzen. Wer nicht teilnahm, mu\u00dfte mit schweren pers\u00f6nlichen Konsequenzen rechnen. Vor diesem Hintergrund bleibt es r\u00e4tselhaft, da\u00df diese so gr\u00fcndlich desavouierte Institution immer noch am Leben ist. Noch zehn Jahre nach der Wende sollen in den neuen Bundesl\u00e4ndern bis zu 40 % der Jugendlichen an der Jugendweihe teilgenommen haben. Organisiert werden diese Feiern, wenn man den Wikipedia glauben darf, von Vereinen und &#8222;freigeistigen, freidenkerischen und humanistischen Organisationen&#8220;, oder &#8211; sagen wie es einmal pointiert &#8211; von Sekten. Denn auch der Atheismus ist ja nichts anderes als eine Religion, und auch er hat ein buntes Spektrum von (oft skurrilen!) Sekten.\u00a0 Da\u00df die den Begriff des Humanismus f\u00fcr ihre hausbackene Freidenkerei usurpieren, ist freilich schon ein bi\u00dfchen unverfroren.<\/p>\n<p>Wie bin ich jetzt \u00fcberhaupt auf dieses Thema gekommen? Ach ja &#8211; ich habe gestern in der F.A.Z. gelesen, da\u00df in den B\u00e4derst\u00e4dten von Mecklenburg-Vorpommern die Kaufleute zu Wutb\u00fcrgern werden. Und warum? Dazu mu\u00df man ein wenig ausholen: gleich nach der Wende wurde in 149 Ferienorten des Landes der Sonntag praktisch abgeschafft, die L\u00e4den durften dort an 49 (!) Sonntagen im Jahr ge\u00f6ffnet werden. Nachdem die beiden Kirchen gegen diesen Akt von kultureller Barbarei zurecht (und wahrscheinlich viel zu sp\u00e4t) Klage eingereicht haben, hat man sich im letzten Jahr zusammengesetzt und einen Kompromi\u00df ausgearbeitet, der ein paar \u00c4nderungen in der Vor- und Nachsaison vorsieht. Schon diese Einschr\u00e4nkung ist auf den energischen Widerstand der Gewerbetreibenden gest0\u00dfen. Die Besitzerin eines Einzelhandelgesch\u00e4fts in Boltenhagen klagt:<\/p>\n<blockquote><p>Ich bin auf die Sonntage angewiesen, auch auf die im Herbst und im Fr\u00fchjahr. Wissen Sie, wie hoch die Miete f\u00fcr mein Gesch\u00e4ft ist? Das mu\u00df erst einmal erwirtschaftet werden.<\/p><\/blockquote>\n<p>Eines stimmt an dieser Aussage: die Vermieter von gewerblichen Immobilien werden mit ihren Mieterh\u00f6hungen immer dreister. Sie sind die Hauptschuldigen daf\u00fcr, da\u00df die Innenst\u00e4dte fast ausschlie\u00dflich von finanziell leistungsf\u00e4higen Ketten dominiert werden. Aber sollen wir f\u00fcr sie jetzt auch noch den Sonntag opfern, weil kleinere Gesch\u00e4fte sonst nicht \u00fcber die Runden kommen?<\/p>\n<p>Im \u00fcbrigen ist unsere Verfassung hier eindeutig. In Art. 140 bestimmt sie, da\u00df der Art. 139 der Weimarer Verfassung Bestandteil des Grundgesetzes ist. Er lautet:<\/p>\n<blockquote><p>Der Sonntag und die staatlich anerkannten Feiertage bleiben als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung gesetzlich gesch\u00fctzt.<\/p><\/blockquote>\n<p>Nun mag es f\u00fcr viele Menschen eine seelische Erhebung bedeuten, wenn die Kasse klingelt, aber die V\u00e4ter des Grundgesetzes, das im \u00fcbrigen eine der besten Verfassungen der Welt ist, haben es so ganz bestimmt nicht gemeint.<\/p>\n<p>Die katholische Kirche hat jetzt &#8211; zurecht! &#8211; auch gegen diesen faulen Kompromi\u00df bei der Sonntags\u00f6ffnung Klage eingereicht. Das ist ihr gutes Recht &#8211; und ich w\u00fcnsche ihr allen Erfolg. Die Einzelh\u00e4ndler in den Badeorten aber, f\u00fcr die das, was man den &#8222;heiligen Sonntag&#8220; nennt, offenbar genauso wurscht ist wie unser Grundgesetz, schnauben vor Wut. Von Ha\u00df ist die Rede, vom Kirchenaustritt, und \u00fcberhaupt: die Kirchen seien &#8222;mittelalterlich&#8220;.<\/p>\n<p>Ach, wenn unsere Kirchen doch noch viel \u00f6fter so mittelalterlich w\u00e4ren, statt sich stromlinienf\u00f6rmig an jeden dummen Trend anzupassen! Es ist n\u00e4mlich nicht ihre Aufgabe, Gesch\u00e4ftemachern beim Gesch\u00e4ftemachen und H\u00e4ndlern beim Handeln zu helfen. Das m\u00f6gen andere tun. Und auch Frau B. aus Boltenhagen wird einmal merken, da\u00df es in ihrem Leben (und erst recht in ihrem Sterben) Wichtigeres gibt als das Klingeln der Kasse.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vierzig Jahre lang hat die SED versucht, die Religion in ihrem Staatsgebiet auszurotten. 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